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Terra X - die Wissens-Kolumne : "Nie wieder" - mehr als zwei Worte

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#NieWieder posten wir bei passendem Anlass. Nie wieder solle sich der Holocaust wiederholen. Aber: Im Kampf gegen Antisemitismus reicht Hashtag-Aktivismus bei Weitem nicht aus.

Terra X - Die Wissens-Kolumne: Mirko Drotschmann

In der neuen Terra-X-Kolumne auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.

Ihre Augen sind wach und neugierig. Aufrecht sitzt die elegante weißhaarige Dame in einem dunklen Ohrensessel eines Berliner Seniorenwohnheims vor mir und fragt mich: "Wo wollen wir denn anfangen?" Sie klingt freudig und erwartungsvoll. Dabei wollen wir beide anlässlich des 80. Jahrestages der Wannsee-Konferenz am 20. Januar über die wohl dunkelsten Stunden deutscher Geschichte sprechen: die Shoa - den Massenmord an den Juden Europas.

Der Weg zur Wannsee-Konferenz. Wie kommen die Nationalsozialisten an die Macht? Und warum erhält Hitler so viel Zustimmung?

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9 min
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Margot Friedländer hat all das miterlebt - und vor allem überlebt. Ausgrenzung, Verfolgung, Vernichtung prägten ihr Leben. Fast ihre gesamte Familie fiel dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer. Sie selbst, damals eine junge Jüdin Anfang 20, konnte zunächst entkommen, wurde dann doch aufgegriffen und musste im Konzentrationslager Theresienstadt mit ansehen, was passiert, wenn Menschen jede Würde genommen wird.  

Gaskammern, Öfen, Zyklon B - ist das wirklich wieder möglich?

Mit fester Stimme berichtet die 100-Jährige von all den Dingen, die sie gesehen, erfahren, erlebt hat. Stundenlang. Und dann sagt sie diesen einen Satz, der noch Wochen in mir nachhallt: "Wissen Sie", und ihre Stimme wird brüchiger, "ich wünschte, das wäre alles für immer vorbei. Aber: Es kann wieder geschehen."

Die Gaskammern. Das Zyklon B. Die Öfen. Die Schornsteine. Ist das wirklich möglich? Denn immerhin braucht es Täter für solche Verbrechen. Und wir Menschen haben doch dazugelernt?

Verkommt #NieWieder zu einem Hashtag-Aktivisimus?

Wir haben ein eindrucksvolles Mahnmal im Herzen unserer Hauptstadt errichtet. Wir sprechen in Schulen, Universitäten und Medien über die Verbrechen des Holocaust. Gedenken jährlich mit großem Aufwand der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Das Protokoll der Wannsee-Konferenz offenbart, wie geschäftsmäßig die Teilnehmer über den geplanten Mord an elf Millionen Juden sprachen.

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#NieWieder schreiben wir in wortgewaltigen Tweets und gut gemeinten Instagram-Posts. Ich befürchte: Dieses #NieWieder verkommt mehr und mehr zum Ausdruck eines Hashtag-Aktivismus.

Hass auf jüdische Religion ist kein alter Schwarz-Weiß-Film

Doch die Aufmerksamkeit, die wir mit diesen wohlgewählten Worten schaffen, währt zu kurz. Vergessen, mit dem Abschalten des Smartphone-Displays. Es braucht eine mutigere Antwort, dem Hass auf Jüdinnen und Juden zu begegnen. Denn der ist kein alter schwarz-weißer Film - er blendet uns heute in allen Farben schrill entgegen.

Der versuchte Anschlag auf eine Synagoge in Halle 2019. Aufgestachelte Menschen, die durch die Straßen deutscher Großstädte ziehen und dabei "Scheiß Juden!" skandieren. Es gibt Gegenden in Deutschland, in denen Juden sich nicht mehr trauen, die Symbole ihrer Religion offen zu tragen. Der Hass auf die jüdische Religion - er ist da und wird immer massiver.

Viele Deutsche wollen einen „Schlussstrich“ unter die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ziehen. Wie sehen das junge Jüdinnen und Juden aus Deutschland?

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Auch Corona-Maßnahmen spielen eine Rolle

2020 haben deutsche Behörden 2.351 antisemitische Straftaten erfasst. Ein Anstieg um 16 Prozent zum Vorjahr. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) kommt für das gleiche Jahr auf 1.909 Vorfälle. Rund 30 Prozent mehr als 2019. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher sein.

Eine Ursache sind die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen: Wer einen gelben Stern mit der Aufschrift "ungeimpft" trägt oder im Netz fabuliert, Gegner von Corona-Maßnahmen seien "die neuen Juden", bedient sich keinesfalls eines adäquaten historischen Vergleichs. Er relativiert den Holocaust, verharmlost einen Völkermord und spuckt auf die Gräber der Opfer des Nationalsozialismus.

Wir müssen im Alltag hinhören und reagieren

"Nie wieder", das muss für uns immer wieder Anlass zum Handeln sein: Wenn die Arbeitskollegin von der angeblichen Macht der Rothschilds raunt, wenn Rechtsextremisten im Stadion das Lied von der U-Bahn nach Auschwitz anstimmen.

Oder wenn in Deutschland lebende Muslime unter dem Deckmantel der Kritik an der Politik Israels den Staat mit der dort vorherrschenden Religion gleichsetzen. Wenn sie damit deren Angehörige pauschal verunglimpfen und gegen politische Akteure vor jüdischen Gotteshäusern protestieren.

Dann sind wir gefragt dagegenzuhalten. Aufzustehen, die Stimme zu erheben. Zu zeigen, dass "Nie wieder" mehr ist als zwei beliebig aneinandergereihte Wortfetzen.

Im zweiten Teil der Doku-Reihe "Exodus?" spürt Christopher Clark den Ursachen für den zunehmenden Antisemitismus in Europa nach, spricht mit Betroffenen und besucht Brennpunkte.

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43 min
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Irgendwann gibt es keine Zeugen des Holocaust mehr

Denn auch, wenn ich Margot Friedländer noch einmal 100 Jahre Leben wünsche: Irgendwann werden wir Zeitzeuginnen wie sie nicht mehr unter uns haben. Und damit verstummen die Stimmen, die das Grauen erlebt und gesehen haben und uns davon berichten können.

Spätestens dann sind wir in der Pflicht, sagt Frau Friedländer uns zum Abschied - und deutet auf einen abgegriffenen gelben Stern, den sie während des Gesprächs aus ihrer Tasche hervorgeholt hat: "Vergesst nicht, was war - und sorgt dafür, dass so etwas nie wieder passiert."

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