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Breitscheidplatz-Attentat - Zwischen Wut und Entschädigung

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Vor zwei Jahren steuerte Anis Amri einen Lkw in einen Weihnachtsmarkt. Nach dem Attentat warfen Hinterbliebene der Politik mangelnde Unterstützung vor. Was hat sich seitdem getan?

Zwei Jahre nach dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz hat sich einiges in den Bereichen zentrale Anlaufstellen für Terroropfer und finanzielle Unterstützung getan.

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Am 19. Dezember 2016 verlor Astrid Passin ihren Vater. Er wurde von Anis Amri getötet. Der Attentäter steuerte damals einen gestohlenen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Elf Menschen starben, den Lastwagenfahrer hatte Amri zuvor getötet. Mehr als 70 Menschen wurden verletzt. Es war der schwerste islamistische Terroranschlag in Deutschland.

Hinterbliebene fühlten sich alleine gelassen

"Es fühlte sich an wie ein schlechter Traum, aus dem man nur aufwachen will. Völlige Hilflosigkeit", erinnert sich Passin an die Zeit nach dem Anschlag. Sie habe sich von der Außenwelt abgeschottet und "unsichtbar" machen wollen. "Man beginnt, sich eine Maske aufzusetzen, um die Trauer nach außen nicht zuzulassen."

Bis heute lösen die Schlagworte Weihnachtsmarkt, Breitscheidplatz und Attentat Unbehagen in ihr aus. Und bis heute fühlt sie sich vom Staat nicht gut behandelt. Bereits einen Tag nach dem Anschlag versammelten sich Politiker in der Gedächtniskirche, zu diesem Zeitpunkt hätten viele Angehörige noch gar nicht gewusst, was mit Vater oder Ehefrau passiert war.

Auch Kondolenzbekundungen seien sehr spät eingetroffen - insgesamt fehlt Passin die Anerkennung ihrer schweren Situation. "Viele hätten sich in der Akutphase gewünscht, dass man auf die Betroffenen zugeht und sie unterstützt. So, wie es lief, waren viele sich selbst überlassen", betont die Berlinerin, die zu einer Art Sprecherin für Betroffene geworden ist. Sie hätte sich gewünscht, dass den Familien direkt geholfen worden wäre, mit dem Alltag zurechtzukommen. "Jeder fühlte sich überfordert mit dem Fakt Terror."

Entschädigungszahlungen nach Gesetzesänderung

Vor einem Jahr schrieben die Hinterbliebenen einen offenen Brief an die Kanzlerin und warfen ihr Untätigkeit und Versagen vor. Daraufhin überabeitete die Regierung Gesetze und schuf eine zentrale Anlaufstelle für Terroropfer.

Passin leidet seit der Ermordung ihres Vaters an einer "psychoreaktiven Störung". Ihr sei eine monatliche Rente in Höhe von 140 Euro bewilligt worden, berichtete sie. Neben diesen lebenslangen Grundrentenzahlungen, die je nach Schädigung bis 736 Euro betragen, haben die meisten zudem bereits einmalige Geldbeträge erhalten. Insgesamt wurden bis Mitte Dezember knapp 3,8 Millionen Euro Entschädigung an mehr als 170 Menschen ausgezahlt.

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) sagt, zum Zeitpunkt des Anschlags in Berlin hätte es - anders als heute - "noch gar keine Strukturen gegeben, um sich um die Opfer zu kümmern."

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Astrid Passin am 21.11.2018 in Berlin
Astrid Passin
Quelle: imago

Die Gelder stammen von drei unterschiedlichen Stellen: Vom Härtefallfonds des Bundesjustizministeriums, vom Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) und von der Verkehrsopferhilfe. Die einmalig bewilligten Härteleistungen belaufen sich dem Ministerium zufolge auf 3.085.000 Euro (Stand 17.12.2018). Am meisten hat ein Schwerverletzter mit 350.000 Euro bekommen.

"Wir wollen mitgestalten"

Auch Opferhilfe-Organisationen kritisieren, dass die Betreuung der Angehörigen kurz nach dem Anschlag unsensibel war. Betroffene hätten sich selbst nach  Hilfe umsehen müssen, sagt Martina Linke, Vize-Chefin des Weißen Rings in Berlin und bestätigt damit Passins Erfahrungen. Weil es kein verzahntes Auskunftstelefon der Behörden gegeben habe, wurden falsche Aussagen gemacht. "Etwa, dass Angehörigen gesagt wurde: 'Ihr Vater ist leider verstorben', aber dann war er gar nicht verstorben, sondern lag in irgendeinem Krankenhaus, von wo aus praktisch keine Information zurückgeflossen ist", berichtet sie.

Auch in diesem Jahr beobachtet Opfer-Angehörige Passin, dass Behörden zu wenig auf die Betroffenen eingegangen sind. Sie würden dem Protokoll folgen und nicht davon abweichen wollen. "Eine Entscheidung wie die diesjährige Kranzniederlegung wurde ohne uns getroffen", sagt sie. Sie will, dass Angehörige mitentscheiden dürfen, wie der Toten gedacht wird. "Wir wollen zukünftige Entscheidungen mitgestalten."

Berlins Opferbeauftragter Roland Weber plädiert dafür, dass Polizei und Behörden verstärkt auf Opfer von Verbrechen zugehen. "Damit diese ihre Rechte endlich kennenlernen", sagte Weber dem "Tagesspiegel". In Deutschland nähmen höchstens zehn Prozent der Betroffenen ihre Rechte in Anspruch. Weber, der sich nach dem islamistischen Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche vor zwei Jahren um zahlreiche Opfer mitgekümmert hatte, verwies auf die Niederlande, wo Opfer von der Polizei gefragt werden, ob sich zeitnah Hilfsorganisationen melden dürften.

Was ist genau passiert? Eine Chronologie fasst die Ereignisse zusammen:

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