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Zugunglück vor 20 Jahren - Eschede: "Aufgetürmte rot-alufarbene Waggons"

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Heute vor 20 Jahren entgleist bei Eschede ein ICE und prallt gegen eine Brücke. Ein technischer Defekt führt zum schwersten Zugunglück in der Geschichte der Deutschen Bahn.

Das Archivbild vom 03.06.1998 zeigt Helfer am Wrack des verunglückten ICE 884 bei Eschede in der Nähe von Celle.
Das Archivbild vom 03.06.1998 zeigt Helfer am Wrack des verunglückten ICE 884 bei Eschede in der Nähe von Celle.
Quelle: dpa

Es ist der 3. Juni 1998, genau 10.59 Uhr, als der Glaube an die sichere Hochgeschwindigkeits-Technologie auf Schienen tief erschüttert wird. Ein ICE ist mit 200 Kilometern pro Stunde entgleist und an einer Brücke bei Eschede zerschellt. 101 Menschen sterben, mehr als 100 Menschen werden verletzt. Es ist das schwerste Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

300 Zugreisende an Bord

Der Intercity-Express "Wilhelm Conrad Röntgen" startet am Morgen in München. Ziel ist Hamburg. Gegen 10.30 Uhr hält der Zug planmäßig in Hannover. Als er dort weiter fährt, sind fast 300 Passagiere an Bord, darunter viele Kinder.

Zugreisende hören ratternde und rumpelnde Geräusche, irgendetwas stimmt nicht. Sie machen einen Schaffner darauf aufmerksam. Doch der Zug rast weiter in Richtung Eschede.

Gebrochener Radreifen löst die Katastrophe aus

Ein Radreifen bricht bei Tempo 200, so sind die ratternden Geräusche zu erklären. Zu diesem Zeitpunkt ist der ICE rund sechs Kilometer vor Eschede. Der Eisenring wickelt sich vom Zugrad ab und löst damit die Katastrophe aus. An einer Weiche entgleist der Hochgeschwindigkeitszug, direkt vor der Straßenbrücke bei Eschede. Von 200 km/h auf null binnen dreieinhalb Sekunden.

Die Waggons schieben sich zusammen wie eine Ziehharmonika. Der Bistrowagen wird von der einstürzenden Brücke zerquetscht. "Das Bild, das man sah, war irreal, weil man sich das nicht vorstellen konnte, dass das Wirklichkeit sein soll, was man da jetzt sieht: aufgetürmte rot-alufarbene Zugwaggons", erinnert sich Pastor Matthias Stalmann, der als Notfallseelsorger als einer der ersten am Unglücksort war.

Wo anfangen mit den Rettungsarbeiten?

Die ersten Rettungskräfte der Freiwilligen Feuerwehr Eschede treffen am Unglücksort ein, wenige Minuten nachdem der ICE an der Brücke zerschellte. Sie sehen schlimme Bilder: ein Trümmerhaufen aus zerschmetterten Waggons, überall Leichen, Schwerverletze, traumatisierte Überlebende. Katastrophenalarm wird ausgelöst. "Es war schockierend, wir wussten gar nicht, wo wir zuerst mit den Rettungsarbeiten ansetzen sollten", erzählt Gerd Bakeberg, damals ehrenamtlicher Kreisbrandmeister und Leiter des Rettungseinsatzes.

Innerhalb kürzester Zeit beordert Bakeberg Feuerwehren aus dem gesamten Umland, das Technische Hilfswerk, Rettungshubschrauber, Ärzte und Rettungssanitäter zum Unglücksort. Bergepanzer der Bundeswehr und große Autokräne kommen hinzu, um die ineinander verkeilten Waggons auseinander zu ziehen. Sehr schnell können die Verletzten vor Ort versorgt, die Schwerverletzten in umliegende Krankenhäuser gebracht und viele Leichen geborgen werden. Etwa 2.000 Helfer sind vor Ort. Viele von ihnen müssen nach dem Rettungseinsatz aufgrund der Erlebnisse und Eindrücke psychologisch betreut werden. Mit Hilfe von Autokränen wird noch in der Nacht damit begonnen, die sieben zerstörten Waggons zu bergen. Betonteile der eingestürzten Brücke werden beiseite geräumt. Darunter liegt der Bistrowagen, zusammengequetscht auf bis zu 15 Zentimeter Höhe. Zum Unfallzeitpunkt war er wegen Reinigungsarbeiten geschlossen.

Erst Tage später konnte ermittelt werden, was genau die Ursache  für das verheerende Unglück war. Der gebrochene Radreifen hatte eine fatale Kettenreaktion ausgelöst, der Zug entgleiste. Diese Radreifen wurden einige Jahre zuvor entwickelt und auf die Zugräder aufgezogen, um Vibrationen zu dämpfen. Noch am Tag zuvor war der komplette Zug inspiziert worden. Am Radreifen wurden Unebenheiten festgestellt, trotzdem wurde der ICE für die nächste Fahrt frei gegeben.

Gedenkstätte am Unglücksort

Vier Jahre nach der Katastrophe begann in Lüneburg ein Prozess gegen zwei Ingenieure der Bahn und einen Mitarbeiter des Radreifenherstellers. Als Verantwortliche wurden sie wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Der Prozess wurde gegen eine Geldbuße von 10.000 Euro eingestellt.

Am Unglücksort befindet sich heute eine Gedenkstätte: 101 Kirschbäume - einer für jeden Toten. Ihre Namen und Geburtsdaten sind eingraviert in einer Granittafel. Zu jedem Jahrestag am 3. Juni kommen hier Helfer, Angehörige und Überlebende zusammen, um der Opfer des Zugunglücks von Eschede zu gedenken.

Im niedersächsischen Eschede wird an das schwere Bahnunglück heute vor 20 Jahren erinnert. Damals war ein ICE mit Tempo 200 entgleist. 101 Menschen kamen ums Leben.

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