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Interview

Kinder mit Behinderung : Geschwister im moralischen Dilemma

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Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Deutschland mit Geschwistern auf, die eine Behinderung haben. Sie können daran wachsen, aber auch zerbrechen, sagt ein Psychologe.

Mädchen mit Down-Syndrom wird von Mutter geküsst
Kinder mit Behinderung brauchen besondere Aufmerksamkeit - genau wie ihre gesunden Geschwister.
Quelle: colourbox.de

ZDFheute: Sie begleiten Kinder, die es psychisch belastet, Schwester oder Bruder eines Kindes mit Behinderung oder einer chronischen Erkrankung zu sein. Wie erleben sie diese Kinder?

Florian Schepper: Sie leiden häufig unter diffusen Ängsten und Sorgen oder sind zutiefst traurig. Das zeigt sich zum Beispiel in der Schule durch fehlende Aufmerksamkeit oder im auffälligen Verhalten gegenüber anderen Kindern. Ihre Eltern wenden sich an uns, weil sie keine Erklärung dafür haben.

ZDFheute: Was brauchen Kinder in so einer Situation?

Schepper: Das ist sehr individuell. Wichtig ist vor allem Zuhören. Denn in ihren Familien fehlt Geschwisterkindern häufig ein adäquater Ansprechpartner. Sie nehmen wahr, dass ihre Eltern unter den gleichen Sorgen leiden wie sie und wollen diese deshalb häufig nicht mit den eigenen Problemen zusätzlich belasten.

Sie haben gelernt, sich zurückzunehmen.

ZDFheute: Sie haben nicht nur gelernt, sich zurückzunehmen, sondern gelten auch als empathisch und sozialkompetent. Gleichzeitig braucht es therapeutische Angebote. Wie passt das zusammen?

Schepper: Schwester oder Bruder eines chronisch kranken oder behinderten Kindes zu sein, ist keine Störung oder Krankheit. Es ist per se auch kein behandlungsbedürftiger Zustand.

Die Studienlage zeigt, dass Geschwisterkinder neben den positiven Entwicklungen auch ein erhöhtes Risiko haben, an einer posttraumatischen Belastung oder Depression zu erkranken. Wie sich das Kind entwickelt, ist nicht vorhersehbar. Es geht um Prävention.

ZDFheute: Woran entscheidet sich, ob gesunde Geschwister an der zusätzlichen Belastung wachsen oder verzweifeln?

Schepper: Das ist eine viel diskutierte Frage - auch in der Wissenschaft. Natürlich können Kinder an den Herausforderungen wachsen. Aber es ist keine kausale Kette. Es ist vielmehr eine Frage des Zeitpunktes, wann man die Betroffenen mit dieser Frage "Wie geht es dir?" konfrontiert.

ZDFheute: Die Belastung wird übers Leben hinweg also unterschiedlich stark wahrgenommen?

Schepper: Entscheidend sind vor allem die Umbrüche. Mache ich ein Auslandsjahr? Ziehe ich für die Ausbildung weg? Auch wenn meine Eltern mich ermutigen, das zu tun:

Sobald ich mehr für mich einfordere, habe ich das Gefühl, meine Familie im Stich zu lassen.

Dieses moralische Dilemma begleitet Geschwisterkinder bis ins hohe Alter, etwa wenn es um die Pflege der erwachsenen Schwester oder des erwachsenen Bruders geht.

ZDFheute: Wie können Freunde oder Verwandte in solchen Situationen helfen?

Schepper: Man kann da sein und Hilfe anbieten. Zum Beispiel auf die Kinder aufpassen oder Erledigungen übernehmen, damit auch die Eltern mal Zeit für sich haben. Das Problem bei Behinderungen ist aber, dass sie in der Regel dauerhaft sind. Es gibt wenige Freundschaften, die das über einen ganz langen Zeitraum immer wieder anbieten und leisten können. Auch deshalb sind professionelle Angebote so wichtig.

ZDFheute: Ein flächendeckendes Angebot für gesunde Geschwisterkinder gibt es aber noch nicht, obwohl es Millionen Menschen betrifft. Woran liegt das?

Schepper: Einerseits ist das Thema erst relativ spät in den Fokus vieler sozialer Angebote gerückt, andererseits sind die Angebote schlichtweg nicht finanziert. Erst zwei Krankenkassen sind in dem Bereich aktiv. Viele Angebote, bei denen sich Betroffene untereinander austauschen können, werden immer noch aus Spenden, von Sponsoren oder durch Stiftungen getragen.

ZDFheute: Was kann der Austausch von Betroffenen untereinander leisten, was Freunde oder Bekannte nicht können?

Schepper: Der Austausch untereinander zeigt den gesunden Geschwistern: Du bist nicht allein mit dieser Situation. Denn obwohl jeder seine ganz eigenen Erfahrungen macht, gibt es breite Überschneidungen. Und dieses Wissen, dass man nicht damit allein ist, ist sehr entlastend und stabilisierend.

ZDFheute: Wie kann Geschwistern von Menschen mit Behinderung in Zukunft besser geholfen werden?

Schepper: Chronische Erkrankung und Behinderung im Kindesalter sind immer ein Familienthema. Im medizinischen Bereich sollte es stärker als ein solches angesehen werden. Weg vom Fokus auf eine einzelne Person, hin zur Perspektive der Familie.

Das Interview führte Johanna Sagmeister. Der Autorin auf Twitter folgen: @Johanna.Sagt

Wie Menschen mit Behinderung in der Pandemie leben

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7 min
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