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Berlin in den 90ern - Loveparade: "Fünf Minuten Star sein"

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Berlin in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts: Bässe wummern, dicht an dicht schwitzen Körper im Rhythmus der Takte. Das war die legendäre Loveparade in ihren besten Jahren.

Hundertausende tanzen das Freiheitsversprechen. Erst auf dem Kudamm, dann auf der Straße des 17. Juni. Motto: "Friede, Freude, Eierkuchen." Berlin wurde zur Techno-Hauptstadt der Welt. Eine Generation feierte sich selbst. Bunt. Laut. Einmalig.

Von der Kleinveranstaltung zum Millionenpublikum

Wenn man sich heute die 230 Porträts des renommierten Fotografen Daniel Biskup anschaut, wirken sie wie aus der Zeit gefallen. Junge, erlebnishungrige Menschen zelebrierten ihr Massen-Event wie einen Gottesdienst.

1989 startete die Loveparade mit ein paar Hundert Techno-Tanzwütigen. Sie folgten einem ausrangierten VW-Bus, der mit Boxen auf dem Dach die Flaniermeile beschallte. Zehn Jahre später zog das Fest der Nachwendegeneration bereits über eine Million Raver aus aller Welt an.

Ein Stück Nachwende-Geschichte

Fotograf Biskup entdeckte Anfang der Neunziger den Reiz der Riesenparty für sich:

Für mich gehört die Loveparade zur Nachwende-Geschichte Deutschlands.
Daniel Biskup

"Nur in Berlin war eine solche Veranstaltung möglich - aufgrund der Tatsache, dass Berlin damals noch keine richtige Hauptstadt war. Es gab Plätze, es gab Sachen zu entdecken. Diese besondere Situation hat es erst möglich gemacht", sagt Biskup rückblickend.

Der Fotojournalist porträtiert normalerweise Größen wie Donald Trump, Wladimir Putin, Angela Merkel oder Emmanuel Macron und früher auch Altkanzler Helmut Kohl. Von 1994 bis 2004 war Biskup jedoch jedes Jahr mittendrin im Getümmel der Berliner Loveparade.

Menschen tanzen in einem Berliner Club

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Es ist das letzte Wochenende vor dem Lockdown. Unser Autor würde gerne feiern gehen. Dass das nicht geht, nervt ihn - ebenso wie die überzogene Kritik an seiner Generation.

von Nils Hagemann

Das Juli-Spektakel wurde für ihn eine Art Pflichttermin. "Es war auch fotografisch ein Rausch. Ich bin durch die Masse gezogen, immer von einem Wagen zum anderen. Dann runter, dann wieder hoch. Das war spannend. Das war eine zehn Jahre andauernde Reportage, die einmal im Jahr 48 Stunden lang stattfand."

Berlin als Tanzfläche

Tanzen bis der Arzt kommt, hieß es in den Straßen von Berlin. Für nicht wenige galt das auch beim Trinken. Die größte Lust aber bestand darin, sich zu zeigen. Die Loveparade war ein Fest fürs Auge - ein "Place to be" zum Sehen und Gesehen werden. Raus aus den dunklen Clubs, rein ins Tageslicht mitten im heißen Juli.

So verwandelte sich der Berliner Tiergarten zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor zu einem gigantischen Dancefloor. Eine monumentale Bühne zur Selbstdarstellung bis zur völligen Selbstentblößung. Biskups Momentaufnahmen zeigen uns unverblümt den Zeitgeist einer ganzen Generation. Unverstellt, aber nie voyeuristisch trotz der offen gezeigten Freizügigkeit.

Sich selbst feiern ohne Smartphone

In den Neunzigern gab es weder Smartphones noch soziale Netzwerke. Da bedurfte es noch des genauen Blicks von Fotografen. Biskup: "Ich teile die Welt immer ein in die Zeit vor Smartphone und danach. Im Prinzip war es eine langsamere Zeit. Heute ist jeder Mensch durch Instagram, Tiktok und wie sie alle heißen, ein Selbstdarsteller. Jeder hat seine Cloud und produziert Inhalte. Damals gab's das nicht.

Damals hat man für den Warhol-Moment gelebt - jeder will einmal für fünf Minuten ein Star sein.
Daniel Biskup

Das war auch damals schon für manche ein Motto."

Bei Loveparade im Ruhrgebiet nicht mehr dabei

2010 wechselte die Loveparade ins Ruhrgebiet. Der heute 58-jährige Daniel Biskup verlor das Interesse und verstaute seine Aufnahmen in der Schublade. 2010 verlor die kommerzialisierte Nachfolge-Parade in Duisburg ihre Unschuld und endete in einer Katastrophe.

Und heute? Corona verhindert seit nunmehr fast einem Jahr jegliches Club- und Partyleben. Mit seinen beeindruckenden Bildern zaubert Daniel Biskup eine Zeit hervor, die freier und unbeschwerter nicht sein konnte. Gut, dass er die Bilder mit großem Abstand aus dem Archiv geholt hat.

Übrigens: Von jedem verkauftem Fotoband geht ein Euro an die Corona-Künstlerhilfe.

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