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Stand der Deutschen Einheit - Aufschwung, aber kein Aufatmen

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Im ICE von Erfurt nach Berlin unter zwei Stunden - das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 10 ist Symbol für den Aufbau Ost. Herz und Verstand kommen beim Tempo kaum hinterher.

Trotz Fortschritten beim wirtschaftlichen Aufholprozess in den ostdeutschen Ländern sieht die Bundesregierung nach wie vor deutliche Unterschiede zum Westen.

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Das Verständnis für die spezifische Entwicklung in Ostdeutschland fehlt oft im Diskurs dieser Tage, aber einmal im Jahr gerät es ins Bewusstsein - dann nämlich, wenn der Beauftrage der Bundesregierung seinen Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit vorlegt. Darin heißt es auch in diesem Jahr, der Aufbau Ost sei eine Erfolgsgeschichte.

Wunden schmerzen bis heute

Nach den tiefgreifenden Umwälzungen in den ostdeutschen Bundesländern wachsen in Ostdeutschland seit 2009 Unternehmen und Einkommen kontinuierlich. Zudem stellt der Bericht fest, dass sich die Lebensverhältnisse weiter angleichen, so zum Beispiel bei Umweltqualität, Lebenserwartung, Gesundheit, Infrastruktur und Wohnverhältnissen. Auch bei Einkommen und Rente geht es, wenn auch langsam, voran. Einigen ostdeutschen Regionen wie beispielsweise Jena oder Leipzig ist es bereits gelungen, westdeutsche Regionen in der Wirtschaftskraft zu überholen. Doch trotz dieser eindrucksvollen Erfolge, so heißt es, stelle der Stand der Deutschen Einheit nicht alle Bürger in gleicher Weise zufrieden. Vor allem in Ostdeutschland schmerzen bis heute die Wunden, die von SED-Diktatur, aber auch vom wirtschaftlichen und sozialen Umbruch in der ehemaligen DDR verursacht wurden.

Nur mit der DDR lasse sich der Osten nicht erklären, sagt dagegen Jana Hensel. Die ostdeutsche Autorin hat zusammen mit dem Soziologen Wolfgang Engler gerade ein neues Buch zum Thema geschrieben. "Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir glauben, die Ostdeutschen aus ihrer DDR-Sozialisation erklären zu können, weil wir damit ignorieren, was in den 90er Jahren, was im Grunde in den letzten 28 Jahren passiert ist", sagt Hensel im ZDF-Interview. "In allen ostdeutschen Biografien finden sich eine Menge an Brucherfahrungen, aber auch an Marginalisierungs- und Entwertungserfahrungen."

Stimmen am Werkstor

Ein Blick zum Siemens-Generatoren-Werk in Erfurt. 200 Stellen werden hier gerade abgebaut. Immerhin das Werk bleibt erhalten - vorerst. Wer heute 60 Jahre alt ist, der hat im Prinzip die Hälfte seines Lebens in der DDR und die andere Hälfte in der Bundesrepublik verbracht. Hoffen und Bangen - seit 28 Jahren geht das so. "Es ist eine ganz furchtbare Stimmung hier im Werk", sagt Tanja Müller am Werkstor, "alle Mitarbeiter sind völlig bedröppelt." Alexander Specht hofft: "Na, gut. Ich bin 33. Ich habe vielleicht noch eine Chance, irgendwo anders reinzukommen."

Die Umbruch-Erfahrungen sitzen im Osten tief. Vielen geht es zwar besser, aber das mühsam Erreichte wieder zu verlieren, das sorgt für Unsicherheit, macht Angst. Herz und Verstand sind ein ungleiches Paar. Noch nie seit der Wiedervereinigung waren die Voraussetzungen im Osten so gut, wieder in Arbeit zu kommen wie jetzt. Besonders der Freistaat Thüringen glänzt mit guten Wirtschaftsdaten. So zieht auch Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) stolz Bilanz: "Wir haben mehr Industriearbeitsplätze pro 1.000 Einwohner als NRW, Hessen und Niedersachsen. Die Arbeitslosenquote liegt unter Hamburg, Bremen, NRW und dem Saarland und das zeigt eigentlich, dass wir im Vergleich der Bundesländer untereinander Schritt für Schritt vorankommen."

Kein einziges ostdeutsches DAX-Unternehmen

Beim Lohnniveau und der Wirtschaftskraft liegt Ostdeutschland allerdings weiterhin gegenüber Westdeutschland zurück. Die Kleinteiligkeit der ostdeutschen Wirtschaft und ein Mangel an Konzernzentralen großer Unternehmen sind wichtige Gründe für diese Unterschiede. So gibt es kein einziges ostdeutsches DAX-notiertes Unternehmen. Und nahezu kein Großunternehmen hat seine Zentrale in Ostdeutschland. Viele ostdeutsche Unternehmen gehören westdeutschen oder ausländischen Konzernen. Das beschränkt die Entwicklungsmöglichkeit in der Region.

"Dass wir Ostdeutschland immer noch vornehmlich aus einer westdeutschen Perspektive beschreiben, mit einem fremden Blick, ist eines der größten Probleme der inneren Spaltung, die wir haben", sagt die Autorin Jana Hensel. "Weil ich glaube, dass große Teile der ostdeutschen Gesellschaft inzwischen auch eine gewisse Resistenz etabliert haben. Man will nicht mehr betrachtet werden, man will nicht mehr erklärt werden, was damit zu tun hat, dass man sich in diesen Erklärungen selbst nicht einfinden kann."

Konsequenzen aus besonderer Vergangenheit ziehen

Es sei deshalb wichtig, so heißt es auch im Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit, die Konsequenzen aus dieser besonderen ostdeutschen Vergangenheit zu ziehen. Hierzu gehören sowohl die Anerkennung der Lebensleistung und der Respekt vor den Brüchen in der Biografie vieler Menschen in Ostdeutschland als auch eine Verstetigung der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Ohne Erinnerung keine Zukunft - das zählt zu dem demokratischen Grundkonsens in Deutschland.

Die friedliche Revolution in der DDR leuchtet in dieser Erinnerung besonders hell. Von großer Bedeutung für das Selbstverständnis im Osten Deutschlands ist aber auch die Erforschung der Leistungen und Fehleinschätzungen bei dem sich anschließenden, geschichtlich einmaligen Transformationsprozess. Exemplarisch ist hier die historische Forschung zur Arbeit der Treuhand nach 1990 zu nennen. "Die Deutsche Einheit war so aufgebaut, dass erstmal der Westen ganz massiv in die solidarische Hilfe gegangen ist, das war wunderbar", sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke). "Umgekehrt gab es aber kein Zuhören, was bringt ihr eigentlich ein? Die Haltung, die es vor 28 Jahren gab, im Osten ist alles Schrott und aus dem Westen ist alles gut, was kommt, das war eine Haltung, die uns leider geschadet hat. Und es wäre gut, wenn wir darüber nachdenken, was auch aus dem Westen kam und damals schon hätte überprüft werden sollen."

Osten hat viele starke Argumente

Spricht man vom "Osten", so beschreibt das keine einheitliche Lebenslage. Regionen entwickeln sich differenziert, aber im Osten werden weniger Kinder geboren. Die Überalterung der Gesellschaft schreitet schneller voran als in Westdeutschland. Das beeinflusst die Angleichung der Wirtschaftskraft und der Lebensverhältnisse auf vielfältige Weise. Qualifizierte Fachkräfte fehlen. Durch die oft günstigeren Mieten, attraktive Städte und Landschaften, gute Kinderbetreuung und einem guten Bildungsangebot hat der Osten wiederum viele starke Argumente.

Dabei, so heißt es im Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit, könnten die Menschen in den östlichen Bundesländern selbstbewusst und stolz auf all das blicken, was sie auch dank der gesellschaftlichen Solidarität geschafft haben. "Wir können Veränderung" - in den Zeiten des stetigen Wandels sei diese Konsequenz entscheidend für die Bewältigung individueller und gesamtgesellschaftlicher Herausforderungen. Die Angleichung der Lebensverhältnisse bleibt eine gesamtdeutsche Aufgabe. Verständnis füreinander kann helfen.

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