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Immer weniger Unternehmen dabei - Tarifbindung: Schleichender Abschied?

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In Europa schwindet die Tarifbindung, auch der Arbeitgeberverband Gesamtmetall zieht sie in Zweifel. Muss bald jeder alleine für höhere Löhne streiten?

Archiv: Stahlarbeiter bei der Preussag Stahl AG in Salzgitter
Steigt sogar der Arbeitgeberverband Gesamtmetall aus dem Flächentarifvertrag aus?
Quelle: picture alliance/Ulrich Baumgarten

"Die Tarifbindung ist eine zentrale Frage unserer Einkommensverteilung", sagt Professor Gerhard Bosch, Arbeitsmarktforscher von der Uni Duisburg-Essen, "die Mittelschicht hängt an den Tarifverträgen." Gehe die Tarifbindung weiter zurück, sinke das Lohnniveau in Deutschland ab, der Niedriglohnsektor werde größer.

Rasanter Wegfall von Tarifbindungen

Vor diesem Hintergrund ist es bedenklich, mit welcher Geschwindigkeit die Tarifbindung abnimmt. Heute arbeiten in Westdeutschland nur noch 57 Prozent der Beschäftigten in einem Betrieb mit Tarifbindung, in Ostdeutschland sind es 44 Prozent. Noch vor rund 20 Jahren waren es im Westen 76 Prozent und im Osten 63 Prozent.  

Damit folgt Deutschland einem europaweiten Trend. Besonders gering ist die Tarifbindung beispielsweise in Großbritannien. Das war früher allerdings anders, erklärt Arbeitsmarktforscher Bosch, bis in die 1980er Jahre habe Großbritannien eine Tarifbindung von 80 Prozent gehabt. Doch dann hätten die Arbeitgeberverbände die Verhandlungen nicht weiter geführt. In der Folge sei das Lohnniveau in Großbritannien deutlich gesunken.

Gesamtmetall-Präsident Dulger: «Die Große Koalition ist am Ende.»
Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger.
Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Droht in Deutschland ein ähnliches Szenario? In dieser Woche sorgte der Präsident des Arbeitsgeberverbands Gesamtmetall für Wirbel. Kein Wunder, denn die Metall-und Elektrobranche ist ein Schwergewicht: Mit fast zwei Millionen Beschäftigen stellt sie die größte deutsche Industriebranche. Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" spielte Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger mit dem Gedanken, aus dem Flächentarifvertrag auszusteigen. Abwegig ist der Gedanke nicht: Auch im Einzelhandel zogen sich vor 20 Jahren die Arbeitgeber zurück, seitdem gibt es in dieser Branche zumindest keine allgemeinverbindlichen Tarifverträge mehr.

Tarifverträge zu komplex?

Aber was ist das Problem in der Metall- und Elektrobranche? Aus einer Befragung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vom Frühjahr dieses Jahres geht hervor, dass viele Unternehmen nicht nur die Entgelthöhe, sondern auch die Arbeitszeitregelungen als problematisch wahrnehmen. Die Komplexität der Tarifverträge sei "abschreckend für den Mittelstand", erklärt Hagen Lesch, Tarifexperte des IW, auf diese Weise würden "Flächentarifverträge Sache von Großfirmen." Auch Arbeitsmarktexperte Gerhard Bosch räumt ein: "Der Druck ist auf jeden Fall da." In der Automobilzulieferung beispielsweise sei Outsourcing an der Tagesordnung. In der Folge müssen tarifgebundene mit nicht-tarifgebundenen Unternehmen konkurrieren. Damit läuft der Wettbewerb klar über die Lohnkosten ab.

"Das Bild von der Überregulierung" will Reinhard Bispinck vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) allerdings so nicht stehen lassen. Denn schon heute hätten die Tarifverträge in der Metall- und Elektrobranche "ein hohes Maß an Flexibilität". Es sei ein "Armutszeugnis", wenn Tarifverträge, die auch die Arbeitgeberverbände mit ausgehandelt hätten, im Nachgang als zu komplex bezeichnet würden, wie es Dulger diese Woche getan habe.

Arbeitsmarktforscher kritisiert Kurzsichtigkeit der Unternehmen

Und was ist mit dem viel beklagten Fachkräftemangel? Wäre nicht gerade in Zeiten, in denen qualifizierte Mitarbeiter händeringend gesucht werden, die Tarifbindung ein wichtiges Ass im Ärmel der Unternehmen? Dafür würden viele Unternehmen leider nicht langfristig genug denken und seien stattdessen zu sehr auf kurzfristige Kostensenkung fixiert, kritisiert Gerhard Bosch. Aber wie lässt sich die Tarifbindung stärken? Der Staat könnte stützend eingreifen, schlägt Reinhard Bispinck vom WSI vor, indem er beispielsweise öffentliche Aufträge nur an tarifgebundene Betriebe vergebe.

Sollte die Tarifbindung allerdings weiter auf dem Rückmarsch sein in Deutschland, bleiben nicht nur die Einkommen auf der Strecke, sondern auch der faire Wettbewerb. Denn Tarifverträge sorgen auch dafür, dass Unternehmen nicht über Lohndumping miteinander konkurrieren können.

Eva Schmidt ist Redakteurin beim 3-sat-Wirtschaftsmagazin makro.

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