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Intransparente Siegel-Geschäfte - Fragwürdige Empfehlungen für Ärzte

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Seit Jahren schon vergibt der "Focus" Empfehlungen für Ärzte in der Region. Eine Auszeichnung, auf die mancher Mediziner verzichtet - und die auch Wettbewerbshüter kritisch sehen.

Hausarzt mit Stethoskop
Eine Ärzte-Empfehlung lässt sich der "Focus" teuer bezahlen.
Quelle: dpa

Dr. Elvira Germes ist Homöopathin aus Köln. Die Ärztin wunderte sich, als sie 2017 eine Urkunde bekam, in der sie von der Zeitschrift "Focus" als "empfohlene Radiologin" in der Region ausgewiesen wurde. "Donnerwetter, womit habe ich das denn verdient?" Dann denkt sie: "Einen Sinn sehe ich nicht, da ich seit 1998 nicht mehr als Radiologin tätig bin."

Ähnliches erlebte Dr. Stephan Nolte: Auch er erhielt 2017 Post. Er sei ausgewählt als "empfohlener Arzt für die Region", Kategorie Psychotherapeut. "Komisch, eigentlich bin ich hier als Jugend- und Kinderarzt niedergelassen." Nicht nur das: 2018 folgt die nächste Urkunde, diesmal mit der Auszeichnung als Hausarzt. 2019 wieder ein Umschlag mit vier Auszeichnungen: Tropenmediziner, Palliativmediziner, Kinder- und Jugendarzt und wieder als Hausarzt.

Teures Siegel für Ärzte

Auf Nachfrage von Frontal21 beim "Focus" heißt es, Frau Dr. Germes "führte den Facharzt für Radiologie und wurde somit unter dieser Spezialisierung gelistet". Im Fall Nolte antwortet "Focus", der Mediziner sei auf Grundlage offizieller Informationen und eigener Angaben so zugeordnet worden.

"Es ist möglich, dass die auf dieser Grundlage entstandene Zuordnung der Spezialisierung nicht zu hundert Prozent mit der persönlichen Auffassung der (…) Ärzte hinsichtlich ihrer Schwerpunktsetzung übereinstimmt." Will ein Arzt mit dem "Focus"-Siegel werben, muss er bezahlen: 1.900 Euro kostet die Lizenzgebühr. Bei Nolte hätte sich die Summe allein 2019 auf 7.600 Euro summiert. Ein Angebot, das beide ablehnten.

Es ist schlichtweg nicht richtig, was da steht.
Stephan Nolte, Kinder- und Jugendarzt

Wettbewerbsaufsicht: Siegel-Geschäft "grob irreführend"

Verantwortlich für das Siegel-Geschäft ist Burkhard Graßmann, Geschäftsführer beim Burda-Verlag. Im Fachblatt "Kress News" spricht er 2017 davon, dass man den Ärzten in Deutschland die Möglichkeit geben wolle, sich darzustellen - und von "zweistelligem Millionenumsatz mit wunderbaren Renditen".

Christiane Köber von der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs sieht das Siegel-Geschäft mit Sorge. "Es darf nicht irreführend sein. Und in den hier geschilderten Fällen ist der Sachverhalt ja relativ einfach." Sie ist überrascht: "Das sind ja wirklich sehr grob irreführende Fälle." Die Ärzte hätten bei der Verwendung der Siegel in Teufels Küche kommen können.

Klinik-Betriebsrat: "Focus"-Auszeichnung ist Hohn

"Focus" weist die Vorwürfe zurück: "Wir sind mit unseren auf Qualitätsdaten aus verlässlichen und auch amtlichen Quellen (…) basierenden Erhebungen einzigartig in Deutschland, weswegen man nicht von Irreführung sprechen kann."

Auch Kliniken werben mit "Focus"-Gütesiegeln, zum Beispiel die Universitätsklinik Gießen Marburg: 2019 ausgezeichnet als Top-Regionales und Top-Nationales Krankenhaus, dazu als Top-Alzheimer, Top-Parkinson und Top Nationales Krankenhaus Unfall-Chirurgie. Frontal 21 fragt bei der Klinik nach und erhält als Reaktion folgende Antwort: "Wir haben uns entschieden, an ihrer Befragung nicht teilzunehmen."

Dafür gibt es Auskunft vom Betriebsrat. Dort liegen Überlastungsanzeigen aus ausgezeichneten Stationen vor, Dinge im Klinikalltag wie etwa Vitalkontrollen oder verzögerte Medikamenteneinnahmen seien problematisch. Der Betriebsrat empfindet die "Focus"-Auszeichnungen deshalb als Hohn.

Chefarzt: Es gibt genug andere Qualitätskriterien

Auch andere Verlage sind ins Siegel-Geschäft eingestiegen, sogar internationale Angebote gibt es. Chefarzt Dr. Friedemann Schad von der Klinik Havelhöhe erhielt eine Offerte aus Saudi-Arabien, sein Haus könne zur "besten Klinik der Welt gewählt" werden, allerdings nicht umsonst: "Da werden Größenordnungen von bis zu 15.000 Euro aufgerufen."

Geld würde Schad für eine Auszeichnung nicht bezahlen. "Es gibt genügend Qualitätskriterien in der Medizin. Es gibt Transparenzdaten, an denen beteiligen wir uns – selbstverständlich. Aber daran nicht."

Experten sagen: Wer einen Arzt sucht, braucht unabhängige Empfehlungen. Wettbewerbshüterin Köber stellt fest: "Offenbar dienen Siegel der Kaufentscheidung, umso wichtiger ist es, gegen Auswüchse vorzugehen." Dem Verbraucher rät sie: "Nicht von Siegeln blenden lassen, sondern kritisch hinterfragen."

Anm. der Red.: Der Name des Autors ist ein Pseudonym.

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