Terra-X-Kolumne: Asteroidenabwehr zum Schutz der Erde

    Terra X - die Wissens-Kolumne:Asteroidenabwehr zum Schutz der Erde

    von Harald Lesch
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    Die Menschheit hat erstmals die Umlaufbahn eines Himmelskörpers verändert. Ein historischer Erfolg! Sind wir nun gewappnet, die Erde vor einem Asteroideneinschlag zu retten?

    Terra X - Die Wissens-Kolumne: Harald Lesch

    In der Terra-X-Kolumne auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpert*innen jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
    Es ist das ultimative Katastrophenfilm-Szenario: Ein Asteroid, ein Brocken so groß wie eine ganze Stadt, rast auf die Erde zu. Wahrscheinlichkeit des Einschlags: 96 Prozent. Die letzte Hoffnung: ein paar Space-Cowboys. Rauf aufs Space Shuttle, ein paar Atom-Sprengköpfe einpacken und ab geht die Post.
    Sie schmunzeln jetzt vielleicht - zurecht, denn für mehr als schmierige Dialoge, pathetische Musik und Bilderwelten abseits wissenschaftlicher Machbarkeit taugt so eine Story natürlich nicht. Dabei ist die Gefahr, die uns aus dem All droht, weit mehr als nur Stoff für Hollywood. Verloren sind wir aber auch ohne Bruce Willis nicht. Schließlich beobachten wir das All sehr genau. Und haben gerade erst mit einer spektakulären Mission der Nasa und ESA geprobt, wie sich ein Asteroid mit Kurs auf Erde galant ablenken ließe: die DART-Mission.

    Asteroiden - übriggeblieben bei Planetenbildung

    Asteroiden sind bei der Planetenbildung vor über 4,5 Milliarden Jahren übriggeblieben. Viele von ihnen sammeln sich im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Jupiter haben wir es auch zu verdanken, dass wir nicht unter Dauerbeschuss von interplanetaren Gesteinsbrocken stehen - seine Masse hält die uns potenziell peinigenden Brocken unter seinem gravitativen Einfluss.
    Die DART-Mission der Nasa hat auf den Asteroiden Dimorphos eingeschlagen und die Umlaufbahn des Binärasteroidensystems verändert. Prof. Harald Lesch und Experten erklären, wie das funktioniert hat.27.09.2022 | 63:27 min

    Mond-Krater stammen von Asteroiden

    Doch die unzähligen Krater auf dem Mond sind Zeugen davon, dass längst nicht alle Asteroiden im Bann des Jupiters gefangen sind. Diese Einschlagskrater blieben dank fehlender Atmosphäre und damit fehlender Verwitterung über Jahrmillionen nahezu perfekt erhalten. So haben wir einen guten Eindruck, wie viel Asteroidenhagel der Mond seit seiner Entstehung aushalten musste.
    Auf der Erde sieht es aber ganz anders aus: Plattentektonik, Verwerfungen, Erosion, Vegetation - es ist gar nicht einfach, Krater aufzuspüren. Gerade einmal 190 von ihnen kennen wir. Dann wäre da noch die Atmosphäre, in der kleinere Trümmer aus dem All einfach auseinanderbrechen oder fast vollständig verglühen - die aber trotzdem Schockwellen mit ordentlich Zerstörungskraft erzeugen.

    Heutzutage weniger kosmische Bomben

    Den Mond hat es früher öfter, dann immer seltener getroffen. Daraus lässt sich grob die historische Beschussverteilung der Erde ableiten. Doch nur weil es heute weniger kosmische Bomben gibt als vor Milliarden Jahren, bedeutet das nicht, dass wir sicher sind vor Asteroiden, die die Erde treffen könnten.
    Asteroiden haben Spuren auf unserer Erdoberfläche hinterlassen - wir leben sogar in ihnen. Doch was würde geschehen, wenn die mächtigen Gesteinsbrocken erneut in Deutschland einschlagen?15.11.2017 | 4:43 min

    Planetare Verteidigung ist zweigeteilt

    Eine Hälfte dessen, was die Raumfahrtbehörden Nasa und ESA als "Planetary Defence" bezeichnen, als planetare Verteidigung, ist zunächst mal Inventur: Wie viele Asteroiden gibt es denn eigentlich? Und vor allem: Können wir einen Asteroiden auch rechtzeitig entdecken, der auf die Erde zurast?
    Die andere Hälfte: Könnten wir einen Asteroiden mit Kurs auf die Erde umlenken? Die DART-Mission, kurz für "Double Asteroid Redirection Test", ist der erste Versuch des Menschen, sich auf diese Gefahr vorzubereiten. Zehn Monate lang war die Sonde von der Größe eines Kleinstwagens unterwegs auf den Weg zu einem Doppelasteroidensystem: Didymos, mit seinem kleineren Begleiter Dimorphos.

    Dimorphos für Gefahr zu weit weg von der Erde

    Das Ziel: auf Dimorphos einschlagen, seine Bahn um Didymos verändern - und so die Umlaufbahn des gesamten Doppelasteroidensystems um die Sonne beeinflussen. Dimorphos könnte mit einem Durchmesser von rund 160 Metern eine Stadt wie Köln vernichten. Asteroiden dieser Größe sind häufig - es ist also ein wahrscheinliches Szenario.
    Aber die Doppelasteroiden ziehen ihre Bahn weit jenseits der Erde in etwa elf Millionen Kilometern Entfernung. Egal, ob DART getroffen hätte oder nicht, gefährlich wären die beiden uns nie geworden.

    DART hat getroffen - aber wie!

    In der Nacht vom 27. September ist die Sonde um 1:14 Uhr MESZ mit einer Geschwindigkeit von fast 22.000 Kilometern pro Stunde auf Dimorphos aufgeprallt. Exakt im Zeitplan. Gesteuert von automatischen Systemen, die den zuvor berechneten Einschlagspunkt perfekt anvisiert haben.
    Ein himmelsmechanischer Kraftakt: Genaue Beobachtungen von der Erde aus waren nötig, um die Bahn von Didymos und Dimorphos zu bestimmen. Teleskope auf der Erde hatten die Sonde minutiös im Blick, um den Einschlag zu kontrollieren und zu beobachten.

    Auch James Webb und Hubble beobachten DART-Mission

    Selbst das James-Webb-Telekop und das Hubble-Weltraumteleskop hatten ihre Spiegel auf Didymos und DART ausgerichtet - und lieferten bereits erste spektakuläre Fotos. Ein winziger Satellit, LICIACube, koppelte sich kurz vor dem Aufprall von der Sonde ab, um das Ereignis aus nächster Nähe von außen zu beobachten. Die DART-Sonde selbst filmte direkt auf Dimorphos gerichtet und lieferte beeindruckende Bilder der beiden Asteroiden - bis zum Einschlag. Einfach grandios.
    Aber damit noch nicht genug mit der Raumsonden-Tour-de-Force: 2024 soll die ESA-Sonde Hera starten und den Krater untersuchen: Daten über den Einschlag, die Masse und den Aufbau des Asteroiden erheben. Der Plan ist, so eine fundierte und wiederholbare Methode zur Planetenverteidigung zu entwickeln. Ganz ohne Bruce Willis.
    Millionen Asteroiden treiben durch unser Sonnensystem. Der nächste Einschlag ist nur eine Frage der Zeit. Doch es gibt Ideen, wie wir uns schützen können: Die Raumsonde DART probt schon jetzt den Ernstfall.20.09.2022 | 28:59 min

    ... ist Astrophysiker und Moderator für Terra X und Leschs Kosmos, erklärt für das ZDF die Welt. Besonders interessiert ist er an komplexen Systemen und deren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Und an Boule, Schach und Klavier. Seit 2016 ist er mit "Terra X Lesch & Co." auch als Youtuber aktiv.

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