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Interview

Preisträgerin Tsitsi Dangarembga - "Die Menschen in Simbabwe müssen sich ändern"

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Tsitsi Dangarembga hat den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Im Interview spricht sie über ihre Heimat Simbabwe - und über die Haltung, den Kopf unten zu halten.

Wir haben mit der designierten Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga über den renommierten Preis und die Situation in ihrem Heimatland Simbabwe gesprochen.

Beitragslänge:
5 min
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Tsitsi Dangarembga, Autorin und Filmemacherin aus Simbabwe, ist mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die 62-Jährige habe es geschafft, "uns eine Gesellschaft so nahe zu bringen, dass sie uns zwar nicht restlos verständlich wird, wir sie aber auf uns beziehen können, auf uns und unsere eigenen Unzulänglichkeiten", sagte die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, am Sonntag in Frankfurt. Dangarembga sei "eine weithin hörbare Stimme Afrikas in der Gegenwartsliteratur."

Die Laudatio in der Paulskirche hielt die kenianische Germanistin und Soziologin Auma Obama. "Du bist nicht gewöhnlich, ein gewöhnliches Leben war keine Option für Dich", sagte sie über ihre Freundin.

"Du bist eine der erfolgreichsten und wichtigsten Stimmen auf dem afrikanischen Kontinent und hoffentlich bald mit dem Preis weltweit."
Auma Obama

Dangarembga veröffentlichte 1988 ihren gefeierten Debüt-Roman "Nervous Conditions" als ersten Teil einer autobiografisch geprägten Trilogie. Die drei Bücher beschreiben am Beispiel einer heranwachsenden Frau den Kampf um das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und weibliche Selbstbestimmung in Simbabwe. Der Friedenspreis ist mit 25.000 Euro dotiert. Das ZDF konnte Tsitsi Dangarembga vor wenigen Tagen interviewen.

ZDFheute: Die Hauptfigur Ihrer Romantrilogie heißt Tambudzai. Steckt von Ihnen persönlich etwas in ihr?

Tsitsi Dangarembga: Ja, unbedingt. Ein Teil von mir ist in allen meinen Charakteren. Ich muss die "Ecke" meiner Erfahrung finden, die ich reproduzieren kann, um das menschliche Element in einem Charakter zu bekommen. Ich bin ziemlich oft froh, dass es so viele Dinge gab, die mich als Person tief berührt haben, denn es hilft mir, die Dinge zu verstehen.

Wenn ich auf Simbabwe heute schaue, dann ist es nicht so, als könnte ich nicht verstehen, warum was passiert. Meine Sorge ist eher, dass ich mich frage, warum wir nicht einen besseren Weg gefunden haben, manche Dinge zu tun.

Und es steckt definitiv auch etwas von mir in Tambudzai.
Tsitsi Dangarembga, Autorin

Jemand, der nicht sieht, warum er nicht in der Lage ist, etwas Bestimmtes zu tun. Jemand, der in Schwierigkeiten gerät, weil er glaubt, er habe das Recht, sich so zu verhalten und glaubt, dass das, was er tut, das Richtige ist. Genau das hat sie mit mir gemeinsam.

ZDFheute: Sie unterstützen als Filmemacherin junge Frauen bei Filmprojekten, bringen Ihnen das Handwerk bei – warum gezielt Frauen?

Dangarembga: Es ist mir wichtig, diese jungen Frauen zu unterstützen, weil es wichtig ist, dass jeder in der Gesellschaft eine Stimme hat und Raum, seine Geschichte zu erzählen. Für junge Frauen ist es schwierig, das Filmhandwerk zu erlernen, es dauert lange und Filme werden oft zu ungünstigen Zeiten gemacht, bis spät in den Abend hinein.

Junge Frauen haben viele Verpflichtungen und Familien mögen es nicht, wenn ihre jungen Frauen etwas machen, wo Männer dabei sind - und das auch noch bis in die Nacht hinein. Deshalb habe ich einen Raum geschaffen, der quasi ein sicherer Ort ist, so dass Frauen sagen können: "Wir gehen zu diesem spezifischen Training für Frauen, wir sind dort sicher."

ZDFheute: Sie sind bei einer Demonstration in Simbabwe im Juli 2020 festgenommen worden. Sehen Sie sich als politische Aktivistin?

Dangarembga: Genaugenommen sehe ich mich selbst nicht als politisch sehr engagiert. Es gab Perioden in meinem Leben, wo ich formal politisch engagiert war, aber ich sehe mich als jemanden, der sich als verantwortungsbewusster Bürger engagiert.

Die Demonstration war gegen Korruption und schlechte Führung. Wir sehen die schädlichen Auswirkungen von Korruption und schlechter Führung auf die Menschen, und ich hatte das Gefühl, dass es meine Aufgabe ist, mein Missfallen auszudrücken. Ich habe auch den Aufruf zu der Demonstration stark unterstützt. Das war mir für meinen Seelenfrieden wichtig, die Courage zu haben, meine Überzeugung zu vertreten.

Die simbabwische Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga

Deutscher Buchhandel - Tsitsi Dangarembga erhält Friedenspreis  

Die simbabwische Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie sei eine "hörbare Stimme Afrikas in der Gegenwartsliteratur".

ZDFheute: Sie sagen, dass sich nicht nur die politische Führung in Simbabwe ändern muss, was muss sich noch ändern?

Dangarembga: Ich denke, die Menschen in Simbabwe müssen sich ändern.

Es gibt diese Haltung, dass du, wenn du den Kopf unten hältst, im Leben durch die schwierigen Situationen kommst, aber du fokussierst all deine Energie darauf zu überleben, anstatt das größere Bild zu sehen.
Tsitsi Dangarembga, Autorin

Das größere Bild hat "Eigentümer" und ich denke, die Menschen in Simbabwe sollten ihre Nation besitzen, Teil ihrer Nation sein und sich als Menschen für ihre Nation engagieren. (…) Ich denke, dass potenziell jeder eine Rolle zu spielen hat, jede Person ist ein Bürger, jeder erreicht eines Tages das Wahlalter, kann seiner Meinung eine Stimme geben und beeinflussen, was passiert.

Aber um nützlich zu sein, müssen die Menschen mit den inneren und persönlichen Mitteln ausgestattet sein, um analysieren und Entscheidungen treffen zu können. Und ich denke, dass wir davon nicht genug haben. Es läuft also darauf hinaus, Menschen in die Lage zu versetzen, ihr Potenzial zu erkennen und zu entwickeln.

Karte von Simbabwe mit Harare
Simbabwe liegt im Süden Afrikas
Quelle: ZDF

ZDFheute: Was sollten die Leser in Deutschland noch wissen?

Dangarembga: Ich möchte, dass die deutschen Zuschauer wissen, dass ich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sehr zu schätzen weiß. Ich bin wirklich glücklich, dass Menschen in Deutschland ihren Blick auf Afrika, auf das südliche Afrika, erweitern – und ich bin froh, dass ich ein Teil dieses Prozesses bin.

Das Interview führte Sandra Theiß, Leiterin des ZDF-Studios in Südafrika

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