Sie sind hier:

Hochsicherheitstrakt Hamburg - Wie sich die Hansestadt für den G20-Gipfel rüstet

Datum:

Manchem Bewohner der roten Zone in Hamburg wird es zum G20-Gipfel zu bunt: Raus aus der Stadt ist das Motto. Mit 20.000 Polizisten, einer "Transferzone" und einer extra Gefangenensammelstelle wird die Hansestadt zum Hochsicherheitstrakt - für möglichst positive Bilder.

Verbarrikadierte Geschäfte, Stacheldraht, Reiterstaffeln - nirgendwo in Hamburg spürt man die Auswirkungen des G20-Gipfels auf den Alltag so wie im Schanzenviertel.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Gleich neben dem Tagungsort der Staats- und Regierungschefs an der Hamburger Messe gibt es eine kleine Straße, die mitten im absoluten Sperrgebiet, der roten Zone, liegt. In der Flora-Neumann-Straße wohnen an die 300 Menschen, die das alles schon mal mitgemacht haben vor sieben Monaten.

OSZE hieß das Ganze damals, ein Außenministertreffen, zu dem der damalige deutsche Gastgeber Frank-Walter Steinmeier mehr als 50 seiner Amtskollegen nach Hamburg gebeten hatte. Das war für die Hamburger Polizei quasi das Aufwärmtraining für G20. Doch das, was jetzt an Personal und Gerät in der Hansestadt aufgefahren wird, übertrifft wohl vieles, was in Deutschland, jedenfalls alles, was in Hamburg je an Sicherheit aufgeboten wurde.

Flucht vor dem Ausnahmezustand

45506772
Ralf Zimmermann von Siefart, Leiter des ZDF-Studios Hamburg

Für den Rentner Hans-Werner Burmeister aus besagter Flora-Neumann-Straße ist klar, dass er sich und seiner Frau diese Tage des Ausnahmezustandes nicht noch einmal antut. "Nach allem, was an Vorbereitungen läuft und angekündigt ist, friedlich oder nicht", sagt er, "haben wir beschlossen, dass wir in die Heide fahren." Flucht vor G20, Flucht vor dem Ausnahmezustand. Und die Burmeisters sind nicht die einzigen, die Hamburg verlassen. Auch unzählige Familien mit Kindern planen ruhige Tage an Ost- oder Nordsee.

Zumindest in der Innenstadt rund um Messe und Elbphilharmonie wird Hamburg zum Hochsicherheitstrakt. Denn diese beiden Orte vor allem sind es, die durch mindestens 15.000 Polizisten - plus 5.000 Bundespolizisten - gesichert werden müssen. Hinzu kommen ein Dutzend hermetisch abgeschotteter Spitzenhotels und die Fahrtrouten der Delegationen, die auf allen Wegen zwischen Flughafen, Tagungsort, Hotels und Elbphilharmonie abgeschottet werden müssen.

Kein "Einladungscharakter" für Demonstranten

Dazu hat die Hamburger Polizei eine "Transferzone" geschaffen mithilfe einer sogenannten Allgemeinverfügung. G20-Gegner und Aktivistengruppen nennen sie einfach nur Demo-Verbotszone. Tatsächlich ist es so, dass in dieser 38 Quadratkilometer großen Fläche - fünf Prozent des Hamburger Stadtgebietes - nicht demonstriert werden darf. Die Polizeiführung, so heißt es offiziell, könne ohne das dort geltende Versammlungs- und Demonstrationsverbot nicht für die Sicherheit der Staatsgäste garantieren.

Nun streiten sich Anti-G20-Aktivisten und die Hamburger Polizei um jedes Protestcamp, das irgendwo in der Stadt errichtet werden soll. Die Strategie der Polizei: keine Übernachtungsmöglichkeiten in den Camps erlauben und damit auch den "Einladungscharakter" nach Hamburg vermeiden. Immerhin rechnen die Sicherheitsbehörden mit 6.000 bis 8.000 gewaltorientierten beziehungsweise militanten Demonstranten, die zum Teil auch aus dem Ausland anreisen wollen. Schon seit Wochen und besonders jetzt kurz vor dem Gipfel soll an den deutschen Grenzen, auf den Bahnstrecken und an den Zufahrtswegen genau kontrolliert werden, wer sich auf dem Weg nach Hamburg befindet und gegebenenfalls schon vorsorglich aus dem Verkehr gezogen werden kann.

Spagat für rot-grünen Senat

Überhaupt will man in Hamburg im wahrsten Sinne kurzen Prozess mit Aktivisten und Militanten machen, die sich nicht an Recht und Gesetz halten. Im Vorort Harburg hat die Stadt dazu für etliche Millionen eine Gefangenensammelstelle ("GeSa") eingerichtet. Bis zu 400 Personen können hier rund um die Uhr in Gewahrsam genommen und mit Hilfe von Staatsanwälten und Richtern auch über mehrere Tage festgesetzt werden.

Der rot-grüne Senat übt sich als gastgebender Sicherheitsgarant in einem bislang nie geübten Spagat: Einerseits als Hansestadt ein weltoffener Gastgeber für die teilweise sehr umstrittenen Staatsgäste zu sein, aber auch den kritischen Protest in Diskussionsforen und auf der Straße zu Wort kommen zu lassen. Nur Gewalt soll und darf es nicht geben, da sind sich im Rathaus alle Regierenden einig.

G20 soll positives Hamburg-Image ankurbeln

Nun also geht es los: Die über ein Jahr dauernden Vorbereitungen sind abgeschlossen. Am Donnerstag und Freitag reisen die Gäste an. Und am Donnerstagabend werden sie willkommen geheißen unter dem Motto der Militanten "Welcome to hell" ("Willkommen in der Hölle"). Eine Veranstaltung, die einen wenig freundlichen Empfang für die Präsidenten Donald Trump, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan und alle anderen verheißt. Hier wird sich zeigen, ob sich der Unmut über das G20-Treffen und den Kapitalismus überhaupt bereits zum Auftakt mit Ausschreitungen und brennenden Autos Bahn bricht. Gerade weil man mit solchen Szenarien in Hamburg durchaus Erfahrung hat, fürchten viele das Schlimmste. Und bereiten sich darauf vor.

G20 soll möglichst die Konjunktur des positiven Hamburg-Images in der Welt weiter ankurbeln. Den schlimmsten Fall mag sich keiner der politisch Verantwortlichen so recht ausmalen an Elbe und Alster. Wenn es doch so kommt, dass aus Hamburg von den fast 5.000 angereisten Journalisten und Medienvertretern ganz andere Bilder in die Welt geschickt werden.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.