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Vierte Welle als Belastungsprobe : Psyche in der Pandemie "stille Katastrophe"

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Corona stellt die Gesellschaft auch mental auf eine große Probe. Was haben mehr als zwei Jahre Pandemie mit den Menschen gemacht? Und wer spürt die Belastungen besonders?

Menschenmenge in Berlin
Die Gesellschaft zeigt Ermüdungserscheinungen in der Pandemie.
Quelle: AP

Die Omikron-Welle fegt über Deutschland hinweg und stellt die gesamte Bevölkerung noch einmal auf eine große Belastungsprobe. Viele Menschen scheinen an ihre Grenzen zu kommen, das beobachten auch verschiedene Experten in wissenschaftlichen Studien.

Wer bereits depressiv erkrankt war, leidet durch die Einschränkungen besonders. Insgesamt spielt aber offenbar auch die Dauer der Belastung eine wesentliche Rolle - es kommt zu Ermüdungseffekten.

Angst und Einsamkeit - der "Lockdown-Schockeffekt"

Wie sich die Pandemie auf die mentale Gesundheit der Berliner und Berlinerinnen auswirkt, untersucht die Neurowissenschaftlerin Tania Singer, Leiterin des Social Neuroscience Lab der Max-Planck-Gesellschaft, mit einem Forschungsteam im "CovSocial-Projekt".

Die Forscherinnnen und Forscher haben fest gestellt, dass es im ersten Shutdown im Jahr 2020 zunächst einen "Lockdown-Schockeffekt" gegeben hat. Ängstlichkeit, Stress, Depressivität und Einsamkeit seien in die Höhe geschnellt.

Als im Juni 2020 Regeln zurückgenommen wurden, habe man gesehen, dass sich die Berliner Bevölkerung erholt habe, erklärt Singer gegenüber ZDFheute. Allerdings, so schränkt sie ein, haben sich die Menschen nicht mehr so erholt, wie vor der Pandemie.

Die Neurowissenschaftlerin Urner erklärt in einem ZDFheute Interview, was eine so lange Zeit der schlechten Nachrichten mit der Psyche macht.

Shutdown verschlechtert mentale Gesundheit

Im langen zweiten Shutdown, der bis etwa März 2021 andauerte, habe man einen "Lockdown Ermüdungseffekt" erkennen können.

Mit jedem zunehmenden Lockdown-Monat hat die mentale Gesundheit abgenommen.
Prof. Tania Singer, Projektleiterin

Wenn man die ersten Shutdown-Befunde im März 2020 mit denen am Ende des zweiten Shutdowns im März - ein Jahr später in 2021 - vergleiche, sagt Singer, seien die Berlinerinnen und Berliner gestresster, ängstlicher, depressiver und einsamer geworden. Die Menschen seien vulnerabler und weniger mental gesund als noch ein Jahr zuvor im Shutdown 2020 gewesen.

Ermüdungseffekte im dritten Jahr der Pandemie

Auch wenn sich die Daten des CovSocial-Projekts nur auf die Pandemie und Shutdowns von Anfang 2020 bis Frühjahr 2021 bezögen, so Singer, ließe sich daraus ableiten, dass sich der mentale Zustand der Berliner Bevölkerung im Jahr 2022 nochmals verschlimmert haben müsse.

Denn ein knappes Jahr später sei man erneut in einer Situation, in der es Einschränkungen gebe, Unsicherheit herrsche und die Inzidenzen hoch seien. Beim emotionalen und mentalen Zustand der Bevölkerung zeige sich ein Ermüdungseffekt, erklärt die Wissenschaftlerin und vergleicht die Situation mit einem Gummiband.

Wenn man ein Gummiband zu lange und zu oft ausdehnt, dann geht das irgendwann nicht mehr zurück in seinen Ausgangszustand, es ist ausgeleiert. Und so ist das auch mit der mentalen Gesundheit.
Tania Singer, Projektleiterin

Wenn man chronisch zu lange strapaziert werde, dann käme es zu Ermüdungseffekten und die mentale Gesundheit verschlechtere sich zunehmend.

Lesen Sie hier, inwieweit die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie leidet. 

Depressiv Erkrankte besonders belastet

Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe bestätigt, dass die Pandemie und ihre Folgen zu Stress, Sorgen, gedrückter Stimmung oder auch Ängsten führen. Die Mehrzahl in der Gesamtbevölkerung (67 Prozent) fühlt sich dem Deutschland-Barometer Depression 2021 zufolge zunehmend bedrückt.

Das sind jedoch normale Reaktionen auf die schwierigen Lebensumstände, die in der Regel nicht zu einer depressiven Erkrankung führen.
Prof. Ulrich Hegerl, Vorsitzender Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Allerdings wirkten sich die Maßnahmen gegen das Coronavirus auf Menschen, die bereits vor der Pandemie an einer Depression erkrankt waren, besonders negativ aus, wie sich aus den Befragungen der Depressionshilfe ablesen lässt.

Die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Ängste, Sorgen und Einschränkungen treffen an Depression erkrankte Menschen besonders hart.

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Viele Betroffene hätten über weniger Bewegung, eine schlechte Tagesstrukturierung mit vermehrtem Grübeln und längere Bettzeiten berichtet. Das sind drei Veränderungen, so Hegerl, von denen gut bekannt ist, dass sie den Krankheitsverlauf bei Menschen mit Depressionen negativ beeinflussen.

Schlechtere Versorgung psychisch Erkrankter

Hinzu käme, so Hegerl, dass stationäre und ambulante Behandlungen abgesagt wurden und Selbsthilfegruppen ausfielen.

Es dauert teilweise lange, bis psychisch Erkrankte einen Therapieplatz gefunden haben. Online-Tools können helfen, die Wartezeit zu überbrücken:

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Geht man davon aus, dass jedes Jahr circa 5 Millionen Menschen unter einer behandlungsbedürftigen Depression leiden, hat sich für über ein Drittel von ihnen die Situation in der Pandemie nochmal verschlechtert, wie aus der Erhebung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe hervorgeht.

Das ist eine stille Katastrophe.
Ulrich Hegerl, Vorsitzender Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Hegerl kritisiert, dass die negativen Folgen der Maßnahmen, was psychische Erkrankungen aber auch andere Bereiche der Medizin angeht, nicht mit ausreichender Sorgfalt und Systematik erhoben und ausgewertet werden.

Es sei jedoch unerlässlich, die Nebenwirkungen möglichst genau zu kennen, um die Maßnahmen in der Pandemie optimieren zu können.

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