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Profis mit Bipolarer Störung - "Mehr Empathie für Patienten"

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Astrid Freisen leitet das Referat für Betroffene Profis. Warum der Austausch so wichtig ist und wie sie mit ihrer Bipolaren Störung lebt und arbeitet, erzählt sie im Interview.

Archiv: Ein Psychotherapeut unterhält sich mit einer Patientin, aufgenommen am am 12.09.2018 in Hamburg
Studien zufolge haben Psychiater, die selbst an einer Bipolaren Störung leiden, oft ein besseres Verständnis für ihre Patienten.
Quelle: dpa

ZDFheute: Welchem Stigma unterliegen denn Menschen mit Bipolarer Störung - insbesondere, wenn sie als Ärzt*innen praktizieren?

Astrid Freisen: Generell werden psychische Erkrankungen immer noch dahingehend stigmatisiert, dass man in irgendeiner Weise selbst schuld ist. Wer Alkoholiker ist, hat sich nicht im Griff, wer Depressionen hat, soll sich zusammenreißen.

Bei Betroffenen im Gesundheitswesen kommt hinzu: Wer selbst psychisch krank ist und sich selbst nicht im Griff hat, solle auch nicht behandeln. Dabei sind Bipolare Störungen eine Stoffwechsel-Erkrankung - ähnlich wie wenn die Bauspeicheldrüse bei Diabetes nicht richtig funktioniert.

Studien besagen, dass Betroffene, die selbst erkrankt sind, oft ein besseres Verständnis entwickeln und mehr Empathie für ihre Patienten haben.

ZDFheute: Wie haben Sie selbst gemerkt, dass Sie eine Bipolare Störung haben?

Freisen: 2006 habe ich es zum ersten Mal bemerkt, wollte das aber zunächst nicht wahrhaben. Ich hatte immer wieder Depressionen, während ich im Sommer sehr gut drauf war, viel gefeiert und wenig geschlafen habe. Ein paar Jahre später, 2010 wurde es dann viel schlimmer.

Ich wurde reizbar, nicht mehr erreichbar für mein Umfeld, habe viel Geld ausgegeben. Da hat ein Anteil von mir gesagt, das ist nicht normal - da war mein medizinischer Background sicher von Vorteil.

Seitdem nehme ich Medikamente, bin in Therapie und tue sehr viel dafür, dass so eine Phase nicht wiederkommt.

ZDFheute: Worauf sollte man als Betroffener im Alltag achten?

Freisen: Stress ist ein Auslösefaktor - Betroffene sollten einen Ausgleich suchen, Meditation oder Sport. Durcharbeiten oder Nachtdienste sind ganz schwierig. Ärzte in Weiterbildung machen das häufig - ich habe das auch gemacht. Aber Schlafmangel ist besonders gefährlich.

ZDFheute: Kann ein Beruf im Gesundheitswesen normal ausgeübt werden?

Freisen: Die normale Belastung eines Klinikarztes ist eine Herausforderung, auch in einer stabilen Phase. Ich mache zum Beispiel keine Nacht- und Wochenenddienste und nehme mir ausreichend Pausen.

Mein Team weiß genau Bescheid: Wenn ich sehr still oder fahrig werde und viele Rechtschreibfehler mache, stimmt was nicht. Dann geben sie mir eine Rückmeldung, und ich gehe in die Selbstbeobachtung.

ZDFheute: Sie haben das Referat für Betroffene Profis bei der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) gegründet - warum ist dieser Austausch wichtig?

Freisen: Als ich 2010 die Diagnose bekam, gab es keine Selbsthilfegruppen für Ärzte. Daraufhin habe ich die Gruppe gegründet. Ich denke, es wichtig, dass sich erkrankte Ärzte nicht selbst stigmatisieren und denken, sie sind der einzige Arzt, der psychisch krank ist.

ZDFheute: Wie reagieren Angehörige am besten?

Freisen: Die manischen Phasen sind schwer zu ertragen, weil die Angehörigen häufig von den Manikern angefeindet werden, da sie "ihr Glück bremsen". Häufig kommt es zu Trennungen.

Angehörige müssen sich schützen, niemand hat etwas davon, wenn sie sich zu sehr einbringen und selbst krank werden.

Gut ist, wenn man in den stabilen Phasen bespricht, was der andere im Fall der Fälle tun könnte, und das am besten schriftlich festlegt.

ZDFheute: Was sollte man wissen, um für die Krankheit in ihrem Umfeld sensibilisiert zu sein?

Freisen: Wenn jemand plötzlich sag ich mal, von der grauen Maus zum Partystar wird, was vielleicht über das Normale hinausgeht, ist es ganz wichtig, das anzusprechen. Viele Menschen haben da eine Scheu. Aber es ist eine schwerwiegende Krankheit mit hoher Suizidrate.

Sie kann aber gut behandelt werden - je früher, desto besser. Deshalb ist es auch wichtig, dass Kinderärzte gut informiert sind und die Symptome nicht als Pubertät abtun.

Das Interview führte Meike Hickmann.

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