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Kolonialismus - Wo die Raubkunst zu Hause ist

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In europäischen Museen stehen bis heute viele Kunstwerke aus Afrika. Oft wurden sie während der Kolonialzeit geraubt - die Debatte hat auch Deutschland erreicht.

Geraubte Kulturgüter aus der Kolonialzeit
Kunstwerke wie dieses wurden in der Kolonialzeit aus Afrika geraubt.
Quelle: dpa

Mehr als zwei Meter ist er hoch und 22 Kilo schwer, die rechte Faust erhoben, der Blick geht stolz gerade aus. Die riesige Statue aus bemaltem Holz verkörpert König Gezo, im 19. Jahrhundert Herrscher über das Reich Dahomey an der westafrikanischen Küste. Heute liegt dort der kleine Staat Benin.

Archiv, Frankreich, Paris: Ausstellung der Königlichen Dahomey Holzstatuen "Musée du quai Branly - Jacques Chirac".
Die Statue von König Ghezo ist eine der bekanntesten Beispiele für Beutekunst aus der Kolonialzeit.
Quelle: pa/ap, Michel Euler

Der hölzerne König steht aber schon lange nicht mehr in Afrika, sondern seit etwa 130 Jahren im fernen Paris, genauer gesagt im Museum Quai Branly. Die Statue ist eines der bekanntesten Beispiele für Beutekunst aus der Kolonialzeit, deren Rückgabe inzwischen breit diskutiert wird. Sie wurde beim Angriff auf das Königreich Dahomey 1892 von einem General der französischen Kolonialtruppen entwendet und dem Museum geschenkt.

Kunst, an der Blut klebt

Kunst sammelten in der Kolonialzeit vor allem Wissenschaftler, Kolonialbeamte und eben das Militär.

Das Militär ist eine ganz große Gruppe der Sammler. Und deswegen kann man auch sagen, dass an manchen Objekten Blut klebt. Diese Formel, die so übertrieben klingt, kann man beim Wort nehmen.
Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin

Das sagte Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin an der TU Berlin, Anfang 2019 im Deutschlandfunk. Seit einem aufsehenerregenden Bericht über koloniale Raubkunst, den Savoy als Beraterin der französischen Regierung miterstellt hat, ist sie auch international als Expertin in der Rückgabedebatte bekannt.

Frankreich gibt erbeutete Kunst zurück

In diesem Juli verpflichtete Frankreich sich per Gesetz dazu, Kulturschätze zurückzugeben: Werke aus dem Schatz des Königreiches Dahomey an Benin, sowie einen Säbel an den Senegal.

Das passt zur Strategie des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, die Beziehungen zu den ehemaligen Kolonien in Afrika zu verbessern - exakt 60 Jahre, nachdem die meisten von ihnen unabhängig wurden. 

Aber der Bericht von Savoy und dem senegalesischen Intellektuellen Felwine Sarr hat in ganz Europa die Diskussion über den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit angestoßen. Das sei wichtig für beide Seiten, sagt Ibou Diop, der am Humboldt-Forum in Berlin als Programmkoordinator arbeitet. "Der, der zurückgibt, erkennt an, dass das was er getan hat, nicht richtig war. Und der, der empfängt, bekommt wieder, was ihm gehört."

Das ist eine Art symbolische Wiederherstellung.
Ibou Diop, Humboldt-Forum Berlin

Die Rückgabe sei also auch für die ehemaligen Kolonialmächte eine Chance, die eigene schwierige Geschichte aufzuarbeiten.

Raub von "Benin-Bronzen" durch deutsche Kolonialmacht

Das betrifft ebenfalls Deutschland, das im heutigen West, Ost- und Südafrika bis 1919 als Kolonialmacht aktiv war. Auch in deutschen Museen gibt es reichlich Raubkunst, die zeigt, wie eng verzahnt die Kolonialgeschichte der europäischen Länder ist. Prominentes Beispiel sind die sogenannten Benin-Bronzen - die allerdings nichts mit dem Staat Benin zu tun haben.

Sie sind nach dem Königreich Benin benann, das heutzutage in Nigeria liegen würde. 1897 raubte eine britische Kolonial-Expedition massenhaft aufwändig gestaltete Skulpturen und Plaketten. Ausgehend vom Hafen in Hamburg verteilten sie sich, was an der Universität Hamburg derzeit erforscht wird.

Westafrikanische Maske im Museum für Kunst und Gewerbe
Raubkunst-Bronze aus dem Staat Benin in Westafrika.
Quelle: dpa

Das Humboldt-Forum, das Ende des Jahres eröffnen soll, steht in der Kritik weil es einen Teil der umstrittenen Benin-Bronzen ausstellen will.

Wir leben in einer Welt, wo ein Teil der Menschen sehr guten Zugang hat zu Bildung und Kultur. Und andere haben es nicht, weil ihre Kunst geplündert und kaputt gemacht wurde.
Ibou Diop, Humboldt-Forum Berlin

"Die müssten erst in einen Flieger nach Berlin, Paris oder New York steigen, um die Sachen aus ihren eigenen Ländern zu sehen", kommentiert Diop kritisch. 

Er findet, auch Bewegungen wie Black Lives Matter seien noch kein Zeichen für Postkolonialismus - also das Ende von ungleichen kolonialen Beziehungen zwischen Norden und Süden. "Das ist vielleicht ein Sonnenstrahl im dunklen Winter. Aber gelebt wird Postkolonialismus noch nicht."

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