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"Ein immenser Herzschmerz"

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Deutsche in Beirut berichtet - "Ein immenser Herzschmerz"

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Die Explosion in Beirut hat ein ganzes Land traumatisiert. Einwohner berichten von apokalyptischen Zuständen. Eine deutsche Augenzeugin gibt Einblicke in die Seele der Stadt.

Zerstörter Wohnviertel in Beirut, Libanon.
"Überall Glasscherben, Splitter, zerstörte Häuser. Nichts ist mehr, wie es war" - sagt die Deutsche Sara Schaub, die im Libanon lebt.
Quelle: privat

So groß die Hoffnungslosigkeit auch ist, so groß ist die Solidarität unter den Menschen nach der Explosion in Beirut. Die Deutsche Sara Schaub lebt seit 2012 im Libanon und erzählt, wie sie die Situation erlebt hat.

ZDFheute: Wo waren Sie während der Explosion?

Sara Schaub: Ich befand mich mit meiner Mutter und einer Freundin in meiner Wohnung, die ungefähr einen Kilometer vom Hafen entfernt ist und freien Blick auf das Wasser hat.

ZDFheute: Wie haben Sie die Detonation erlebt?

Schaub: Auf einmal gibt es einen lauten Knall. Binnen Sekunden eine weitere Explosion und diese riesige pilzförmige Explosionswolke. Ich sah die Druckwelle auf uns zukommen, wir sprangen vom Fenster weg und blieben alle unversehrt. Wir hatten Schutzengel! Minuten des Schocks. Wir hörten Schreie und Sirenen - es herrschte Chaos auf den Straßen.

Eine Augenzeugin filmt aus ihrem Fenster. Erst brennt es nur im Hafen von Beirut. Dann folgt die Explosion und die Druckwelle.

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1 min
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ZDFheute: Wie geht es Ihnen?

Schaub: Der Schock sitzt tief. Man schwankt hin und her und ist dankbar, am Leben zu sein. Gleichzeitig bin ich unfassbar traurig und wütend beim Anblick all der Zerstörung und frage mich, wieso das passiert ist. Und natürlich mache ich mir Sorgen um meine Freunde, die Nachbarschaft - um alle, die man kennt, die auf einen Schlag Freunde, Nachbarn, Wohnung, Arbeitsplatz, alles verloren haben; ein immenser Herzschmerz. Am Abend der Explosion selbst ist man durch eine Trümmerlandschaft gewandert. Überall Glasscherben, Splitter, zerstörte Häuser. Nichts ist mehr, wie es war.

ZDFheute: Was hilft Ihnen?

Schaub: Ich habe die Explosion gesehen. Ich wusste, woher die Zerstörung stammt. Von meinen Freunden bekam ich mit, dass viele gar nicht wussten, was passiert ist. Sie haben sich gefragt, ob es ein Erdbeben, ein Anschlag oder eine militärische Intervention war. Viele sind planlos durch die Straßen gerannt. Chaos.

ZDFheute: Sie arbeiten in der Nähe des Hafens.

Schaub: Das Büro, in dem ich arbeite, ist direkt am Hafen und wurde komplett zerstört. Wie weggeblasen. Fenster rausgerissen, Tische, Stühle, Computer - alles wurde durch die Druckwelle zerfetzt, Glassplitter stecken teils in den Wänden.  Man läuft durch ein Trümmerfeld, Häuser sind eingestürzt, zerstörte Autos säumen die Straße. Der offene Blick aus dem Fenster vom Büro unmittelbar auf den zerstörten Kornspeicher ist surreal, und ich bin dankbar, dass meine Kollegen noch am Leben sind.

Das Büro von Schaub wurde bei der Explosion in Beirut völlig zerstört. Es liegt direkt im Hafen - mit Blick auf den Kornspeicher.

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1 min
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ZDFheute: Sie sind auch bei den Aufräumarbeiten dabei.

Schaub: Als erstes habe ich Freunden geholfen, ihre Wertgegenstände zu retten und das Nötigste in Koffer zu packen. Viele von ihnen werden auf unbestimmte Zeit bei Freunden oder Verwandten unterkommen. In den Gesichtern der Menschen sieht man Fassungslosigkeit, tiefen Schmerz und Hoffnungslosigkeit. Und über jeder zwischenmenschlichen Reaktion hängt die Gefahr einer Corona-Ansteckung.

Dennoch, man möchte anpacken, aufräumen und die Stadt wieder gemeinsam aufbauen. Das Ausmaß der Zerstörung ist überwältigend. Es ist unglaublich, wie viele junge Leute mit Besen und Säcken zusammenkommen und helfen.

ZDFheute: Das klingt nach großer Solidarität unter den Menschen.

Schaub: Ich habe so etwas noch nicht gesehen. Die Menschen sind unglaublich hilfsbereit. Die Gesellschaft ist durch den Bürgerkrieg, Anschläge und Explosionen geprägt. Hier übernimmt der Instinkt. Man will sofort die Scherben beseitigen. Es ist unglaublich zu sehen, wie die Menschen handeln: Es wird nicht weg, sondern hingerannt. Es gibt Tote, es gibt Verwundete.

Ich weiß von Arbeitskollegen, die unmittelbar vor Ort waren, dass sie bis nachts geholfen haben, Verwundete ins Krankenhaus zu bringen. Die Krankenhäuser sind überfüllt und zum Teil auch schwer beschädigt. Mein Chef wurde verwundet, blutüberströmt verband eine Kollegin ihn mit einem T-Shirt und brachte ihn mit einer Vespa ins Krankenhaus.

Beirut liegt in Trümmern - ein ZDF spezial.

Beitragslänge:
13 min
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ZDFheute: Hilft das Aufräumen beim Verarbeiten der Geschehnisse?

Schaub: Ja, eindeutig. Es hilft, aktiv zu sein. Es ist ein gegenseitiger Trauma-Beistand. Sonst kollabiert man in seinem eigenen Schockzustand.

ZDFheute: Wie erleben Sie - gerade als Deutsche - die internationalen Hilfsangebote?

Schaub: Es gibt kein Vertrauen in die jetzige Regierung. In der Gesellschaft herrschen eine Wut und Hoffnungslosigkeit. Hilfe von außen ist notwendig und extrem wichtig, da man von der Regierung keine wirkliche Unterstützung erhofft. Internationale Hilfe gibt ein Gefühl von Sicherheit und Hoffnung.

Das Ausmaß der Zerstörung ist einfach riesig. Viele haben alles verloren und sie haben weder die eigene Kraft, noch die finanziellen Kapazitäten, um irgendwas aufzubauen - unter anderem wegen der schon vorherrschenden Finanzkrise und Hyperinflation, alles Ersparte ist nichts mehr wert. Deshalb ist aktuell die alles beherrschende Frage: Wie geht es weiter?

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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