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Zuckersteuer in Großbritannien - Das Vereinigte Königreich kommt auf Diät

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Für Getränke mit hohem Zuckergehalt sollen die Hersteller in Großbritannien von heute an eine Abgabe zahlen. Die Befürworter einer Zuckersteuer sind zufrieden.

Großbritannien hat heute eine Zuckersteuer auf Softdrinks eingeführt. Ab fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter müssen die Hersteller eine Zuckersteuer von rund 20 Cent zahlen, bei mehr als acht Gramm Zucker wird sie Sonderabgabe noch teurer. …

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Er ist der Vorreiter, wenn es um den Kampf für gesündere Ernährung von Kindern geht, und er weiß, wie man sich in Szene setzt: Jamie Oliver, Promikoch, Vater und Aktivist, posiert vor dem Parlament, die Finger zum Victory-Zeichen gereckt. Kurz zuvor hatte die Regierung bei der Vorstellung des Haushalts die Einführung einer Zuckersteuer, genau genommen eine Abgabe auf extrem zuckerhaltige Getränke, angekündigt. Oliver hatte dafür gekämpft, wie schon zuvor für gesünderes Schulessen - und wider Erwarten gewonnen. Im britischen Volksmund heißt die Zuckersteuer deshalb auch "Jamie Oliver-Steuer". Das war 2016. Heute wird sie - zwei Jahre nach der Ankündigung - in Großbritannien Wirklichkeit.

Wen trifft die Steuer?

Jamie Oliver
Jamie Oliver freut sich über die Einführung der Zucker-Abgabe. Quelle: picture alliance / empics

Die von der Steuer anvisierten Getränke, da sind sich Gesundheitsexperten einig, haben keinen ernährungsphysiologischen Nutzen. Sie enthalten Zuckermengen, die deutlich über dem empfohlenen Tagesgrenzwert eines Kindes liegen. Softdrinks, auch daran bestehen kaum Zweifel, tragen wesentlich zur hohen Zuckeraufnahme von Kindern, insbesondere Teenagern, bei. Daher misst sich die Steuer nach dem Zuckergehalt pro 100 Milliliter.

Von der Steuer sind ausschließlich Getränke betroffen, denen mehr als 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter zugesetzt wurden. Das Wörtchen "zugesetzt" macht dabei den kleinen aber feinen Unterschied. Dadurch sind Fruchtsäfte, obwohl ebenfalls reich an Zucker, aber eben Fruchtzucker, von der Steuer befreit. Ebenso ausgenommen sind Joghurt- und Milchdrinks, wegen des, gerade für Mädchen im Teenageralter, wichtigen Kalziumgehalts.  Die Steuer ist außerdem gestaffelt: Bei Getränken mit einem Zuckergehalt zwischen fünf und acht Gramm pro 100 Milliliter beträgt die Abgabe 21 Cent pro Liter. Getränke, die mehr als acht Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthalten, werden mit 28 Cent pro Liter besteuert.

Fast ein Drittel der Jugendlichen fettleibig

Natürlich wurde und wird hierzulande sehr kontrovers debattiert, was eine solche Steuer tatsächlich bringt, aber der Grund für ihre Einführung (laut der britische Regierung) ist klar: das Vereinigte Königreich muss dringend auf Diät. Großbritannien ist zum dicken Mann Europas geworden, hat eine der höchsten Fettleibigkeitsraten in der entwickelten Welt, und es wird schlimmer. Laut dem Gesundheitsministerium werden bis 2050 über 35 Prozent der Jungen und 20 Prozent der Mädchen im Alter zwischen sechs und zehn Jahren fettleibig sein. Dieses allgemeine Problem und die vermeidbare Diabetes 2 koste den NHS (Nationaler Gesundheitsdienst) jährlich etwa 6.9 Milliarden Euro.

Der dicke Mann wird zum kranken Mann und somit zur ökonomischen Belastung. Als die Abgabe aufgestellt wurde, prognostizierte die Regierung, dass die Maßnahme in den ersten drei Jahren 1,1 Milliarden Euro einbringen würde, allein im ersten Jahr der Umsetzung knappe 600 Millionen Euro. Damit sollten nach dem Willen des damaligen Schatzkanzlers George Osborne Schulsportprogramme und Frühstücksclubs finanziert werden.

Firmen ändern Rezepte

Doch diese hoffnungsvolle Rechnung geht für das Finanzministerium nicht auf. Denn dass die süße Steuer der mächtigen Getränkeindustrie, allen voran Coca-Cola und Britvic sauer aufstoßen wird, war klar. Schließlich hatten sie bereits über Jahre auf politischen Druck den Zuckergehalt in den Getränken für den britischen Markt gesenkt. Immerhin hatten sie zwei Jahre Zeit, sich zu wappnen, um der Steuer zu entgehen. So verkauft Coca Cola seinen roten Verkaufsschlager seit März in kleineren Flaschen für mehr Geld. Und holt sich so die Steuer vom Kunden zurück. Bei den Marken Fanta und Sprite wurden die Rezepturen geändert - weniger Zucker, stattdessen mehr Süßstoff. Sprite hat statt 6,6 Gramm nur noch 3,3 Gramm Zucker, Fanta statt 6,9 nur noch 4,6 Gramm Zucker (Zum Vergleich: In Deutschland enthalten Sprite und Fanta 9 Gramm Zucker pro 100 Milliliter).

Die Firma A.G. BARR, die Irn-Bru, das schottische Nationalgetränk und Kater-Heilmittel herstellt, hat sich ebenfalls für eine Rezepturänderung entschieden. Doch der Schuss ging gewaltig nach hinten los. Irn-Bru Fans haben Hamsterkäufe getätigt und eine Petition gestartet - für die Wiedereinführung der alten Rezeptur.

Was bringt also ein Zuckersteuer wirklich?

Von vielen Kritikern als politischer PR-Stunt verrufen, hat eine Einführung in anderen Ländern, wie Frankreich oder Mexiko gezeigt, dass der Verkauf von zuckerhaltigen Getränken tatsächlich zurückgeht. Doch durch das Ersetzen von Zucker durch Süßstoff wird Kindern das Verlangen nach Süßem nicht genommen. Und die Sucht nach dem weißen Gold kann mit allerhand anderen Lebensmittel gestillt werden, die nicht besteuert werden, allen voran Süßigkeiten. Auch wirtschaftlich wird die Zuckersteuer hinter den Erwartungen zurück bleiben. Neue Berechnungen sagen, dass die Einnahmen im ersten Jahr nur etwa die Hälfte, also 300 Millionen Euro betragen werden.

Trotzdem ist Jamie Oliver "happy" wie er sagt. Die Zuckersteuer ist auch sein Etappensieg im Kampf gegen die wachsende Fettleibigkeits- und Diabetes-Epidemie. Und ihr größter Erfolg wahrscheinlich ist, dass die Schädlichkeit von Zucker diskutiert wird und somit einen Beitrag zur besseren Aufklärung leistet. Bei weitem ist sie kein Allheilmittel und kann nur ein Anfang und Teil einer großen Gesamtstrategie sein, um Großbritannien endlich wieder schlanker zu machen.

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