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Psychologin zum Coronavirus - "Ungewissheit macht immer Angst"

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Jeden Tag gibt es derzeit erschreckende Meldungen über das Coronavirus. Warum wir uns vor "exotischen, neuen Krankheiten" fürchten, erklärt die Psychotherapeutin Shital Balser.

Ein Tourist trägt am Eiffelturm in Paris einen Mundschutz (25.1.2020)
Die Nachrichten aus China wirken "wie eine Erschütterung und sorgen für Furcht um die eigene Sicherheit", sagt Shital Balser.
Quelle: epa

heute.de: In China steigt die Zahl der Opfer einer neuartigen Lungenkrankheit täglich an. Zwar warnen Virologen vor einer Hysterie, für Deutschland sei die Gefahr auch gering, dennoch sind in dieser Woche viele Menschen aufgeschreckt. Woher kommt unsere Angst vor neuen Krankheiten?

Shital Balser: Ängste werden sehr stark erzeugt durch Bilder und Worte. Die gravieren sich in unser Gehirn ein. Wenn wir jetzt aus China über die Berichterstattung markante Bilder von Ärzten in Schutzanzügen und überall Menschen mit Atemschutzmasken vorgesetzt bekommen, dann reagieren wir emotional sehr stark darauf. Das schürt unsere Ängste vor allem auch, weil wir es mit etwas bisher Unbekanntem zu tun haben. Ungewissheit macht immer Angst. Exotische beziehungsweise neue Krankheiten sind fremd und daher können wir es noch weniger einschätzen, es fehlen Erfahrungswerte. Und das macht Angst und Unsicherheit.

Chinesische Kinder mit Schutzmasken am Flughafen in Singapur.
Chinesische Kinder mit Schutzmasken am Flughafen in Singapur: "Das schürt unsere Ängste vor allem auch, weil wir es mit etwas bisher Unbekanntem zu tun haben", sagt Psychotherapeutin Balser.
Quelle: EPA

heute.de: Die starke Grippewelle in der Saison 2017/2018 hat in Deutschland die höchste Zahl an Todesfällen der vergangenen 30 Jahre gefordert. Laut Robert-Koch-Institut starben mehr als 25.000 Menschen. Trotzdem haben verhältnismäßig wenig Deutsche Angst vor einer "gewöhnlichen" Grippe. Wie lässt sich das erklären?

Balser: Angsterregende Dinge können auch dem "Gewöhnungseffekt" unterliegen. Alles, was lange anhält, speichern wir wie eine Art Grundrauschen ab. An eine "normale" Grippe haben wir uns gewöhnt, wir haben auch keine erschreckenden Bilder abgespeichert, sondern kennen die meist harmlosen Verläufe. So ist es abgespeichert, obwohl realistisch gesehen bisher die Grippe hier mehr Sterbefälle zur Folge hatte als diese "exotischeren" Viren und Epidemien, wie zum Beispiel zurzeit das Coronavirus. Aber die starken Bilder lösen Distanzen von Tausenden Kilometern im Nichts auf.

heute.de: Schätzen wir Risiken völlig irrational ein?

Balser: Ängste sind weitestgehend nicht rational. Sie können zwar auf Fakten und Erlebnissen basieren. Maßgeblich für das Entstehen von Ängsten ist aber vor allem unser subjektives Bewerten. Das ist sehr oft resistent gegen Logik. Fakten und richtige Aufklärung können schon helfen, aber nicht immer. Gerade Menschen, die anfällig sind für Ängste, reagieren nicht auf Logik. Da können wir mit ganz klaren Statistiken kommen, aber das Gefühl einer Bedrohung und Unsicherheit lässt sich dadurch nicht beseitigen.

Shital Balser
Shital Balser ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Berlin. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählt die Behandlung von Ängsten und Phobien.
Quelle: Shital Balser

heute.de: Wie angstbehaftet ist die deutsche Gesellschaft aus Ihrer Sicht?

Balser: Unsere Gesellschaft lebt in einer der sichersten Zeiten überhaupt und dennoch sind Ängste immer mehr auf dem Vormarsch. Es gibt nicht die einfache Korrelation: Je sicherer wir leben, desto sicherer fühlen wir uns. Etwas zugespitzt formuliert, lässt sich sagen, dass der zentrale Fokus sehr vieler Menschen immer mehr auf Leistung, Erhalt der Jugend und körperliche Unversehrtheit ausgerichtet ist. Das bestimmt das Selbstwertgefühl sehr stark.

Auf der Ebene nehmen Menschen dann Dinge wie das Coronavirus viel intensiver wahr: Oh, da gibt es eine Krankheit, die mich und meinen Körper bedroht. Hinzu kommt, dass viele Menschen immer weniger gewohnt sind, sich körperlich und mental Belastungen auszusetzen. Schonverhalten und Angst bedingt sich gegenseitig negativ; sich in Watte zu packen und Angst zu haben, jegliche Komfortzonen zu verlassen, geht mit einem Verlust von wesentlichen psychischen Fähigkeiten einher.

heute.de: Wofür sorgen die Nachrichten aus China dann? 

Balser: Es wirkt wie eine Erschütterung, eine maximale Bedrohung und sorgt für Furcht um die eigene Sicherheit.

heute.de: Wie lange fesselt so etwas wie das Coronavirus unsere Aufmerksamkeit, bevor wir uns wieder neuen "Gefährdungen" zuwenden?

Balser: Bei den meisten Leuten tritt nach einiger Zeit der Gewöhnungseffekt ein. Es gibt auch diese Aufmerksamkeitsablösung: Wenn morgen eine Katastrophe in Deutschland geschehen würde, würde keiner mehr über das Coronavirus in Asien nachdenken. Das würde dann einfach getoppt: Eine neue Angst löst die vorhergehende ab. Es gibt immer äußerliche Unruheherde. Damit müssen wir umgehen können. Wem das schwerfällt, weil er sehr sensibel ist, dem empfehle ich, den Nachrichtenkonsum einzuschränken - vor allem morgens, wenn das Unbewusste noch sehr empfänglich ist, und abends vorm Schlafengehen. Tagsüber kann man besser mit belastenden Informationen umgehen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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