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Rückkehr zu alten Sorten - Mit bunten Kartoffeln in der Klimakrise

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Dürre, Hitze, Starkregen: Der Klimawandel setzt den deutschen Bauern zu. Robustere Feldfrüchte könnten helfen. Für deren Züchtung werden vor allem alte Sorten wieder interessant.

Kartoffelvielfalt: "Rote Emmalie", "Heiderot", "Blaue Anneliese" und "Violetta"
Bio-Bauer Karsten Ellenberg setzt auf Kartoffelvielfalt: "Rote Emmalie", "Heiderot", "Blaue Anneliese" und "Violetta"
Quelle: ZDF

Karsten Ellenberg macht es so, "wie es eine Biene auch machen würde - oder der Wind." Er holt den Pollen mit der Fingerspitze aus der Blüte, trägt ihn drei Meter weit durch sein Gewächshaus und bestäubt damit eine andere Pflanze. Ellenberg ist Bio-Kartoffelbauer und Züchter in Barnum in der Lüneburger Heide. Vier eigene Sorten hat er schon als Saatgut und natürlich auch als Speisekartoffel auf den Markt gebracht. Sie heißen "Rote Emmalie", "Heiderot", "Blaue Anneliese" und "Violetta".

Ein im wahrsten Sinne des Wortes kunterbuntes Sortiment, denn die Kartoffeln sind tatsächlich blau, rot oder violett. Ellenberg verwendet beim Kreuzen uralte Sorten, von denen er manche sogar aus Peru importiert. Dort waren viele Kartoffeln schon bunt, bevor sie Seefahrer nach Europa gebracht haben - und außerdem widerstandsfähiger gegen Krankheiten, Schädlinge und Wetterextreme wie Starkregen oder Dürre.

2018 sind viele Sorten abgestorben

Kartoffelbauer Karsten Ellenberg beim Züchten
Bio-Bauer Karsten Ellenberg züchtet eigene Kartoffelsorten.
Quelle: ZDF/Mark Hugo

"2018, als es sehr trocken war, hat die Blaue Anneliese die Stängel hingelegt - wie die Wildpflanzen ja auch", erinnert sich der Bio-Bauer. "Und als es dann geregnet hat oder wir beregnen konnten, ist die Pflanze wieder aufgestanden." Viele neue Sorten seien dagegen abgestorben. Robuste Pflanzen zu züchten, ist für Ellenberg wichtig - seitdem das Wetter durch den Klimawandel immer unberechenbarer geworden ist. Wie fast alle Züchter hat er lange Zeit vor allem auf guten Geschmack und guten Ertrag hingearbeitet. Widerstandsfähigkeit muss nun unbedingt auch dazugehören.

Dass darauf bei der Züchtung neuer Sorten lange wenig Wert gelegt wurde, könnte sich in Zeiten des Klimawandels rächen. Im Hitzesommer 2018 haben viele Landwirte katastrophale Missernten eingefahren. Der Deutsche Bauernverband beziffert den Schaden auf bis zu 2,8 Milliarden Euro. Die Anpassung an den Klimawandel ist zum existenziellen Problem geworden. Eine Strategie dabei: Umdenken bei der Züchtung neuer Sorten.

Nicht mehr stressfähig

Die Menschen hätten über die Jahrhunderte durch einseitige Züchtung "unbewusst eine genetische Verarmung erzeugt", sagt Prof. Peter Nick vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Vor allem die Fähigkeit, mit Stressfaktoren wie Hitze, Temperaturwechsel oder Infektionen umzugehen, fehle bei neueren Pflanzen oft. Und: "Viele alten Sorten sind deshalb nicht mehr im Gebrauch, weil sie weniger Ertrag liefern oder weil sie nicht mehr so standardisiert sind", so der Botaniker. "Nicht standardisiert" heißt: Sie haben nicht die einheitliche Form oder Größe, auf die zum Beispiel Verpackungsmaschinen eingestellt sind. "Aber sie enthalten sehr viele interessante und wertvolle Gene und die müssen wir erhalten und wieder verstärkt nutzen", so Nick.

Prof. Peter Nick vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Eine einseitige Züchtung von Kartoffeln hat zu einer genetischen Verarmung geführt, meint Prof. Peter Nick vom KIT.
Quelle: ZDF

Ein Beispiel: Alte Wildreben auf der Rheininsel Ketsch in Baden-Württemberg sind gegen die Reben-Krankheit Esca weitgehend immun. Esca scheint auf den Klimawandel geradezu gewartet zu haben. Auslöser der Krankheit sind Pilze, die auch in gesunden Pflanzen vorkommen und so lange harmlos sind, bis die Rebe unter Stress gerät. Bei Hitze, Dürre, heftigen Temperaturschwankungen oder Infektionen etwa kann Esca ausbrechen und ganze Weinberge vernichten.

Suche nach den richtigen Genen

In Frankreich und Italien ist die Krankheit bereits ein großes Problem, zunehmend inzwischen auch in Deutschland. Der Wildrebe dagegen macht die Krankheit nichts aus, obwohl auch sie die Pilze in sich trägt. "Wir versuchen jetzt herauszufinden, welche Gene sind das, die hier eine Rolle spielen", erklärt Nick. Das Ziel: eine Esca-resistente Kulturrebe oder eine, die auch unter Stress gesund bleibt.

Im botanischen Garten hat der Wissenschaftler eine ganze Wildrebensammlung angelegt, um den Genpool für diese und andere Züchtungen zu bewahren und zu nutzen. Denn die Wildrebe gibt es nur noch selten. Nick: "Ich kann nur dann züchten, wenn ich Vielfalt habe. Das heißt: Wenn die Reben hier ausgestorben sind, dann ist das weg."    

Die komplette planet e.-Doku "Bauern im Hitzestress" gibt es hier:

Hitzesommer, Hagel, Schädlinge. Der Klimawandel stellt Deutschlands Bauern vor gewaltige Probleme. Um zu überleben, müssen sie sich anpassen. Doch mit welchen Strategien kann das klappen?

Beitragslänge:
28 min
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Die Folgen des Klimawandel sind unberechenbar

Ein anderes Problem für Züchter: Der Klimawandel geht schnell voran. Bis neue Sorten marktreif sind, kann es aber Jahrzehnte dauern. Und die Folgen der Erderwärmung sind unberechenbar. "Schon allein, wenn wir über Dürreresistenzen reden, dann gestalten die sich in jedem Jahr anders. Und auch für jede Fruchtart anders", erklärt Prof. Frank Ewert vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF).

Mal kommt die Trockenheit im Frühjahr, mal im Spätsommer, mal gibt es dagegen wochenlang Starkregen oder der Spätfrost schlägt zu. Wenn Pflanzen zum Beispiel Hitze wegstecken können, heißt das noch lange nicht, dass sie dabei auch länger ohne Wasser auskommen. Und so wird Züchtung - ob mit oder ohne alte Sorten - zur Mammut-Aufgabe. Für den KIT-Botaniker Nick ist der Klimawandel ein Problem, das die Forschung alleine nicht lösen kann. Die Treibhausgase müssten schnell und drastisch reduziert werden. "Wissenschaft kann Politik nicht ersetzen. Sie kann helfen, Dinge abzufedern - bestenfalls."

Das Risiko streuen

Kartoffelbauer Karsten Ellenberg wartet weder auf die einen noch die anderen. Er züchtet weiter möglichst robuste Pflanzen und baut sie auf seinen Feldern in breiter Vielfalt an - im Gegensatz zu vielen Kollegen, die nur die wenigen Sorten nutzen, die große Saatgutfirmen im Sortiment haben. Mit Vielfalt streut Ellenberg das Risiko wie bei Aktien. Kommt eine Sorte zum Beispiel mit zu viel Regen nicht klar, ist einer anderen die Nässe gerade recht. Ellenberg: "So habe ich immer eine gewisse Ernte, brauche selbst nicht hungern und kann auch immer ein bisschen verkaufen."

Strategien zur Anpassung an den Klimawandel

Mark Hugo ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.

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