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Interview

Ex-Präsident von Afghanistan : "Ich habe die Taliban 'Brüder' genannt"

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Hamid Karsai war Afghanistans erster frei gewählter Präsident. Er blieb im Land – trotz der Machtübernahme der Taliban. Nun lassen sie ihn nicht mehr ausreisen.

Im Interview spricht der ehemalige Präsident Afghanistans, Hamid Karsai, über das Leben unter den Taliban, seine Hoffnungen für ein friedliches Afghanistan und zieht Parallelen zum Krieg in der Ukraine.

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Der heute 64-jährige Hamid Karsai war von 2001 bis 2014 Präsident von Afghanistan. Anders als viele Mitglieder der aktuellen Regierung, die im August 2021 die Flucht ergriffen, entschied er sich, in seinem Land zu bleiben, auch nach der Machtübernahme der Taliban vor einem Jahr. Nun darf er Afghanistan nicht mehr verlassen, die neuen Machthaber haben gleich zweimal seine Ausreise verhindert. In seiner streng gesicherten Residenz im Regierungsviertel von Kabul hat das ZDF den 64-Jährigen getroffen.

Ein Interview unter besonderen Bedingungen

Es ist das zweite Mal, dass Hamid Karsai dem ZDF ein Interview gibt. Im Juni vergangenen Jahres, kurz vor der Machtübernahme der Taliban, hatte sich der ehemalige Präsident optimistisch geäußert, mit den Taliban eine gemeinsame Regierung bilden zu können. Dieses Mal, beim Tee in seiner Privatbibliothek, in der Dutzende von Fotos mit Staatsführern aus aller Welt - unter anderem auch mit Angela Merkel - an die Zeit erinnern, in der der paschtunische Politiker das Land regierte, gibt sich Karsai ernüchtert.

Die Hoffnungen auf Reformbereitschaft der selbst ernannten Gotteskrieger hat sich nicht erfüllt. Und doch will Hamid Karsai bleiben, beharrt darauf, alle Afghanen müssten zusammenfinden. Große Hoffnungen, das gesteht der Ex-Präsident im Interview mit ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf, habe er an Deutschland, das schon einmal bei der Gründung des neuen afghanischen Staates eine wichtige Rolle gespielt habe. Sollten die Taliban ihm erlauben, das Land zu verlassen, würde seine erste Reise nach Deutschland führen.

Hamid Karsai im Interview mit Katrin Eigendorf
Hamid Karsai im Interview mit Katrin Eigendorf
Quelle: zdf

Sehen Sie oben ein Auszug des Interviews als Video und lesen Sie hier Teile daraus:

ZDF: Herr Karsai, wie sehen Sie die aktuelle Situation in Ihrem Land?

Hamid Karsai: Ich sehe zwei Gegensätze. Zum einen ist da die Machtübernahme der Taliban und die allgemeine Sicherheitslage im Land. Wir haben nicht mehr so viele Opfer, wie wir damals hatten. Gleichzeitig hat das Land massiv gelitten: in Bezug auf die Wirtschaft, die Bildung, das Recht von Frauen, arbeiten zu gehen. Hinzukommt, dass das Land Institutionen, Armee und Polizei verloren hat.

ZDF: Sie sind in Afghanistan geblieben. Wieso?

Karsai: Das ist mein Land. Ich war 13, 14 Jahre lang der Präsident dieses Landes. Während meiner Amtszeit wurden die Grundlagen gelegt für die Verfassung des Landes, die Republik, die Freiheiten, die Freiheit der Medien, die Demokratie, die Millionen von Mädchen, die zur Schule gehen konnten, die florierenden Universitäten und den Wiederaufbau. Und es ist meine Heimat. Wie hätte ich meine Heimat und mein Land in einer so schwierigen Situation verlassen können? Das ist immer noch Afghanistan. Das ist immer noch mein Land.

Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr wird in einem Untersuchungsausschuss und einer Enquete-Kommission aufgearbeitet. "Wir haben ein dysfunktionales und zerrissenes Land zurückgelassen", so Michael Müller (Vorsitzender Enquete-Kommission).

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Wir mussten hierbleiben. Ich bin sehr unglücklich darüber, dass unsere Mädchen nicht mehr in die Schule gehen können. Das ist eindeutig gegen das Interesse von Afghanistan. Das ist eindeutig im Interesse jener ausländischen Kräfte, die ein unterdrücktes, geschwächtes, von Armut geplagtes Afghanistan wollen.

Der Taliban-Führung wurde klar gesagt, dass dies falsch ist und sie diese Entscheidung so schnell wie möglich rückgängig machen muss. Es gibt sehr viele Taliban-Führer, die uns darin unterstützen und die sich auch für Bildung einsetzen. Sie haben die Stimmen der Geistlichen des Landes aus dem ganzen Land vernommen, die fordern, dass Mädchen zur Schule gehen können sollen, und die mit der Führung der Taliban in dieser Frage nicht einverstanden sind.

ZDF: Aber das ist das Phänomen aller Arten von Diktaturen - dass das, was gesagt wird, anders ist als die Realität. Wo sehen Sie Chancen, dass dieses Land dieser Situation entfliehen kann?

Karsai: Sehen Sie, während meiner Amtszeit habe ich die Taliban 'Brüder' genannt. Denn sie gehörten zu diesem Land, wie wir alle zu diesem Land gehören. So wie die Taliban und die Mitglieder der jetzigen Regierung das Volk von Afghanistan sind. Alle sind das Volk dieses Landes. Deshalb ist es die Verantwortung der jetzigen Regierung, dafür zu sorgen, dass jeder Afghane sich hier wiederfindet und ein Gefühl der Zugehörigkeit bekommt. Und das Gefühl, dass er in seinem eigenen Land arbeiten und Erfolg haben kann und dass er sich in seinem eigenen Land fortbilden kann.

Seit die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben, hat sich die Lage für Mädchen und Frauen dort verschlechtert. Unter anderem wurde der Zugang zu Bildung eingeschränkt.

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ZDF: Was passiert, wenn all das nicht geschehen wird?

Karsai: Dann wird sich das Land destabilisieren. Der Sinkflug der afghanischen Wirtschaft wird sich fortsetzen. Wir haben keine Botschaften mehr in der Welt. Die Wirtschaft des Landes befindet sich in einem ernsthaften Niedergang. Die afghanische Währung ist fast nicht mehr vorhanden. Es wird kein neues Geld gedruckt. Die Banken funktionieren nicht. Das Leben ist fast zum Stillstand gekommen.

ZDF: Ist es ein Problem, dass die ganze Welt, auch Deutschland, so fokussiert auf die Ukraine, auf Russland und den Krieg sind?

Karsai: Wir wünschen uns, dass dieser Krieg beendet wird. Und ich würde der ukrainischen Führung empfehlen, dass sie sich nicht an feindlichen Beziehungen in der Nachbarschaft beteiligt. Aber ja, das hat natürlich, um es etwas präziser auszudrücken, die Aufmerksamkeit für Afghanistan verringert. […] Wir wollen, dass die Ukraine sich von dieser massiven negativen Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und Russland befreit. Das ist nicht im Interesse der Ukraine.

Das ist, was uns passiert ist. Der Ursprung unseres Leidens, unseres Leidens der letzten 40 Jahre, liegt im Kalten Krieg und an der Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Die Sowjetunion versuchte uns, den Kommunismus aufzuzwingen. Die Vereinigten Staaten haben uns Extremismus und Radikalismus aufgezwungen. Und unsere aktuelle Situation ist die Konsequenz daraus. Das ist es, was wir der Ukraine sagen wollen: Seid weise! Lasst euch nicht von den Supermächten überrumpeln.

ZDF: In Europa, auch in Deutschland, fragt man sich, wie wir mit den Taliban umgehen können. Was würden Sie raten?

Karsai: Ich würde empfehlen, sich zu engagieren. Wir müssen die Politik von den humanitären Bedürfnissen der Gesellschaft trennen. Leider befinden wir uns jetzt in einer Situation, in der wir so verarmt sind, dass wir humanitäre Hilfe benötigen. Das ist sehr traurig und wir sind nicht glücklich darüber, aber so ist es nun einmal. Die internationale Gemeinschaft muss helfen, so gut sie kann.

Das Interview führte ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf.

Ein Jahr nach der Machtübernahme sind Katrin Eigendorf und Sebastian Ehm für das ZDFauslandsjournal nach Afghanistan gereist. Was haben die Taliban, die selbst ernannten Gotteskrieger, in dem Land vor? Wie geht es dem afghanischen Volk? Sehen Sie hier die Dokumentation vorab in der ZDFmediathek oder schalten Sie am Mittwoch ein, 10.08.2022 um 22.15 Uhr im ZDF.

Ein Jahr nach der Machtübernahme durch die Taliban ist Afghanistan wirtschaftlich am Boden, Millionen von Menschen leiden an Armut und Hunger, Frauen werden unterdrückt. Wie lebt das Volk unter der neuen Führung?

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