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100 Tage nach US-Abzug - Afghanistan versinkt immer mehr im Elend

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Vor vier Monaten sind die internationalen Truppen aus Afghanistan abgezogen. Hilfszahlungen sind gestoppt. Zurück bleiben neue Herrscher, 40 Millionen Afghanen - und viel Leid.

Vier Monate nach der Machtübernahme der Taliban versinkt Afghanistan im Elend. Hilfszahlungen gestoppt, die Regierung zahlungsunfähig, Kinder drohen zu verhungern. Katrin Eigendorf reist durch das Land und spricht mit dem Volk - und den neuen Herrschern.

Beitragslänge:
28 min
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Generalmajor Chris Donahue war der letzte US-Soldat, der Afghanistan verließ - vor 100 Tagen, am 31. August. Das Bild ging um die Welt, die Taliban feierten den Abzug des Westens und ergriffen die Macht im Land - mit dramatischen Folgen für die Bevölkerung: Menschen verlieren ihre Arbeit, Frauen viele ihrer Rechte, Lebensmittel sind knapp und Kinder verhungern. Dennoch geht die achtjährige Fatima jeden Tag zu ihrem Arbeitsplatz - die Straße. Sie ist Schuhputzerin.

Die Hoffnung auf eine Tüte Brot

Fatima hat nie eine Schule besucht. Aber sie hat gelernt, auf der Straße zu überleben. Dieser Kampf ist seit der Machtübernahme noch härter. Das Mitleid, mit dem Kinder bis vor einiger Zeit noch rechen konnten, schwindet. Nur wenige Erwachsene haben ein bisschen Kleingeld übrig, um sich die Schuhe putzen zu lassen.

Ob ihre Familie am Ende des Tages etwas zu essen hat, hängt auch von der Achtjährigen ab. Manchmal kann sie eine Tüte Brot kaufen, meistens bleibt sie hungrig. Eine richtige Mahlzeit oder etwas zum Spielen - weit weg von Fatimas Lebensrealität: "Ich hatte noch nie ein Spielzeug."

ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf hat Fatimas Familie besucht. Und ein Kinderkrankenhaus, in dem sie Ärzte erlebte, die Kinder sterben lassen müssen, weil sie nicht allen helfen können. Lesen Sie ihren Bericht dazu hier:

Not in Afghanistan - "Wir müssen Kinder sterben lassen" 

Afghanistan erlebt eine Hungerkatastrophe, deren Ausmaß selbst erfahrene Entwicklungshelfer schockiert. Drei Millionen Kinder sind unterernährt. Was können wir tun, um zu helfen?

Videolänge
2 min
von Katrin Eigendorf

Scharia statt Bildung

Ein paar Straßen weiter gehen die elfjährige Yusra und ihre Freundin Marwa zur Schule - sie sind Klassenbeste. Yusra will Ärztin werden: "Ich will Patienten behandeln und für das Land arbeiten." Ein Traum, der fast unerreichbar scheint, denn in Kabul dürfen Mädchen nur noch bis zur sechsten Klasse in die Schule. Mehr Bildung dulden die Taliban nicht. Berufstätige, erfolgreiche Frauen könnten mehr Einfluss erlangen, als es laut Scharia erwünscht ist.

"Sie sind Kinder, sie verstehen noch nicht den Ernst dieser Lage", sagt ihre Lehrerin Homeira Shamshad.

Diese Mädchen versuchen ihr Bestes, um Ärztinnen oder Ingenieurinnen zu werden. Aber so wie die Dinge laufen, scheint das unmöglich.
Homeira Shamshad, Lehrerin in Kabul

Bildung von Mädchen war eine zentrale Errungenschaft der letzten zwanzig Jahre, doch die Taliban haben das Frauenministerium abgeschafft. Dafür gibt es jetzt ein Ministerium für Tugend. Die Scharia bestimmt nun die Verfassung.

Eine afghanische Frau sitzt mit einem Kind mitten auf dem Bagram-Kabul Highway, nördlich von Kabul, und bettelt um Geld.
Die Menschen in Afghanistan sind Leid und Armut ausgesetzt - besonders Frauen und Kinder.
Quelle: dpa, ap / Rahmat Gul

Ganz Afghanistan versinkt im Elend

Dazu gehört auch: Jobs und Unternehmen, die nicht den Werten der Scharia entsprechen, sind verboten. Doch selbst diejenigen, die noch eine Arbeit haben, können meist nicht mehr bezahlt werden. Schuld daran, so heißt es im Land, sei der Westen.

Gelder der Regierung und Bankkonten sind eingefroren, sowohl von den USA als auch von Europa. Der Staat ist zahlungsunfähig. Ganz gleich, wie viel Geld jemand angespart und erwirtschaftet hat, es steht nicht zur Verfügung.

Trümmer nach einem Autobombenanschlag in Afghanistan.

Nachrichten | Thema - Afghanistan 

Die USA und ihre Verbündeten haben nach 20 Jahren Krieg ihr Militär aus Afghanistan abgezogen. Die radikal-islamischen Taliban haben das Land zurückerobert. ...

Auf dem Land zeigt sich das Leid besonders deutlich: Von der Landwirtschaft können sie hier schon lange nicht mehr leben. Viele der Familien leiden Hunger - und das zeigen die Taliban auch. Das Elend soll sichtbar werden, damit der Westen seine Finanzhilfen wieder freigibt, so das Ziel.

Marzia Mohammadi von der Welthungerhilfe berichtet von der Verzweiflung der Menschen:

Es gibt Familien, die haben oft über fünf Tage nichts zu essen. Wir gehen von Tür zu Tür, um die zu finden, denen es besonders schlimm geht.
Marzia Mohammadi, Welthungerhilfe

Manche würden sogar ihre Kinder verkaufen, vor allem Mädchen, um irgendwie zu überleben. Doch das, was die Welthungerhilfe an Lebensmitteln gibt, reicht bei weitem nicht aus. Schon vor der Machtergreifung der Taliban zählte Afghanistan zu den ärmsten Ländern der Welt.

Auf Kabuls Straßen sind viele Kinder, die Arbeit suchen. Sie müssen Geld für ihre Familien verdienen, damit sie dem Hunger entkommen können.

Beitragslänge:
1 min
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Der Westen im Dilemma

Doch seit Oktober hat sich die Lage im Land nicht gebessert, im Gegenteil. International isoliert könnte Afghanistan in wenigen Wochen einen Kollaps erleben, so Beobachter*innen und Hilfsorganisationen.

Der Westen steckt in einem Dilemma: Es braucht einen Weg, dem Volk zu helfen, ohne damit die Taliban zu stützen. Das Schicksal von Millionen Afghanen und Afghaninnen liegt auch in den Händen der internationalen Gemeinschaft - und damit auch die Träume und Wünsche von Mädchen wie Fatima und Yusra.

ZDFheute Update

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