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Armut in Deutschland - Konkurrenz am unteren Rand

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Wohnraum, Arbeit, Essen - die Zahl der Bedürftigen wächst, das Angebot an Hilfen bleibt knapp, der Druck auf die Betroffenen steigt. Pandemie und Migration verschärfen die Lage.

Obdachlose, Rentner, Geringverdiener, Migranten: Immer mehr Menschen sind hilfsbedürftig und drängen in soziale Einrichtungen. Der Konkurrenzdruck am unteren Rand steigt.

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43 min
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Während nach der Bundestagswahl die Parteien um die politischen Fleischtöpfe ringen, geht am unteren Rand der Gesellschaft der tagtägliche Existenzkampf schlichtweg weiter.

Julia Paul ist Servicekraft im Wald Café in Bad Belzig, einer Kleinstadt in Brandenburg. Die 38-jährige arbeitet in Vollzeit und verdient 1.200 bis 1.300 Euro netto.

Zu hohe Mieten und keine freien Sozialwohnungen

Nicht besonders viel, aber im ländlichen Raum, wo Mieten günstiger sind, sollte es für eine Wohnung reichen. Tut es aber nicht. Julia Paul sucht seit Monaten vergeblich. Der Wohnberechtigungsschein für eine Sozialwohnung hilft ihr nicht - bei der städtischen Wohnungsgesellschaft ist weniger als ein Prozent Leerstand. Der private Markt ist oft zu teuer.

Seit 2014 ist der durchschnittliche Mietpreis von knapp 5 Euro auf inzwischen 8,60 Euro pro Quadratmeter angestiegen. "Ich bin stinksauer", sagt sie.

Ich bin wütend, natürlich. Traurig, man zweifelt an sich selber. Man denkt, man ist nichts wert!
Julia Paul

Verteilungskämpfe und Konkurrenz

Um den knappen, bezahlbaren Wohnraum konkurrieren Alleinerziehende, Rentner, Flüchtlinge und Geringverdiener. Julia Paul ist bei ihrem Freund untergekommen. Was für den Übergang gedacht war, dauert jetzt schon acht Monate.

In den vergangenen Monaten hat sie immer wieder das Gefühl gehabt, dass andere ihr bei der Wohnungssuche vorgezogen werden. Anfang des Jahres hätte sie sich eine Wohnung angeguckt, erzählt sie uns. "Die stand vier, fünf Monate leer und plötzlich wohnte da ein Zuwanderer drinnen."

Der knappe Wohnraum führt zu Konkurrenzdenken. Ina Schildbach, Professorin an der Universität Regensburg, beschäftigt sich mit der wachsenden Armut in Deutschland. Nicht nur beim Wohnraum, auch in anderen Bereichen beobachtet sie Verteilungskämpfe.

Ich glaube, dass man wirklich einen Kampf Arm gegen Arm feststellen kann: Bei den Tafeln, bei Obdachlosen-Unterkünften, beim Kampf um prekäre Jobs ist es ja wirklich Arm gegen Arm.
Ina Schildbach, Universität Regensburg

Es gebe einen Verdrängungswettbewerb und eine unglaublich große Schicht an Personen, die arm sind.

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von Michaela Waldow

Die Bedürftigen wechseln, die Bedürftigkeit bleibt

Bei den Lebensmittelausgabestellen kann man das bestätigen. Renate Zanjani ist Mitgründerin der Tafel Niederberg in Velbert, Nordrhein-Westfalen. 2002 war das. Seither wechseln die Bedürftigen.

"Es sind immer Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, wenig zum Leben haben", erzählt sie. "Manchmal haben wir mehr Rentnerinnen und Rentner, manchmal sind die Phasen so, dass mehr Alleinerziehende da sind, dann haben wir wieder mehr Menschen mit Migrationshintergrund."

Der Ausländeranteil beträgt gegenwärtig über 40 Prozent. Vor allem der Anteil aus Syrien, Afghanistan und Nigeria hat zugenommen, seit 2019 gibt es einen großen Zuwachs aus Bulgarien.

Flüchtlinge gegen Arme am Existenzminimum

Die Zuwanderung hat eine Diskussion um Verteilungskämpfe am unteren Rand der Gesellschaft entfacht. Migrationsforscher Matthias Lücke von der Universität in Kiel beschäftigt sich unter anderem mit der Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge. Anders als von der Politik versprochen, dauere die berufliche Integration länger. Er rechnet mit zehn bis zwanzig Jahren.

"Von den Menschen aus den wichtigsten Asylherkunftsländern haben inzwischen ungefähr ein Viertel eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung", sagt er. Das seien oft Helfertätigkeiten - Jobs im Gastgewerbe, zum Teil in der Automobilbranche, bei Dienstleistungen, Lieferdienste und ähnlichem. "Das ist also eine Arbeitsmarktintegration, die erst langsam beginnt."

Weniger bekommen als der Andere - für die Menschen am unteren Rand geht es um das Existenzminimum. Ein Gefühl der Ungerechtigkeit wächst, je höher die Bedürftigkeit ist.

Julia Paul aus Brandenburg hat am Ende doch noch eine Wohnung gefunden. Die liegt rund 100 Euro über ihrem Budget. Sie wird mit einem Zweitjob versuchen, die Miete jeden Monat aubringen zu können.

Carsten Meyer ist Redaktuer beim 3sat-Wirtschaftsmagazin makro.

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