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Warum die Gewalt in Indien wächst

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Zündschnur Religion - Warum die Gewalt in Indien wächst

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Angriffe auf offener Straße, Lynchmorde: Gezielt werden in Indien Muslime ins Visier genommen. Unter ihnen wächst das Misstrauen gegen die hindunationale Politik der Regierung.

Varanasi – heiliger Ort der Hindus. Doch in den Webstuben Varanasis arbeiten vor allem Muslime. Sie erzählen dem ZDF, was sie draußen erleben.

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Kurz vor Einbruch der Dunkelheit drängeln sich Menschenmassen durch die engen Gassen von Varanasi hinunter zum Fluss. Vorbei an Scharen von fliegenden Händlern und Bettlern, alle in der Hoffnung, ein wenig von der allabendlichen Zeremonie zu profitieren - spirituelle Erleuchtung oder monetärer Gewinn an den Ufern des Ganges. Unzählige Scheinwerfer und Kerzen hüllen ein wenig später die Stufen vor dem Fluss in ein eigentümliches Licht, während Priester traditionellen Schneckenhörnern rituelle Töne entlocken.

Die hinduistische Mammutzeremonie lockt Tausende Besucher nach Varanasi. Ein paar ausländische Touristen sind darunter, aber die meisten Reisenden kommen aus Indien. Als gläubige Hindus wollen sie der Mutter Ganges huldigen, dem Fluss, der gottesähnliche Qualitäten verkörpert. 80 Prozent der Bevölkerung des Landes sind hinduistisch, ein Besuch in dieser Stadt ist ein religiöser Höhepunkt in ihrem Leben.

Wachsende Gewalt gegen Muslime

Doch nach der Entzückung am Abend kommt die Ernüchterung am Morgen. In einem stickigen, schlecht beleuchtenden Hinterzimmer arbeitet Idrias Ansari an seinem Webstuhl. Nervös schiebt er das Schiffchen hin und her. Er fertigt Haute Couture-Saris und ist wie viele seiner Kollegen ein Muslim. "Sie kamen von hinten, haben mich geschlagen und mir dann meine Gebetskappe weggerissen" erzählt er stockend. "So etwas passiert hier immer öfter. Wir Muslime fürchten uns, vor allem, wenn wir alleine unterwegs sind".

Vor fünf Jahren hatten wir keine religiösen Spannungen in dieser Stadt. Doch seit Modi haben sich meine hinduistischen Bekannten von mir abgewandt.
Jamal Ansari

Seit 2014, nach Modis erster Wahl zum Ministerpräsidenten, ist im Land eine Spaltung zwischen Hindus und Muslimen zu beobachten. "Vor fünf Jahren hatten wir keine religiösen Spannungen in dieser Stadt. Doch seit Modi haben sich meine hinduistischen Bekannten von mir abgewandt. Keiner redet mehr offen mit mir", erzählt Idrias Kollege Jamal Ansari.

Neuer Innenminister ist knallharter Hindunationalist

Ministerpräsident Narendra Modi, der im Mai dieses Jahres mit einer überwältigenden Mehrheit wiedergewählt worden ist, hat sich mit Innenminister Amit Shah, einen knallharten Hindunationalisten ins Kabinett geholt. Shah, zuvor Chefideologe der regierungsführenden Bharathiya Janata Party (BJP), war es auch, der Anfang August die umstrittene Aufhebung des Sonderstatus für den indisch verwalteten Teil Kaschmirs im Parlament verkündete. "Ich bin absolut überzeugt, dass wir mit der Abschaffung des Sonderstatus jegliche Art von Terrorismus und Terrordenke in Kaschmir ausrotten werden." Kaschmir ist der einzige Bundesstaat Indiens mit überwiegend muslimischer Bevölkerung.

Karte von Indien mit Hauptstadt Neu Dehli
Karte von Indien mit Hauptstadt Neu Dehli
Quelle: ZDF

Nur drei Wochen später wurde im nordöstlichen  Assam das umstrittene Nationale Bürgerregister NRC veröffentlich. Mehr als 31 Millionen Bürger haben ihre Namen darin gefunden. Doch fast zwei Millionen Menschen stehen nicht auf der Liste. Es sind vor allem muslimische Einwanderer aus Bangladesch. Ihnen droht Staatenlosigkeit und Unterbringung in Internierungslagern falls sie nicht innerhalb von vier Monaten nachweisen können, dass ihre Familien schon vor 1971 in Indien gelebt haben. Auch in diesem Bundesstaat regiert die hindunationale BJP.

Modi hat "gesellschaftliche Angst gegen Muslime geschürt"

Narendra Modi, Premierminister von Indien.
Narendra Modi, Premierminister von Indien.
Quelle: Manish Swarup/AP/dpa

Wie sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in Indien in vergangenen Jahren verändert haben,  beschreibt die politische Analystin Arati Jerath folgendermaßen: "Es war nie politisch korrekt, offen gegen Muslime zu hetzen. Aber in den letzten fünf Jahren ist es legitim geworden. Es ist definitiv Modis Handschrift. Er hat gesellschaftliche Angst gegen Muslime geschürt." Sie verweist allerdings auch auf fehlende Kritik. "Weder liberale Intellektuelle noch die säkulare Congress Party haben es geschafft, gegen die Hindu–Polarisierung zu argumentieren."

Es war nie politisch korrekt, offen gegen Muslime zu hetzen. Aber in den letzten fünf Jahren ist es legitim geworden. Es ist definitiv Modis Handschrift.
Arati Jerath, politische Analystin

Wahlergebnisse in zwei Bundesstaaten haben in der vergangenen Woche ein gemischtes Bild ergeben. Während die BJP sicher in Maharaschtra gewann, hat sie in Haryana, einem industriellen Zentrum, Stimmen verloren und kann nur durch eine Koalitionsbildung regieren. Anlass zur Sorge bei Ministerpräsident Modi? Er fährt weiterhin die Richtung einer harten Innenpolitik, lenkt damit von der schwächelnden Wirtschaft ab. Die Arbeitslosenquote ist so hoch wie seit 45 Jahren nicht, das Wirtschaftswachstum fällt geringer aus und es gibt große Probleme im Agrarbereich.

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