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Holocaust-Gedenktag - "Zwang führt nicht zu mehr Geschichtsbewusstsein"

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Der Holocaust-Gedenktag erinnert an die Millionen Opfer der Nazis. Die Erinnerung droht zu verblassen, der Historiker Kenkmann ist dennoch gegen Gedenkstätten-Pflichtbesuche.

Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau Quelle: dpa

heute.de: Geht es nach der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD), könnte der Besuch von Gedenkstätten bald verpflichtend auf dem Stundenplan für alle Schüler in Deutschland stehen. Die Mehrheit der Kultusminister setzt hingegen auf Freiwilligkeit. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Alfons Kenkmann
Professor Alfons Kenkmann ist seit 2003 Professor für Didaktik der Geschichte an der Universität Leipzig. Als Vorsitzender des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in NRW e.V. fördert er die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Quelle: privat

Professor Alfons Kenkmann: Ich plädiere für Freiwilligkeit, was Exkursionen zu einem Gedenkort für Opfer des Nationalsozialismus angeht. Zwang führt nicht zu reflektiertem Geschichtsbewusstsein. Eher sollten Schüler und Lehrer gemeinsam im Vorfeld diskutieren, was beide Seiten mit einem Gedenkstättenbesuch verbinden. Sollen solche Besuche erfolgreich sein, verlangen sie nach einer vernünftigen Vor- und Nachbereitung an den Schulen. Würden die Besuche Pflicht, müsste zudem an vielen Gedenkstätten zusätzlich pädagogisch und historisch geschultes Personal bereitgestellt werden, das jetzt schon bei dem derzeitigen großen Interesse am Rande der Überbelastung steht. Hier wären dann die Kommunen und Bundesländer finanziell zusätzlich gefordert.

heute.de: Sie haben das große Interesse an den Gedenkstätten angesprochen. Worauf ist dieses zurückzuführen?

Kenkmann: Das Interesse ist bundesweit so groß wie nie. Viele Gedenkstätten sind mit ihren Schulprogrammen bereits ein Jahr im Voraus ausgebucht. Ich denke, dass der Zulauf deshalb so groß ist, weil an diesen Orten das konkrete Geschehen vor der eigenen Haustüre greifbar wird. Hier zeigt sich etwa die damalige Verstrickung der Stadtverwaltung, die Rolle des ehemaligen Bürgermeisters oder des Polizisten. Diese Personen sind nicht abstrakt und weit entfernt. Der lokale Gedenkstättenbesuch ermöglicht damit eine ganz andere Form des Lernens und der historischen Begegnung als wenn ich ein Schulbuch aufschlage. Die Gedenkstätten bieten immer einen Anknüpfungspunkt an die lokale Geschichte.

heute.de: Auch der Gedanke, den Besuch einer KZ-Gedenkstätte für Migranten zur Pflicht zu machen, steht im Raum. Inwiefern ist es sinnvoll, wenn tatsächlich jeder, der in Deutschland lebt, verpflichtet würde, mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte besucht zu haben?

Kenkmann: Das ist eine sehr schwierige Diskussion und eine Frage, die man nicht pauschal beantworten sollte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, die aus dem Nahen oder Mittleren Osten zu uns geflüchtet sind, richtigerweise nur nach vorne blicken und statt der Vergangenheit die Gegenwart und die Zukunft im Kopf haben. Anders sieht es natürlich bei Kindern und Jugendlichen aus, die sich bei uns ihr Leben aufbauen wollen. In irgendeiner Form muss man sie natürlich mit der Geschichte ihres künftigen Lebensmittelpunkts vertraut machen. Aber für mich stellt sich schon die Frage, ob es der richtige Weg ist, solch traumatisierte junge Menschen, kaum dem Kriegsgebiet und den Gräueltaten entkommen, erneut mit so etwas wie einer KZ-Gedenkstätte zu konfrontieren. Außerdem muss sich meiner Ansicht nach ein junger Mensch, der aus Syrien oder anderswo zu uns geflüchtet ist, nicht zwangsläufig mit der Verantwortung, die für uns Deutsche aus den Geschehnissen des Dritten Reichs erwachsen ist, beschäftigen. Module wie "Geschichte und Verantwortung" in den Integrationskursen bedürften aber durchaus einer intensiven Überarbeitung.

heute.de: Wissen junge Menschen heute noch genug über den Holocaust und die Gräueltaten des NS-Regimes?

Kenkmann: Die Debatte darüber, dass die deutschen Schüler zu wenig über das Dritte Reich wissen, gibt es immer wieder. Diese Ansicht teile ich aber nicht. Meiner Meinung nach sind die jungen Menschen heute nicht schlecht informiert. Das liegt zum einen daran, dass das Thema geschichtspolitisch und geschichtskulturell präsent ist. Auch der Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag spielt sicherlich eine Rolle. Welche Gedanken sind mit dem Völkischen verbunden? Wo zeigen sich Parallelen zur Vergangenheit? All diese Fragen sind Antrieb für die Begegnung mit der Geschichte und helfen letztendlich dabei, Orientierung für das eigene Handeln zu erhalten.

heute.de: In absehbarer Zeit wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die diesen Teil der deutschen Geschichte lebendig werden lassen können. Wie wird sich das auf die Erinnerungskultur auswirken?

Kenkmann: Das ist zwar richtig, aber diese haben enorm viel hinterlassen. Durch sie haben wir hunderte von Büchern und Schriftstücken, zehntausende menschliche Begegnungen, tausende Ton- und Bildaufnahmen, die noch darauf warten, ausgewertet zu werden. Nun liegt es in unserer Hand, was wir aus diesem Erbe machen. Es gibt Konzepte, wie die Erinnerungspatenschaft. Dabei sollen Schüler zum Paten des verstorbenen Zeitzeugen werden und dessen Geschichte weitervermitteln. Sicherlich werden die digitalen Medien in dieser Hinsicht auch neue Chancen bieten, das Vermächtnis öffentlich zu halten. Eines darf aber in Zukunft auf keinen Fall eintreten: dass das Arbeitsblatt den Zeitzeugen ersetzt.

Das Gespräch führte Michael Kniess.

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