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Frauenbewegung in Deutschland - 50 Jahre "Wir haben abgetrieben!"

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"Wir haben abgetrieben", titelte vor 50 Jahren der "Stern". Hinter der Aktion steckte Alice Schwarzer. Ein halbes Jahrhundert später empfindet sie Stolz - aber auch Enttäuschung.

Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Archivbild
Frauenrechtlerin Alice Schwarzer blickt zurück auf 50 Jahre "Wir haben abgetrieben!" (Archivbild)
Quelle: Henning Kaiser/dpa/Archivbild

Am 6. Juni 1971 erschien der "Stern"-Titel mit der Schlagzeile: "Wir haben abgetrieben!". Alice Schwarzer bezeichnet diesen Moment als Geburtsstunde der deutschen Frauenbewegung.

Schwarzer arbeitete damals als Korrespondentin in Paris und war in der französischen Frauenbewegung engagiert. Als dort im April 1971 343 Frauen im linksliberalen Magazin "Le Nouvel Observateur" bekannten "Ich habe abgetrieben", wollte Schwarzer diese Aktion auch nach Deutschland bringen.

Bis zu fünf Jahre Haft bei Abtreibung

Also kontaktierte Schwarzer den "Stern": "Wenn ich Ihnen rund 300 Namen liefere, darunter das obligatorische Dutzend Prominente (...), sind Sie bereit, das in einer politischen Form zu veröffentlichen?" Der zuständige Ressortleiter stimmte zu, bezweifelte aber, dass sich viele Frauen in die Öffentlichkeit wagen würden. Denn auf Abtreibung stand bis zu fünf Jahre Gefängnis.

Sie konnte schließlich drei Frauengruppen dazu bewegen, sich zu beteiligen, die Hälfte der 374 Unterschriften stammte aber von Freundinnen, Nachbarinnen, Töchtern, Müttern. Kurz vor der Drucklegung bestand "Stern"-Chefredakteur Henri Nannen plötzlich darauf, die Aktion nur mit Romy Schneider aufs Titelblatt zu bringen.

Schwarzer lehnte das ab. Sie befürchtete, dass dann alles wie eine Story über einen Filmstar wirken würde. Sie wollte eine politische Aktion, die auf eine Reform des Abtreibungs-Paragrafen 218 abzielte.

Ich habe dann gesagt: Nein, das entspricht nicht den Abmachungen, wir titeln mit 30 Frauen.
Alice Schwarzer
"Mein Bauch gehört mir": Bei einer Demonstration am 1. Juni 1971 in Berlin fordern Frauen die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218.
"Mein Bauch gehört mir": Bei einer Demonstration am 1. Juni 1971 in Berlin fordern Frauen die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218.
Quelle: dpa

Zehntausende solidarisierten sich in den Wochen darauf

"Und als der 'Stern' dann erschien, war es eine Bombe - das kann man sich heute gar nicht vorstellen", erzählt Schwarzer. Zehntausende hatten sich in den darauffolgenden Wochen solidarisiert, plötzlich standen Frauenthemen auf der Agenda. "Ich bewundere bis heute diese 373 Frauen, die den Anfang gemacht haben", sagt sie, die selbst zu den Beteiligten gehörte.

Später wurde bekannt, dass Schwarzer und einige andere gar keinen Schwangerschaftsabbruch hinter sich hatten, aber aus Solidarität unterschrieben. 1974 beschloss der Bundestag mit knapper Mehrheit die Fristenregelung, die eine Abtreibung bis zur zwölften Woche erlaubt.

Polen hatte bereits eines der strengsten Abtreibungsrechte Europas: Abtreibungen nur in wenigen Ausnahmefällen. Einer davon, bei schweren Missbildungen am Fötus, wurde gekippt.

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Katholische Kirche kritisiert Aktion

Kritiker aus der katholischen Kirche werfen ihr vor, sie habe mit der Aktion Abtreibung propagiert. Sie hält dagegen:

"Damals trieben eine Million Frauen im Jahr nur in der Bundesrepublik ab. Heute sind es in Deutschland ungefähr 100.000. Man kann also sagen, dass niemand so viel gegen Abtreibung getan hat wie wir Feministinnen."

Uns ist es schließlich zu verdanken, dass die Frauen selbstbewusster, aufgeklärter, ökonomisch eigenständiger wurden. Und dadurch wurden sie seltener ungewollt schwanger.
Alice Schwarzer

Abtreibungen in Deutschland noch immer Tabu-Thema

Auf den andauernden Druck der katholischen Kirche führt sie zurück, dass Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland bis heute immer noch grundsätzlich strafbar sind, nur unter bestimmten Voraussetzungen nicht verfolgt werden.

Deutschland sei das rückständigste Land Westeuropas, sagt Schwarzer. Noch immer müssten Frauen teilweise in andere Bundesländer fahren, weil sie zu Hause keinen Arzt fänden, der den Eingriff ausführen wolle.

Dass das heute so ist, hätte ich vor 50 Jahren nie gedacht. Ich fürchte, der Kampf um das Recht auf eine selbstbestimmte Mutterschaft ist nicht nur von gestern, er wird vor allem von morgen sein.
Alice Schwarzer
Ultraschallbild, Nuckel und Informationsmaterial zum Schwangerschaftsabbruch

Rechtslage in anderen Ländern - So sind Abtreibungen weltweit geregelt 

Ob Frauen eine Schwangerschaft abbrechen dürfen, ist eine der emotionalsten Debatten. Die Rechtslagen sind weltweit sehr verschieden. Ein Überblick.

von Luisa Houben
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