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Freier Wettbewerb am Zuckermarkt - "Politik muss Industrie in die Pflicht nehmen"

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Am 1. Oktober fällt in der EU die Zuckerquote. Gibt es diese Quote nicht mehr, bestimmt der Wettbewerb den Preis. Durch billigen Zucker könnte es mehr süße Lebensmittel geben, befürchtet Oliver Huizinga von Foodwatch im Interview mit dem 3sat-Wirtschaftsmagazin makro. Da müsse die Politik gegensteuern.

Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg hat dem deutschen Hersteller Dextro Energy untersagt, mit angeblich gesundheitlichen Vorzügen von Traubenzucker zu werben.

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makro: Was passiert Ihrer Meinung nach, wenn die Erzeuger in der EU bald so viel Zucker produzieren können wie sie wollen?

Oliver Huizinga: Es ist zu erwarten, dass die EU-weite Produktion von Zucker und auch Isoglukose, einem Flüssigzucker aus Mais oder Weizen, steigt. Durch das größere Angebot wird der Preis fallen. Das heißt für die verarbeitende Lebensmittelindustrie: Es wird noch lukrativer, auf Süßwaren und Zuckergetränke zu setzen und den Verbrauch dieser Produkte anzukurbeln. Branchen-Analysten haben schon vor zehn Jahren festgestellt, dass die Lebensmittelindustrie in einem Dilemma steckt: Ungesunde Produkte mit viel Zucker sind deutlich profitabler als beispielsweise Obst, Gemüse oder Wasser. Diese Situation wird sich verschärfen. Und deshalb brauchen wir dringender denn je Anreize für die Industrie, gesündere Lebensmittel anzubieten. Das ist im Kampf gegen die weltweite Epidemie an Fettleibigkeit von großer Bedeutung.

makro: Einige Länder erheben Steuern auf gezuckerte Limonaden. Verändern solche staatlichen Eingriffe tatsächlich das Verbraucherverhalten?

Huizinga: Die Erfahrungen aus Großbritannien, Mexiko oder auch aus Berkeley in den USA zeigen, dass die gewünschte Lenkungswirkung eintritt. In Großbritannien hat die größte Einzelhandelskette Tesco angekündigt, die Rezepturen der Eigenmarken grundlegend zu überarbeiten. In Mexiko und Berkeley ist nach Einführung einer Sondersteuer der Konsum der betroffenen Getränke zurückgegangen, der Konsum von Wasser hat hingegen zugenommen. Die Weltgesundheitsorganisation hat daher explizit allen Regierungen empfohlen, eine Sondersteuer auf Zuckergetränke einzuführen. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung bestätigt die Lenkungswirkung. Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) stellt das dennoch bis heute in Frage. Ihm fehlt der politische Wille, sich mit einer großen Industrie anzulegen.

makro: Heißt das, Deutschland hinkt der internationalen Entwicklung hinterher?

Huizinga: Deutschland hinkt der internationalen Entwicklung meilenweit hinterher. Hierzulande möchte man die Lebensmittelwirtschaft bitten, den Zucker in den Produkten freiwillig zu reduzieren. In anderen Staaten wie Frankreich, Großbritannien, Irland, Mexiko, Kanada oder auch manchen Regionen der USA wird die Industrie in die Pflicht genommen: beispielsweise durch Beschränkungen der an Kinder gerichteten Werbung oder auch durch Sondersteuern auf Zuckergetränke. Frankreich und Großbritannien unterstützen zusätzlich farbliche Kennzeichnungen auf der Verpackungsvorderseite, um Produkte besser vergleichbar zu machen. All dies lehnt die Bundesregierung bislang ab - und spielt damit der Lebensmittelwirtschaft in die Hände.

makro: Farbliche Kennzeichnungen bietet ja auch die Lebensmittelampel. Was halten Sie davon?

Huizinga: Die aktuelle Nährwert-Kennzeichnung ist eine Zumutung für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Angaben werden in kleiner Schrift auf der Rückseite versteckt. Und auf der Vorderseite finden wir, wenn überhaupt, komplizierte Prozentangaben für die "Tageszufuhr" auf Basis von kleingerechneten Portionsgrößen. Ziel muss sein, dass Lebensmittel auf einen Blick vergleichbar werden und Zuckerbomben schon auf der Verpackungsvorderseite als solche zu erkennen sind. Das kann mit einer farblichen Kennzeichnung, zum Beispiel der Lebensmittelampel, erreicht werden. Zusätzlich brauchen wir Beschränkungen der an Kinder gerichteten Werbung mit Comicfiguren und Spielzeugbeigaben sowie Sonderabgaben für Zuckergetränke. Die Politik muss die Industrie in die Pflicht nehmen!

makro: Sie werfen der Zuckerindustrie die Verbreitung von Lügen und Einflussnahme auf Politiker vor. Woran machen Sie diese Vorwürfe fest?

Huizinga: In der Diskussion rund um Zucker und Übergewicht hantieren die Lebensmittelwirtschaft, aber auch führende Politiker mit falschen Zahlen und Fehlinformationen. Die Zucker-Lobby agiert besonders unseriös und schreckt nicht einmal davor zurück, Bundestagsabgeordnete anzulügen. So hat die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker in einem Mailing an Abgeordnete behauptet, dass die Deutschen nicht mehr, sondern eher weniger Kalorien aufnähmen als früher. Damit spielt die Zucker-Lobby die Bedeutung einer ungesunden Ernährung für den Anstieg von Übergewicht und Typ-2-Diabetes herunter. Die Wahrheit ist: Seit den 1960er Jahren ist der Kalorienverbrauch in Deutschland erheblich angestiegen, von etwa 2.900 Kalorien pro Tag auf etwa 3.500 Kalorien pro Tag. Das zeigen Daten der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen. Die Zucker-Lobby weigert sich bis heute, die Falschaussage zu korrigieren. Im Grunde verhält sich die Zuckerwirtschaft damit nicht anders als früher die Tabak-Konzerne: Mit falschen Zahlen werden die Risiken der eigenen Produkte verharmlost und unliebsame gesundheitspolitische Initiativen verhindert.

Das Interview führte makro-Moderatorin Eva Schmidt

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