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"Ich hätte gerne mehr gemacht" - Deutsche Soldaten über den Einsatz in Kabul

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Ihr Auftrag: Menschen aus Afghanistan nach Deutschland bringen - mitten im Chaos und der Verzweiflung. Zwei Soldat*innen berichten, wie sie den Einsatz vor Ort erlebt haben.

Nach der Machtergreifung der Taliban hat die Bundeswehr Tausende Menschen von Kabul nach Deutschland ausgeflogen – mitten in Chaos und Verzweiflung. "Es war sehr viel Leid und Elend", schildert ein Oberleutnant die Situation vor Ort.

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Am Mittwoch wird es im niedersächsischen Seedorf einen Rückkehrappell für die Soldat*innen der Evakuierungsmission in Kabul geben. Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich will sie auszeichnen.  

Knapp zwei Wochen waren die Einsatzkräfte vor Ort, mehr als 5.000 Menschen haben sie aus Afghanistan gebracht: Wie haben sie diese Zeit erlebt? ZDFheute konnte mit einer Stabsunteroffizierin und einem Oberleutnant sprechen, die am Gate des Kabuler Flughafens als auch in der Abfertigung im Einsatz waren.

Ihre Namen möchten sie aus Sicherheitsgründen nicht nennen, das Erlebte sitzt nach wie vor tief.

Mit Fokus durchs Flughafen-Elend

Als die Streitkräfte in dem Chaos am Flughafen ankamen, war vor allem eins wichtig: Fokus. "Man hat sehr viel Leid und Elend zu Gesicht bekommen, gerade in den ersten Stunden musste man das erstmal verdauen. Aber es war wichtig, so schnell wie möglich zum Professionellen überzugehen", sagt der Oberleutnant.

Das Durcheinander war so groß, dass zunächst eine Vorsortierung vorgenommen wurde - jede Person mit einem entsprechenden Dokument durfte weiter:

Wir haben da ziemlich zu Beginn schon keinen Unterschied mehr gemacht, ob es jemand mit einem deutschen Pass war oder mit einem Pass aus EU-Staaten.
Oberleutnant

Nicht alle durften ins Flugzeug nach Deutschland

Anschließend wurden die Dokumente genauer überprüft. Menschen verständlich zu machen, dass sie nicht mitgenommen werden können, war eine Herausforderung, die ohne Sprachmittler*innen nicht möglich gewesen wäre. Denn für viele war die Aussicht auf Evakuierung die letzte Hoffnung.

Die Verzweiflung von Menschen zu sehen, ihr Kind über einen Zaun zu heben, in der Hoffnung, dass sie ihre Kinder aus diesem Flughafenbereich herausschaffen, um evakuiert zu werden: Das zeugt davon, dass die Menschen sehr verzweifelt und zu einigem bereit waren.
Oberleutnant

Das Baby über dem Zaun war eine Szene, die um die Welt ging. Was seltener gezeigt wurde: Die Familie konnte wohl wieder zusammengeführt werden. Laut dem Oberleutnant nur ein Beispiel von vielen: "Im besten Fall sind die Medienberichte, die man hier in Deutschland zu sehen bekommt, ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Soldatinnen und Soldaten vor Ort erlebt haben."

Dramatische Szenen im Gedränge am Kabuler Flughafen: Um auf das Flughafengelände zu gelangen reichen Eltern ihre Kinder über die Mauer. Tausende warten hier seit Tagen, die Verzweiflung wächst.

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Aus Angst wird Erleichterung

5.300 Personen wurden laut dem Bundesverteidigungsministerium durch die Bundeswehr evakuiert, 530 Deutsche und etwa 4.400 Afghan*innen, davon circa die Hälfte Frauen. Frauen wurden nur von weiblichen Streitkräften am Flughafen untersucht - Abtastung bis unter das Kopftuch und die Kleider.

Man kam den Frauen und ihren Ängsten unmittelbar nahe, wie die Stabsunteroffizierin erzählt, aber auch der Erleichterung: "Viel Verzweiflung, Angst, aber auch Glück. Man hat sich mit den Kindern mitgefreut, die wollten einen in den Arm nehmen. Man hat es teilweise zugelassen, weil man wegen der Menschen nach Afghanistan gegangen ist, um denen zu zeigen: Sie brauchen bei uns keine Angst haben, wir sind für sie da."

Gemeinsam mit anderen Soldatinnen versuchte sie immer wieder, auseinandergerissene Familien zusammenzubringen. Nicht immer hat das geklappt:

Die weinenden Frauen, weil ihre Männer schon umgekommen sind oder nicht mitkommen konnten. Das hat mir schon zugesetzt.
Stabsunteroffizierin

Einsatz ohne Pause

Zeit zum Ruhen gab es selten, rund um die Uhr einsatzbereit, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Kontakt zu den Liebsten in Deutschland war kaum möglich, umso wichtiger war der Zusammenhalt innerhalb der Truppe, auch mit den Streitkräften anderer Nationen: "Da ist kein Kamerad alleine gewesen. Man hat gegenseitig auf sich aufgepasst, sogar jetzt noch", so die Stabsunteroffizierin.

Den Auftrag zu bewerten, was anders oder besser hätte laufen müssen, könnten und dürften sie nicht. Das sei Aufgabe anderer. Ihre Aufgabe ist wohl vor allem, das Erlebte weiter aufzuarbeiten. Am Ende überwiegt bei beiden die Dankbarkeit, etwas getan zu haben und wieder zu Hause zu sein:

Ich hätte gerne mehr gemacht. Es stand uns aber auch einfach nicht mehr zu, wir hatten diese Möglichkeiten nicht. Und wir können alle froh sein, dass wir gesund und sicher wieder nach Hause gekommen sind.
Stabsunteroffizierin
Zwei bewaffnete Soldaten in Dienstkleidung und Ausrüstung laufen durchs Feldlager in Kundus un Afghanistan.
Interview

Über Zustände in Afghanistan - Bundeswehrsoldat: "Es ist der blanke Horror" 

Seine Eltern flohen einst aus Afghanistan, er selbst ist in Deutschland geboren und bei der Bundeswehr, diente in Afghanistan. Ein Soldat über Erlebnisse, Frust und Hoffnung.

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