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Explosion in Beirut - Ein Jahr danach: Libanon im freien Fall

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Die Wirtschaft liegt in Trümmern, der Staat ist in Auflösung. Korrupte Eliten haben den Libanon über Jahrzehnte geplündert und blockieren die Aufarbeitung der Hafenkatastrophe.

Wie Salim sind viele Libanesen auf Essensspenden angewiesen. An der Essensausgabe wird deutlich, wie sehr die Menschen leiden.

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2 min
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Wie ein Sinnbild des Verfalls überragt das Silo-Gerippe die Trümmerlandschaft im Hafen von Beirut. Die Gewalt der Zerstörung ist kaum zu begreifen. Noch heute liegen Spaghetti-Packungen neben verformten Containern im Sand, Auto-Wracks sind zu Schrott-Pyramiden gestapelt.

Alain Khoudry fährt uns vorbei an Bergen aus Schutt zum Ort der Katastrophe. Er kommt nicht gerne hierher. Zu traurig sei der Anblick. Auch ein Jahr nach der Explosion gibt es noch immer keine offizielle Erklärung, was am Abend des 4. August 2020 wirklich passiert ist. Khoudry sagt:

Leider bekommen wir in einem Land mit so viel Korruption und politischen Problemen auf die meisten Dinge keine wirkliche Antwort.
Alain Khoudry, Unternehmer

Ein Jahr nach der Explosionskatastrophe in Beirut haben die Menschen im Libanon der 214 Todesopfer gedacht. Die Hinterbliebenen forderten in einem Protestzug wütend und unter Tränen eine Klärung der Ursachen.

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3 min
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Bis heute gibt es keine Antworten

2.700 Tonnen Ammoniuimnitrat lagerten über Jahre ungeschützt im Hafen. Warum es dort lag, wer davon wusste und wie es detonierte, ist bis heute nicht geklärt. Möbel, Autoteile und Parfüms, die Alain Khoudry in seiner Halle lagerte, wurden vollständig zerstört.

Von der Versicherung bekommt der Unternehmer erst dann eine Entschädigung, wenn die Regierung ihren Abschlussbericht vorlegt. Er hat große Zweifel, dass die Hintergründe je ans Licht kommen werden. "Im Hafen haben alle Regierungsgruppen ihren Einfluss", sagt Khoudry.

Alle Sekten im Land haben den Hafen unter sich aufgeteilt.
Alain Khoudry, Unternehmer

Trotz zahlreicher Warnungen habe niemand etwas unternommen.

"Jeder will das Land verlassen"

Die Nächte sind dunkler geworden in Beirut. Strom gibt es nur für wenige Stunden. Benzin und Diesel für Generatoren sind knapp. An den Tankstellen stehen die Menschen Stunden für ein paar Liter. Der Libanon steckte schon vor der Explosion in der Krise, aber jetzt bröckeln die Institutionen.

Tankstelle in Beirut – Benzin ist knapp, die Leute stehen bis zu fünf Stunden an
Benzin ist knapp, die Leute stehen bis zu fünf Stunden an.
Quelle: ZDF

Seit einem Jahr hat das Land keine funktionsfähige Regierung. Religionsgruppen, die im Bürgerkrieg als Milizen kämpften, sollen gemeinsame Lösungen finden. Doch die Parteien der Christen, Schiiten, Sunniten und Drusen sind heillos zerstritten.

Die Währung ist in freiem Fall und Gemüsehändler wie Hussein Fakir verkaufen nur noch die billigsten Waren: Tomaten, Gurken, etwas einheimisches Obst. Und selbst dafür muss er die Preise ständig mit dem Filzstift korrigieren. "Jeder will das Land verlassen", sagt Fakir.

Es ist vorbei. Es bleibt nichts übrig. Der Libanon ist fertig.
Hussein Fakir

Zum Jahrestag der Explosion am Hafen von Beirut sind neben Trauerfeiern auch Demonstrationen geplant. Es kann zu Ausschreitungen kommen, berichtet ZDF-Korrespondent Uli Gack.

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Hilfe vom Staat bleibt aus

Walid al-Homsi hatte ein Haus und einen Job als Angestellter. Durch die Explosion hat er beides verloren. Auf den Trümmern hat er aus Bruchstücken und Fensterrahmen einen Kiosk errichtet. Illegal, wie er sagt. Eigentlich dürfe er hier nichts verkaufen, sagt al-Homsi, aber irgendwie müsse er ja Geld für seine elfköpfige Familie verdienen.

Auf diesem Grundstück stand mein Haus und irgendwie muss ich doch über die Runden kommen.
Walid Al-Homsi betreibt ein illegalen Kiosk aus den Trümmern seines Hauses heraus
Quelle: ZDF

Hilfen vom Staat hat es nach der Explosion kaum gegeben. Es waren Nachbarn und Hilfsorganisationen, die geholfen haben, Schäden zu reparieren, Mahlzeiten zu spenden und Schlafplätze anzubieten.

Neue politische Kräfte

Die Tatenlosigkeit der Regierung hat junge Aktivisten wie Hussein El Achi fassungslos gemacht. Kurz nach der Explosion hat er mit Freunden beschlossen, die politische Zukunft selbst zu gestalten die Oppositionspartei "Minteshreen" ins Leben gerufen.

Unser Ziel ist ein Staat, der auf sozialer Gerechtigkeit basiert, ohne die Vormundschaft einer religiösen Sekte.
Hussein El Achi

Zum ersten Mal seit dem Bürgerkrieg gebe es jetzt eine säkulare politische Alternative.

Blick auf den Hafen von Beirut
Der Hafen gleicht einer Ruine.
Quelle: ZDF

Die Parteimitglieder nehmen uns mit auf eine Demonstration vor dem Justizministerium, weil es ein Jahr nach der Explosion noch immer keine juristische Aufarbeitung gibt. "Ohne Rechtsstaat und Verantwortung werden wir nie eine lebensfähige Nation haben", sagt El Achi. Sie wollen endlich erfahren, wer verantwortlich ist für die Explosion, für über 200 Tote und Tausende Verletzte.

Hinterbliebene wollen Gerechtigkeit

Tania Alam war mit ihrem Mann Freddy bei einem Routine-Check-up im Krankenhaus. Sie stand an seiner Seite, als durch die Druckwelle die Fenster zerbarsten. "Ich habe das Glas auf mich zufliegen sehen", erzählt Tania. "Dann bin ich geflogen. Und als ich aufwachte, hat niemand geantwortet." Ihr Mann ist auf der Stelle gestorben.

Die einzige Möglichkeit, das Geschehene zu akzeptieren, ist wenn sich dadurch etwas verändert.
Tania Alam

Vor allem für ihre zwei Kinder will sie weiterkämpfen. Sie könne ihnen nicht in die Augen schauen und so tun, als würde das Leben einfach weitergehen.

Politik | auslandsjournal - Libanon im Griff der Clans 

Die Wirtschaft des Libanon liegt in Trümmern. Ein Jahr nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut mit über 200 Toten und Tausenden Verletzten befindet sich das Land in einer schweren Krise.

Videolänge
29 min
von Antje Pieper und Alexander Glodzinski
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