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Zugriff auf das menschliche Erbgut - Gen-Schere: Wunderwaffe oder Teufelszeug?

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Forscher schwärmen vom enormen Potenzial einer neuen Gen-Schere, mit der pflanzliches, tierisches und menschliches Erbgut gezielt verändert werden kann. Kritiker dagegen befürchten "Gen-Doping" beim Menschen. Heute beschäftigt sich der Deutsche Ethikrat mit dem Thema.

"Krisper-Kas" ist nicht etwa ein Bergkäse mit Knusperflocken oder eine andere Innovation alpenländischer Käseproduzenten. Die Biologin Emmanuelle Charpentier vergleicht es eher mit einem "Schweizer Taschenmesser, mit dem man viele verschiedene Veränderungen im Genom jeder Zelle und jedes Organismus‘ durchführen kann".

Wissenschaftler begeistert von "revolutionärem Werkzeug"

Dieses lautmalerisch klingende Krisper-Kas - oder korrekt beschrieben "CRISPR/Cas9" - steht für ein neuartiges Verfahren, das gezielte Eingriffe ins Erbgut von Menschen, Tieren und Pflanzen ermöglicht. Wissenschaftler sprechen begeistert von einem revolutionären Werkzeug, mit dem Aids, Krebs und andere Krankheiten besiegt werden könnten. Doch CRISPR/Cas9 wirft auch eine Reihe ethischer Fragen auf.

"Insbesondere Eingriffe in die menschliche Keimbahn und ihre Auswirkungen auf zukünftige Nachkommen sind stark umstritten", heißt es in einer Stellungnahme des Deutschen Ethikrates, der in seiner Jahrestagung am heutigen Mittwoch Fragen rund um die Möglichkeiten der gezielten Veränderung des menschlichen Genoms diskutiert.

Sorge vor Gen-Doping beim Menschen

Der Hoffnung, mithilfe von Genveränderungen schwerwiegende Krankheiten zu lindern, zu heilen oder sogar zu verhindern, stehen laut Ethikrat nicht nur Sicherheitsrisiken gegenüber, "sondern auch die Sorge vor der Ausweitung solcher Anwendungen auf Bereiche, die die Grenze zwischen Therapie, Prävention und Enhancement verschwimmen lassen".

"Human Enhancement" steht für den Versuch einer Optimierung des Menschen und seiner Leistungsfähigkeit. Für problematisch hält es der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, wenn mit "einer Art Gen-Doping" Menschen verbessert werden sollten und wenn Wissenschaftler versuchten, "bestimmte Eigenschaften zu identifizieren, die man eher haben will als andere".

Gen-Schere schneidet "ungünstige" Eigenschaften heraus

Ethiker wie Dabrock treibt vor allem die Frage um, was die "Verantwortung für zukünftige Generationen" gebietet. Denn mit CRISPR/Cas9, das auch als "genetische Hochpräzisionsschere" bezeichnet wird, lassen sich theoretisch nicht nur in Pflanzen ungünstige Eigenschaften "herausschneiden" und durch andere gezielt "verbessern". Forscher träumen bereits vom einfachen und kostengünstigen Reparieren und Verändern menschlicher Gene.

CRISPR/Cas9 scheint dafür die technischen Möglichkeiten zu bieten: Die Forscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna entdeckten das Verfahren, das inzwischen als "Nobelpreis-verdächtig" gilt, vor vier Jahren. Abgeschaut haben sie die Methode von Reparaturmechanismen bei Bakterien, die mit einer zelleigenen Technik Erbinformation, die so genannte DNA, zerschneiden können.

Kritiker befürchten eine Art "Menschenzüchtung"

Vereinfacht formuliert können mittels CRISPR/Cas9 Gene wie die Passagen eines Textes eingefügt, entfernt, verändert oder ausgeschaltet werden. Gleiches gilt auch für einzelne Nukleotide, also die "Buchstaben" im DNA-Text. Ethik-Professor Dabrock vergleicht das Prinzip mit der Funktion "Suche & Ersetze" im Computer.

Während Wissenschaftler in Deutschland und in vielen anderen Ländern der Welt bereits eifrig Grundlagenforschung betreiben und daran arbeiten, Pflanzen schnell ertragreicher und robuster zu machen oder Krankheiten mithilfe der CRISPR/Cas9-Methode zu bekämpfen, befürchten Kritiker eine Art "Menschenzüchtung" durch mögliche Eingriffe in die menschliche Keimbahn. Derlei Eingriffe seien irreversibel und prägten alle künftigen Generationen, warnt Dabrock.

Chinesische Forscher testen Gen-Schere an menschlichen Eizellen

Auch die CRISPR/Cas9-Entdeckerinnen sind strikt dagegen, dass ihr "molekularbiologisches Skalpell" auf die Keimbahn des Menschen angesetzt wird. Molekularbiologin Doudna organisierte im vergangenen Jahr einen Ethik-Gipfel in den USA, mit dem Ergebnis, dass die Grundlagenforschung weiter vorangetrieben, die Keimbahn-Therapie beim Menschen aber vorerst geächtet werden solle.

Doch ein freiwilliger Forschungsstopp scheint nicht in Sicht, wie Berichte aus China und England zeigen: Demnach erzeugten chinesische Forscher im vergangenen Jahr 86 nicht überlebensfähige Embryonen - und versuchten deren Gene mit CRISPR/Cas9 gezielt zu verändern. Viermal sei die gewünschte Manipulation gelungen.

Kontrolle notwendig

In London erlaubte derweil die Behörde HFEA einer Forschergruppe, gezielt Gene menschlicher Embryonen im Frühstadium zu verändern. Diese Embryonen dürfen allerdings keiner Frau eingepflanzt werden, sondern müssen nach zwei Wochen zerstört werden.

Mit CRISPR/Cas9 ändere sich in der Gentechnik alles, sind sich Forscher einig. Uneins sind sie dagegen, wo die Einsatzgrenzen liegen. Wegen der weitreichenden Einsatzmöglichkeiten der Gen-Schere fordern Kritiker eine stärkere Kontrolle durch den Gesetzgeber, der den Forschern derzeit deutlich hinterherhinkt.

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