Ex-FIFA-Chef Sepp Blatter zu Katar: Nicht genau hingeschaut

    WM-Vergabe an Katar:Sepp Blatter: Habe nicht genau hingeschaut

    |

    Ex-FIFA-Chef Blatter nennt die WM-Vergabe an Katar eine "bittere Enttäuschung". Er habe bei möglichem Stimmenkauf nicht weggeschaut, aber auch "nicht insbesondere hineingeschaut."

    Joseph Blatter hält einen Zettel mit der Aufschrift «Katar» während der Bekanntgabe des Ausrichters der Fußball-WM 2022, aufgenommen am 02.12.2010
    Dezember 2010: Bei der Bekanntgabe des Ausrichters der Fußball-WM 2022 hält Sepp Blatter den Gewinner in die Höhe.
    Quelle: dpa

    Es ist ein historischer Moment des organisierten Fußballs. Der Augenblick, in dem Sepp Blatter im Dezember 2010 als FIFA-Präsident einen Zettel aus dem Umschlag zieht. Darauf der Name des Landes, das das Ringen um die WM 2022 für sich entschieden hat: "Katar". Zwölf Jahre später treffen wir Sepp Blatter - über Jahrzehnte der mächtigste Mann im europäischen Fußball - zum Interview in Zürich.
    Jochen Breyer: Was haben Sie in dem Moment gedacht, als Sie den Zettel aus dem Umschlag gezogen haben?
    Sepp Blatter: Für mich war es eine sehr bittere, bittere Enttäuschung.
    Breyer: Warum wurde die Bewerbung eigentlich zugelassen? Die Ausschreibung war ja ganz klar für den Sommer. Aber selbst Ihre eigenen FIFA-Berichte haben gesagt, dass man dort im Sommer keinen Fußball spielen kann, dass es einfach zu heiß ist.
    Blatter: Ja eben. Weil man nicht daran glaubte, dass sie gewinnen.

    Zu Beginn, ganz sicher, glaubte ja niemand, dass sie eine Chance hatten.

    Sepp Blatter, Ehemaliger FIFA-Präsident

    Als die Bewerbung da war. Nachher haben die angefangen zu arbeiten.
    Breyer: Aus heutiger Sicht ist ja sehr offensichtlich, dass die WM gekauft war.
    Blatter: Das ist möglich.

    Ich war nicht dabei, dass etwas gekauft war.

    Sepp Blatter, Ehemaliger FIFA-Präsident

    Breyer: Aber Herr Blatter, Sie waren doch FIFA-Präsident damals.
    Blatter: Da bin ich naiv, weil ich an das Gute im Menschen glaube ...

    ... und mir nicht vorstellen kann, dass man einfach jemandem Geld gibt.

    Sepp Blatter, Ehemaliger FIFA-Präsident

    Breyer: Ganz kurz: Das fällt mir schwer Ihnen zu glauben, dass Sie so naiv sind, dass Sie nicht glauben, dass es in der FIFA Korruption und Geldflüsse gibt?
    Blatter: Das glaube ich schon, dass es Geldflüsse gibt, aber ich kenne die Geldflüsse nicht.
    Eine überraschende Aussage. Denn etliche "Geldflüsse" sind gut belegt. Zwei der 24 Funktionäre, die über die Vergabe abstimmten, durften gar nicht antreten, weil sie ihre Stimme gegen Geld verkauft hatten. US-Ermittler sahen es außerdem als erwiesen an, dass drei südamerikanische Funktionäre sich bestechen ließen. Und dann ist da noch das Mittagessen des französischen Funktionärs Michel Platini. Zehn Tage vor der Abstimmung traf er sich mit dem damaligen französischen Präsidenten Sarkozy und dem heutigen Emir von Katar im Elysee-Palast in Paris. Danach stimmte Platini für Katar. Auch dazu hat das ZDF Blatter befragt [Anmerkung der Redaktion].
    Blatter: Michel Platini telefonierte mit mir - das war eine Woche vor der Wahl und sagte: "Monsieur President, Sepp, ich war eingeladen nach einem Mittagsessen in Paris und dann hat mir der Präsident, also Sarkozy, gesagt, es wäre gut, wenn Du und Deine Kollegen für Katar stimmen könntest."
    Sehen Sie hier die gesamte Doku "Geheimsache Katar", in der auch das Interview mit Sepp Blatter zu sehen ist:
    Eine WM in der Wüste. Im Winter. Aller Kritik zum Trotz: Sportjournalist Jochen Breyer und Autorin Julia Friedrichs gehen der Frage nach, wie Katar dieser Coup gelingen konnte.15.12.2022 | 43:26 min
    Breyer: Wenn Platini für Katar stimmt, weil Frankreich wirtschaftliche Interessen mit Katar hat, ist das nicht Korruption in Reinform?
    Blatter: Nein, das ist Einfluss der Politik in den Fußball.
    Breyer: Haben Sie weggeschaut?
    Blatter: Nein, weggeschaut habe ich nicht.

    Aber ich habe nicht insbesondere hineingeschaut.

    Sepp Blatter, Ehemaliger FIFA-Präsident

    Doku | ZDFzeit
    :Geheimsache Katar

    Eine Weltmeisterschaft in der Wüste. Aller Kritik zum Trotz: Sportjournalist Jochen Breyer und Autorin Julia Friedrichs gehen der Frage nach, wie Katar dieser Coup gelingen konnte.
    Mann steht im Stadion

    Mehr zur WM-Vergabe