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Warum Libanesen den Ermittlungen nicht trauen

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Nach der Explosion in Beirut - Warum Libanesen den Ermittlungen nicht trauen

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Werden die Verantwortlichen für die Explosion im Beiruter Hafen zur verantwortung gezogen? Viele Libanesen zweifeln an der Aufklärung.

Zertörter Hafen in Beirut
Quelle: EPA

Politisches Gerangel um die Ernennung eines Chefermittlers, Drohungen der Streitkräfte gegenüber möglichen Informanten und ein Komitee, dessen Zusammensetzung von vornherein konfessionelle Interessen berücksichtigen soll. Mit unabhängiger Justiz hat das Ganze nur bedingt zu tun.

Anfang August explodierten im Beiruter Hafen fast 3.000 Tonnen Ammoniumnitrat - gelagert in der Nähe dicht besiedelter Wohngebiete. Mehr als 175 Menschen kamen bei der Explosion ums Leben, mindestens 6.000 wurden verletzt. Zudem wurden Zehntausende obdachlos.

Der Hafen von Beirut, Libanon, nach der Explosion, aufgenommen am 05.08.2020

Detonation im Libanon -
Was wir über die Explosion in Beirut wissen
 

Nach der Explosion in Beirut wird nach der Ursache gesucht. Indes wurden weitere Opfer aus den Trümmern geborgen.

Libanesen fürchten korrupte Ermittlungen

Viele Bürger des Libanon würden sich wünschen, dass die eigene Regierung komplett aus den Ermittlungen zu der Explosion herausgehalten wird. Denn aus Erfahrung wissen sie, dass die korruptionsanfälligen politischen Fraktionen des Landes nicht zulassen würden, dass Erkenntnisse veröffentlicht werden, die den eigenen Interessen schaden könnten.

Viele Bürger bezweifeln, dass führende Amtsträger, die von der Lagerung des Ammoniumnitrats wussten, jemals zur Rechenschaft gezogen werden.

Sie werden den kleinen Leuten die Schuld geben, während diejenigen, die tatsächlich verantwortlich sind, mit ihren Verbrechen davonkommen werden.
Computertechniker Dschad

Schon oft führten Ermittlungen zu Nichts

Unbegründet ist diese Befürchtung nicht. Explosionen hat es im Libanon schon viele gegeben - während des Bürgerkriegs oder bei Anschlägen. Dabei wurden nicht nur unzählige Aktivisten und Journalisten getötet, sondern auch Präsidenten und Ministerpräsidenten.

In nahezu keinem Fall wurden Täter verhaftet oder vor Gericht gestellt. Die genauen Hintergründe blieben fast immer im Dunkeln.

Außenminister Maas stellt sich in der libanesischen Hauptstadt hinter die wütende Bevölkerung und fordert Reformen. ZDF-Korrespondent Uli Gack mit einer Einschätzung aus Beirut.

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Können internationale Experten helfen?

Internationale Experten sind zwar vor Ort und untersuchen die Explosion. Teams aus Frankreich haben zum Beispiel den Unterwasser-Krater inspiziert und Proben von den explosiven Stoffen genommen. Ihre Ergebnisse sollen sowohl französischen als auch libanesischen Richtern zur Verfügung gestellt werden.

Und internationale Beteiligung könne im Falle der Explosion im Hafen zur Wahrheitsfindung beitragen, sagt Dov Jacobs, ein in den Niederlanden ansässiger Rechtswissenschaftler.

Aber: Die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, sei laut Jacobs allerdings komplizierter. Denn die Ermittlungen selbst würden im Libanon als Mittel zur politischen Einflussnahme missbraucht.

Präsident: Weiterführende Untersuchung sei "Zeitverschwendung"

Eine weiterführende unabhängige Untersuchung wird von den nationalen Behörden bisher abgelehnt. Der libanesische Präsident Michel Aoun sagte, eine solche wäre "Zeitverschwendung" und würde bloß politisch instrumentalisiert werden.

Nun versuchen es Überlebende und Angehörige der Opfer bei den Vereinten Nationen. Sie haben den UN-Sicherheitsrat um internationale Unterstützung gebeten: "Wir sind keine Anwälte oder Politiker, wir sind Familien und normale Leute, unser heutiger Appell gilt den Menschen der internationalen Gemeinschaft", so der Überlebende Paul Nadschdschar.

Ist es heute akzeptabel, dass die Häuser von Menschen zerstört, ihre Familien getötet, ihre Hoffnungen und Träume ebenso getötet werden, ohne Gerechtigkeit, bei voller Straflosigkeit?
Überlebender Paul Nadschdschar
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