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Wie nachhaltige Mode funktionieren kann

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Start der Berlin Fashion Week - Wie nachhaltige Mode funktionieren kann

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In Berlin startet heute die Fashion Week. Das große Thema in diesem Jahr: sustainable fashion, nachhaltige Mode. Doch geht das in einer Branche, die immer Neues verkaufen will?

T-Shirt aus Hanf und Biobaumwolle
Nachhaltige Mode - geht das? "Sustainable Fashion" ist Thema auf der Berlin Fashion Week.
Quelle: imago

Nachhaltigkeit und Klimaschutz bestimmen aktuell so ziemlich jeden Bereich des Lebens. Auch die Modeindustrie kann sich dem nicht entziehen: So überrascht es nicht, dass Besuchern der Homepage der Berlin Fashion Week sofort der Schriftzug "Sustainable Fashion" ins Auge springt, nachhaltige Mode.

Laut den Veranstaltern ist Nachhaltigkeit der "Kernschwerpunkt" in diesem Jahr. Die Teilveranstaltung NEONYT lädt ein, aktuelle technologische Innovationen und nachhaltige Entwicklungen zu präsentieren und zu diskutieren. Doch wie passen die schnelllebige (Fast) Fashion Welt und Nachhaltigkeit zusammen?

Neue Textilfasern - zum Beispiel aus Holz

Konzepte und Ideen gibt es viele. So sucht die Organisation Drip by Drip (Tropfen für Tropfen) nach Wegen, den enormen Wasserverbrauch in der Herstellung von Textilien zu senken. Je nach Anbau-Methode werden für ein Kilo herkömmliche Baumwolle bis zu 29.000 Liter Wasser benötigt.

Bio-Baumwolle ist in diesem Zusammenhang kaum erwähnenswert, da sie gerade mal ein Prozent der weltweit produzierten Baumwolle ausmacht. Mit Fasern aus Hanf oder Modal (ein Stoff, der aus Zellulose, also Pflanzenfasern gewonnen wird) kann der Wasserverbrauch um bis zu 90 Prozent gesenkt werden.

Textilproduktion ohne Chemie

Allgemein sind neue Textilfasern der vielversprechendste Schlüssel zu nachhaltiger Kleidung. In Finnland haben Studierende und Professoren der Aalto-Universität in Helsinki und Espoo eine Methode entwickelt, mit der sie neue Textilfasern aus Holz herstellen können. Dazu wird der älteste Werkstoff der Welt zu Zellulose verarbeitet.

Nach zehn Jahren Entwicklungszeit können sie nun neue, nachhaltige Textilien ohne den Einsatz von Chemikalien herstellen. Als Grundrohstoff ist auch nicht nur Holz nötig, sondern das Verfahren funktioniert auch mit Altkleidern oder sogar Zeitschriften. Noch bewegt sich die Produktion im Laborbetrieb, es soll aber auch bald für die kommerzielle Nutzung bereit sein.

Finnische Wissenschaftler haben ein Verfahren entwickelt, das Textilfasern aus Zellstoff ohne den Einsatz von schädlichen Chemikalien herstellen kann. Es gibt bereits ein Abendkleid als Prototyp – es trägt die Frau des finnischen Präsidenten.

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Der Hidden Champion: Tencel

Bereits zur Marktreife und sogar zum Marktführer geschafft hat es die österreichischen Firma Lenzing Fibers. Deren Produkt "Tencel" gilt als große Hoffnung für den nachhaltigen Klamotten-Markt. Tencel ist eine Faser aus Cellulose, die aus Buchen- und Eukalyptusholz gewonnen wird.

Gerade die Eukalyptuspflanze wächst sehr schnell und kommt in der richtigen Anpflanzregion ohne künstliche Bewässerung und Düngung aus. In gerade mal fünf bis sieben Jahren wachsen Eukalyptusbäume bis zu 35 Meter in die Höhe. Das macht sie sehr viel ertragreicher und damit umweltfreundlicher als Baumwollpflanzen. Auch die Faserausbeute ist etwa zehnmal höher als bei Baumwolle. Außerdem ist Tencel vollständig kompostierbar.

Robert van de Kerkhof ist der Chief Commercial Officer von Lenzing. Für ihn ist eine nachhaltige Mode- und Textilindustrie möglich. Aber: aktuell seien wir noch sehr weit davon entfernt. Die zentrale Handlungsempfehlung für ihn:

Wir müssen weniger kaufen.
Robert van de Kerkhof, CCO der Lenzing AG

Außerdem müsste die Industrie zu einer wirklichen Kreislaufwirtschaft werden. "Was heute als Recycling angepriesen wird, ist kein echtes Recycling, sondern Downcycling. Aus Plastikflaschen wird vielleicht eine Textilfaser gemacht. Es ist aber kein Kreislauf, bei dem aus einem Produkt wieder dasselbe Produkt mit gleicher Qualität hergestellt wird."

Das größte Übel: Textilien färben

Einer der umweltschädlichsten Prozesse in der Textilherstellung ist das Färben von Stoffen. In konventionellen Produktionen werden giftige Chemikalien wie Quecksilber und Blei verwendet und sind damit Schätzungen zufolge für knapp 20 Prozent der weltweiten Wasserverschmutzung verantwortlich.

Ganze Flüsse sind so in China, Bangladesch oder Indien zur giftigen Lebensgefahr für die Bevölkerung geworden. Daher stammt der Ausspruch: Wer wissen möchte, was die Farbe der Saison im nächsten Sommer wird, muss im Frühjahr die Flüsse in China anschauen.

Eine ökologische Lösung für dieses Problem will ein Start-up der Cambridge Universität namens Colorfix liefern. Die Wissenschaftler nehmen Farbpigmente aus der Natur, extrahieren deren DNA und verbinden sie mit Mikroorganismen. Diese Organismen reproduzieren die Farbstoffe und geben sie dann an das gewünschte Textil ab. Auf diesem Weg können organische Stoffe wie Wolle, aber auch synthetische Fabrikate gefärbt werden. Mit weniger Wasser und ohne chemische Zusatzstoffe.

Oder hilft doch nur ein Boykott neuer Kleidung?

Der umweltschonendste Weg ist natürlich, gar keine Klamotten mehr zu kaufen. Die Klimaaktivisten von Extinction Rebellion haben das für 2020 ins Visier genommen und rufen zum Boykott auf: Ein ganzes Jahr lang wollen sie keine neuen Kleidungsstücke kaufen.

Wer etwas zum Anziehen braucht, kann sich in Second-Hand-Läden oder bei Kleiderkreiseln versorgen. Allgemein boomt der Second-Hand-Markt. Unternehmen bieten mittlerweile Kinderkleidung zum Mieten an und selbst Designermode gibt es in einigen Stores und Boutiquen aus zweiter Hand.

Die meisten Branchenkenner sehen solche Aufrufe aber eher kritisch: Ein Boykott verändert nichts für die konventionelle Industrie, da Menschen, die sich davon angesprochen fühlen, ohnehin schon eher nachhaltige Kleidung getragen haben. Alle Initiativen und Projekte, die die Modewelt verändern wollen, würden durch den Boykott aber hart getroffen.

Kann es also eine nachhaltige Modeindustrie geben?

Fasernhersteller van de Kerkhof fasst die Lage mit einer Beispielrechnung zusammen, die Lenzing zusammen mit der Universität Aachen untersucht hat. Demnach koste eine hochwertige Jeans, die im Laden 300 Euro kostet, in der Herstellung etwa 10 Dollar.

Eine Jeans aus recyceltem Material koste 10 Dollar und 40 Cent. Doch schon dieser Aufpreis sei der Branche zu viel, um Recycling als Option in Betracht zu ziehen. Es müsse also noch sehr viel passieren, bis zur nachhaltigen Modeindustrie.

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