Tag der Alphabetisierung: Betroffene vor "unnötigen Hürden"

    Welttag der Alphabetisierung:Wenn Worte nicht die einzige Hürde sind

    von Cornelia Braun
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    Zum Welttag der Alphabetisierung zeigt sich wieder: Millionen Deutschen fällt das Lesen und Schreiben schwer. Der Bund will die Zahl verringern, doch die Pandemie erschwerte dies.

    Auf dem Bild sieht man ein verschwommenes Antragsformular. Eine Person setzt den Stift an, um das Blatt auszufüllen.
    Viele Erwachsene können nicht richtig lesen und schreiben - mit mangelnder Intelligenz hat das nichts zu tun.
    Quelle: dpa

    Etwa jeder achte deutsche Erwachsene hat Schwierigkeiten zu lesen und zu schreiben. In Zahlen heißt das: Nach Expertenschätzung sind etwa 6,2 Millionen Deutsche im Alter zwischen 18 und 64 Jahren davon betroffen.
    Das Bildungsministerium für Bildung und Forschung förderte innerhalb des auf zehn Jahre angesetzten Projekts AlphaDekade verschiedene Bildungsmaßnahmen.
    Ziel der Förderung sei es, die "Zahl gering literalisierter Erwachsener in Deutschland zu verringern und die Grundbildung zu stärken". Ein wichtiger Aspekt: mehr Lernangebote und Alphabetisierungskurse.
    Wie funktionieren die Maßnahmen und reichen die Lernangebote aus? Im Interview mit ZDFheute sprach Gundula Frieling, stellvertretende Direktorin des Deutschen Volkshochschulverbands (DVV), von "Hürden" für Menschen mit geringer Literalität - meint Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen.

    Weniger Teilnahme und Mangel an Lehrkräften

    Während der Corona-Zeit hätten weniger Menschen das Kursangebot an Volkshochschulen wahrgenommen. Diese Tendenz sieht auch Frieling als Expertin für den Bereich Alphabetisierung. Vor der Pandemie hat sich die Zahl der Menschen mit geringer Literalität bereits verringert.
    Im Jahr 2020 nahm die Teilnahme an Kursen um etwa ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr ab, so die offiziellen Zahlen der deutschen Volkshochschulen.

    Wir kämpfen seit Corona mit einem verstärkten Lehrkräftemangel im Bereich Alphabetisierung.

    Gundula Frieling, stellvertretende DVV-Direktorin

    Ein möglicher Grund dafür seien laut Frieling die Schulschließungen während des Corona-Lockdowns. Viele Lehrkräfte seien außerdem in einer freiberuflichen Tätigkeit oder auf Honorarbasis an den Volkshochschulen tätig gewesen. Während der Lockdowns seien die Stellen weggefallen, Verträge ausgelaufen und Lehrer*innen abgewandert, erklärt die Expertin.

    Unterschiedliche Standards in der Lehrerausbildung

    Auch in der Ausbildung sieht die stellvertretende Direktorin des DVV Probleme. Je nach Bundesland seien die Standards zur Ausbildung von Lehrkräften unterschiedlich, es gäbe deutschlandweit nur einen einzigen öffentlichen Studiengang zur Fortbildung. Frieling fordert daher ein "systematisches Konzept" zur Aus- und Weiterbildung.
    Zwei Analphabeten erzählen ihre Geschichte25.07.2022 | 7:46 min
    Zusätzlich zu den Volkshochschulen werden auch in Mehrgenerationenhäuser Alphabetisierungskurse angeboten. Im vergangenen Jahr wurden mit bundesweit 518 Lernangebote über 3.200 Teilnehmer*innen mit einem "niedrigschwelligen Angebot" erreicht. Das teilte das Bundesministerium für Bildung und Forschung auf Anfrage von ZDFheute mit.

    "Unnötige Hürde" für Betroffene

    Die Volkshochschulkurse stehen hingegen in Verantwortung der Länder und Kommunen, so das Ministerium. Daher ist das Angebot an Alphabetisierungskursen je nach Bundesland unterschiedlich und "teilweise kostenlos oder kostenpflichtig" für Betroffene zugänglich, so Frieling.
    Dies schaffe zusätzlich "unnötige Hürden" für Menschen, die Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen haben, erklärt die Expertin.
    Mit Blick auf den Arbeitskräftemangel sieht Frieling ein großes Potential in der Alphabetisierung von Erwachsenen. 62 Prozent der Menschen mit Schwierigkeiten bei Lesen, Schreiben oder Rechnen sind erwerbstätig.

    Wir brauchen eine zugängliche und kostenlose Förderung der Arbeitskräfte mit Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder mit Zahlen.

    Gundula Frieling, stellvertretende DVV-Direktorin

    Viele von ihnen seien in Pflege, Gastronomie, Bau- oder Reinigungsgewerbe tätig, Berufe, die durch die Digitalisierung immer mehr Schreib- und Lesekompetenz benötigen, sagt die stellvertretende Direktorin.

    Zum Weltalphabetisierungstag, der von der UNESCO jährlich am 8. September ausgerufen wird, finden deutschlandweit Kundgebungen und Aktionen statt. Sie wollen auf das Thema Alphabetisierung in Deutschland aufmerksam machen. Weltweit haben über 750 Millionen Menschen Schwierigkeiten zu lesen und zu schreiben.

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