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Aufruf zum Wandel - "Was brauchen wir für ein gutes Leben?"

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So geht es nicht weiter, sagt eine Gruppe von Forschern und Experten. Ihr Aufruf: Um die Zukunft zu sichern, müssten die Menschen ihre Lebensweise "erheblich" ändern.

Archiv: Autos fahren über die Friedensbrücke in Frankfurt am Main
Straßenverkehr auf der Friedensbrücke in Frankfurt am Main (Archivbild)
Quelle: dpa

ZDFheute: In Ihrem Aufruf "Bereit zum Wandel", der sich ab heute an die breite Öffentlichkeit richtet, heißt es, technische Lösungen reichen nicht aus, um zum Beispiel den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Der Verbrauch von Energie und Rohstoffen müsse drastisch reduziert werden. Warum?

Stefan Heiland: Ohne Zweifel sind technische Fortentwicklungen und Effizienzsteigerungen nötig. Sie reichen alleine aber nicht aus, weil ihre Wirkung oft durch den so genannten Rebound-Effekt aufgehoben wird. Darunter versteht man das Phänomen, dass zwar der Energieverbrauch einer einzelnen Einheit sinkt - zum Beispiel der Benzinverbrauch eines Automotors oder der Heizbedarf eines Quadratmeters Wohnfläche.

Jedoch werden gleichzeitig Autos größer und schwerer, die Größe des Wohnraums je Person nimmt kontinuierlich zu, sodass der Gesamtenergieverbrauch kaum sinkt oder sogar steigt. Deshalb müssen wir uns fragen, was und wie viel wir konsumieren oder nutzen wollen und für ein gutes Leben wirklich brauchen.

ZDFheute: Wie weit werden wir uns einschränken müssen? Müssen wir unsere Vorstellung von einem "guten Leben" überdenken?

Heiland: Ich möchte hier nicht oder nicht ausschließlich von Einschränkung sprechen. Natürlich werden wir Dinge ändern müssen. Annehmlichkeiten oder Möglichkeiten, die wir heute als selbstverständlich betrachten, werden das in Zukunft nicht mehr sein - jedenfalls nicht in dem Maß wie heute. Viele Menschen werden das durchaus als Verzicht bezeichnen.

Annehmlichkeiten, die wir heute als selbstverständlich betrachten, werden das in Zukunft nicht mehr sein.

Aber durch unseren Energie- und Ressourcenverbrauch und dessen Folgen verzichten wir ebenso und bereits jetzt auf viele ganz wesentliche Dinge in unserem Leben. Zum Beispiel auf die Sicherheit, dass unsere Kinder und Enkelkinder unter erträglichen, lebensfördernden klimatischen Bedingungen leben können; auf das Wissen, dass künftig Nahrungs- und Trinkwasserversorgung für alle Menschen gesichert ist; auf das tägliche Erlebnis von Artenvielfalt und des Gesangs verschiedener Vogelarten.

Unser Anliegen ist eine intensive gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, wie wir in Zukunft leben wollen und leben können. Wir werden neu bewerten müssen, was Lebensqualität ausmacht, was wir brauchen und worauf wir verzichten können. Im Grunde stehen wir vor einer tiefgreifenden kulturellen Veränderung. Die Frage ist dabei letztlich nicht, ob wir unsere Lebensweise ändern werden. Wir werden das tun - ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nur, ob wir nötige Änderungen endlich selbst in die Wege leiten, um so viel Handlungsspielraum wie möglich zu erhalten - oder ob wir weitermachen wie bisher und uns Veränderungen durch äußere Umstände aufgezwungen werden.

ZDFheute: Sie fordern auch politische Entscheidungen. Welche sind das?

Heiland: Es geht schlicht darum, dass die Politik finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen schafft, die umwelt- und sozialverträgliche Entscheidungen und Handlungen so umfassend ermöglichen und begünstigen, dass diese zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit und Routine werden. Konkret betrifft das beispielsweise die Förderung des öffentlichen Personenverkehrs, die Beseitigung klima- und naturschädigender Subventionen oder auch die deutliche Förderung und Kennzeichnung von Produkten, die unter umweltverträglichen und menschenwürdigen Bedingungen hergestellt sind. Zu viel von dem, was wir heute tun und konsumieren, erfüllt diese Voraussetzungen nicht.

ZDFheute: Warum haben wir das bisher nicht hinbekommen?

Heiland: Hierfür gibt es viele Ursachen. Ich möchte nur eine nennen. Wir wollen alles gleichermaßen haben: Ausstieg aus der Atomkraft und fossilen Energieträgern, Klimaschutz, Erhaltung der Artenvielfalt und vertrauter Landschaftsbilder und die Beibehaltung unseres materiellen Lebensstandards. Und natürlich werden die meisten den Wunsch nach einer gerechteren und friedfertigen Welt teilen. Allerdings fällt es uns schwer zu sehen und uns einzugestehen, dass es zwischen diesen für sich nachvollziehbaren und verständlichen Zielen Konflikte gibt und dass unser Lebensstandard auf der Zerstörung der natürlichen Umwelt und der Ausbeutung von Menschen in anderen Regionen der Welt beruht.

Allerdings fällt es uns schwer zu sehen [...], dass unser Lebensstandard auf der Zerstörung der natürlichen Umwelt und der Ausbeutung von Menschen in anderen Regionen der Welt beruht.

"Wasch mir den Pelz, aber mach‘ mich nicht nass" funktioniert aber nicht. An diesem Punkt ehrlich zu sein, darauf kommt es an. Anschließend geht es dann um das demokratische Ausbalancieren legitimer Ansprüche im Rahmen globaler Gerechtigkeit und der ökologischen Belastungsgrenzen unseres Planeten.

Das Interview führte Mark Hugo

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