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Warum ein Eifel-Ort mit giftigem Blei lebt

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Mechernich in der Eifel - Warum ein Eifel-Ort mit giftigem Blei lebt

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Mechernich in der Eifel hat lange vom Erzbergbau gelebt - und muss bis heute mit Belastungen durch Blei leben. Behörden widersprechen sich und die Politik sieht kein Problem.

Einst gab es im nordrhein-westfälischen Mechernich die größte Bleierzmine Europas. Schon Anfang der 80er Jahre litten viele Kinder an schweren Bleivergiftungen. Trotzdem wurden in einem Neubaugebiet auf den belasteten Flächen mehr als 100 Häuser gebaut.

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Die Altlasten des Erzbergbaus im Eifelort Mechernich sind seit Jahrzehnten ein Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung. Schon 1982 berichtete der ZDF-Länderspiegel über schwere Bleivergiftungen bei Kindern.

Darauf folgten in den 80er Jahren einige provisorische Sicherungsmaßnahmen: Beispielsweise wurde der Boden auf vereinzelten Baugrundstücken ausgetauscht. Eine großangelegte Flächensanierung im Gebiet von Europas größter Bleierzlagerstätte aber hat es nie gegeben.

Haben die Behörden geschlafen?

So schlummerte die Bleigefahr vor sich hin. Bis im vergangenen Jahr die öffentliche Diskussion wieder entbrannte: Zugezogene Häuslebauer hatten bei der Untersuchung ihrer Baugrundstücke dramatisch hohe Bleiwerte festgestellt.

Die Behörden hatten es versäumt, im Zuge der Bebauungsplanverfahren die Grundstücke auf Schwermetalle zu untersuchen. "Amtspflichtverletzung" und "Betrug am Bürger", so die Vorwürfe, über die das ZDF im vorigen Jahr mehrfach berichtete.

Daraufhin versprachen die Behörden, so wie schon vor 40 Jahren, wiederum breite Aufklärung und Sofortmaßnahmen zur Abwehr von Gesundheitsrisiken. Denn das Schwermetall Blei ist nicht nur krebserregend, es vermindert auch die Intelligenzentwicklung bei Kleinkindern.

In Mechernich geht die Angst vor Bleivergiftungen um.

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Politik und Umweltbundesamt widersprechen sich

Was hat sich ein Jahr nach dem neuerlichen Versprechen der Behörden getan? Diese Frage sollte bei einer Bürgerversammlung in dieser Woche in Mechernich beantwortet werden.

Wieder einmal wurde Entwarnung gegeben - so wie auch damals, in den 80er Jahren. Mechernichs Bürgermeister Hans-Peter Schick (CDU) verkündete die gemeinsam mit dem Kreis Euskirchen und dem NRW-Umweltministerium getroffene Einschätzung:

Wir konnten feststellen, dass die Bleibelastung keine nachweislich negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen hat.
Hans-Peter Schick, Bürgermeister Mechernich (CDU)

Die Leiterin des Fachgebiets "Toxikologie, gesundheitsbezogene Umweltbeobachtung" im Umweltbundesamt, Marike Kolossa-Gehring, sieht das anders. Diese Entwarnung im Hinblick auf Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung sei unzulässig, betont sie im ZDF-Interview.

Im Blut vieler Kinder sind sehr hohe Bleiwerte gemessen worden

Die Wissenschaftlerin verweist auf die Ergebnisse einer freiwilligen Blutuntersuchung, die im Spätsommer 2019 in Mechernich durchgeführt worden war. Bei jedem vierten Kind waren damals deutlich erhöhte Bleiwerte im Blut gemessen worden.

"Diese Kinder, die da untersucht wurden, sind deutlich höher belastet als andere Kinder in Deutschland. Das ist eben eine außergewöhnlich hohe Belastung," sagt Kolossa-Gehring. Und:

Für Blei gibt es gar keinen Schwellenwert. Das bedeutet, dass jede Bleikonzentration, die jemand im Körper hat, einen Schaden macht.

Ein Arbeitsmediziner findet die Werte nicht bedenklich

Mit dieser Klarstellung verweist die Expertin, auf die Ergebnisse der weltweit beachteten Studie der sogenannten "Kommission Human-Biomonitoring" des Umweltbundesamtes (HBM-Kommission) vom Herbst 2019.

Kolossa-Gehring rügt, dass sich auch die NRW-Landesregierung bis heute auf die Entwarnung durch Professor Thomas Kraus, Arbeitsmediziner an der RWTH Aachen, beruft. Der hatte Anfang September 2019 die Ergebnisse der freiwilligen Blutuntersuchung in Mechernich so zusammengefasst:

Keine als gesundheitlich bedenklich anzusehenden Bleikonzentrationen im Blut messbar.

Diese Schlussfolgerung bezeichnet die Toxikologin des Umweltbundesamtes als "groben Schnitzer". Sie könne sich nur wundern, dass "das Team um Professor Kraus mit alten Daten arbeitet", obwohl ein Vertreter der RWTH Aachen Mitglied in der HBM-Kommission ist, die Ende September 2019 neue Referenzwerte für Blei im menschlichen Körper veröffentlicht hatte.

Auf Spielplätzen sind die Werte fünfmal höher als erlaubt

Nach der Bürgerversammlung kritisierten enttäuschte Besucher und Kommunalpolitiker, dass die konkreten Messergebnisse der jüngsten Bodenuntersuchungen in Mechernich nicht veröffentlicht wurden. Obwohl sie seit Februar diesen Jahres vorliegen. Sie sprechen von "Verharmlosung", "Desinformation" und "Vertuschung".

Die gemessenen Bleibelastungen in Mechernich wurden von den Behören nur pauschal bekannt gegeben. Demnach liegt die Bleiverseuchung auf jedem zweiten der rund 60 Spielplätze im Stadtgebiet beim Fünffachen des gesetzlichen Grenzwertes. In einem Neubaugebiet ist der Bleiwert um das 50-fache erhöht.

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