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Pflegebedürftig in Corona-Zeiten - "Blackbox" Altenheim

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Ein Corona-Ausbruch im Altenheim, die Angehörigen lange im Unklaren, der Kontakt zu Bewohnern schwierig: Ein Fall aus Mainz zeigt, wie Pflegeheime zur "Blackbox" werden können.

Eingansbreich eines Altenheims
Corona: Verschärfte Bedingungen für Besucher in Altenheimen (Archiv)
Quelle: Imago

Für die Menschen im AWO-Seniorenzentrum in Mainz-Gonsenheim ist ein Albtraum wahr geworden: 28 der etwa 130 Bewohner sowie zehn Pflegekräfte haben sich ZDFheute-Recherchen zufolge mit Covid-19 infiziert. "Die ersten Fälle traten am 10. November auf", teilt die zuständige Behörde auf Anfrage mit. Angehörige der Heimbewohner erfuhren davon aber zunächst erstmal nichts.

Jürgen Sauerzapf, Sohn einer Heimbewohnerin, erreichte erst jetzt ein vom 19. November datiertes Schreiben der AWO, in dem von "mehreren" positiv getesteten Bewohnern und "ein paar" infizierten Pflegekräften berichtet wird. Sauerzapf sorgt sich um das Wohl seiner Mutter. Deshalb treibt ihn umso mehr um, dass der Kontakt zu ihr nahezu abgerissen ist.

Per Videotelefonie tägliches "Beisammensein"

Jürgen Sauerzapf
Jürgen Sauerzapf
Quelle: Marcel Burkhardt

Der Zugang zum Heim ist für die Angehörigen seit 10. November nicht möglich. Informatiker Sauerzapf hatte für einen solchen Fall vorgebaut und ein Videotelefonie-Gerät installiert, um mit seiner Mutter besser kommunizieren zu können.

"Ich wollte sie täglich an unserem Alltag teilhaben lassen", sagt Sauerzapf. Der Knackpunkt: Die Mutter kann die Technik allein nicht bedienen. Das Gerät aktiviert sich bei einem Anruf automatisch. Pflegekräfte fühlten sich während der Arbeit beobachtet und bauten das Gerät ab. Die Kommunikation per Telefon ist aufgrund des Gesundheitszustands der alten Dame allerdings keine echt Alternative.

Alten- und Pflegeheime sollen in dieser Corona-Welle möglichst offen bleiben – aber Bewohner und Pflegekräfte vor dem Virus schützen, ist ein täglicher Kompromiss zwischen Abstand und Nähe, Zurückhaltung und Begegnung.

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Gestörte Kommunikation zwischen Heim und Angehörigen

Auf Sauerzapfs Vorschlag, dass Pfleger das Gerät künftig bei Betreten des Raums mit einem Schalter deaktivieren könnten, hat das Heim bislang nicht reagiert. Auch ZDFheute-Nachfragen blieben zunächst unbeantwortet.

"Ich sehe ein, dass wir das Heim in der Notlage nicht betreten dürfen – aber dann sollen sie uns doch zumindest den Kontakt über das Videotelefon ermöglichen", sagt Sauerzapf.

Wir wissen nicht, wann das Heim wieder aufmacht, und ich habe Angst, dass mich meine demenzkranke Mutter nicht mehr erkennt.
Jürgen Sauerzapf

Mit seiner Sorge steht er angesichts stark steigender Corona-Fälle in deutschen Altenpflegeheimen nicht allein.

Stiftung Patientenschutz: 630.000 Demenzkranke in Heimen

Etwa 70 Prozent der Heimbewohner, also etwa 630.000 Menschen, sind der Deutschen Stiftung Patientenschutz zufolge an Demenz erkrankt.

Viele von ihnen leben während der zweiten Corona-Welle isoliert. Recherchen von ARD und "Süddeutscher Zeitung" zufolge gibt es "in weit mehr als 1.000 der bundesweit etwa 12.000 Alten- und Pflegheimen" aktuell Corona-Fälle. Zahl und Stärke der Ausbrüche seien "alarmierend".

Staatsrechtler Hufen: Heim muss Kommunikation fördern

In dieser Notsituation sei der Wunsch vieler Angehöriger, den Kontakt irgendwie aufrechtzuerhalten, durch die Heime nach Kräften zu unterstützen, meint der Verfassungsrechtler Friedhelm Hufen. Zum Fall von Familie Sauerzapf sagt der Professor der Uni Mainz:

Wenn bei drohendem Besuchsverbot der Sohn ein Kommunikationsgerät im Zimmer der Mutter angebracht hat, dann ist das Heim verpflichtet, zumindest diese indirekte Form der Kommunikation zu dulden.
Friedhelm Hufen, Verfassungsrechtler

Wenn das Altenheim die Türen schließe und damit das Umgangsrecht des Sohnes mit der Mutter absperre, "dann darf das Heim umso weniger die sonstigen Kommunikationsformen unterbinden", so Hufen.

Datenschutzbeauftragter: "Nichts einzuwenden"

Das einzeln bewohnte Heimzimmer sei geschützte Privatsphäre und "Wohnung" im Sinne von Artikel 13 des Grundgesetzes, in dem das Heim nur bei Gefährdung Dritter "etwas zu sagen" habe, so der Staatsrechtler weiter. Als einzig "tückischen" Umstand sieht er die Selbstaktivierung des Videotelefons.

Wie Hufen argumentiert aber Dieter Kugelmann, Landesdatenschutzbeauftragter von Rheinland-Pfalz, dass gegen eine Installation "datenschutzrechtlich nichts einzuwenden" sei, wenn durch eine – wie von Sauerzapf vorgeschlagene – technische Lösung sichergestellt sei, dass Heimmitarbeiter "nicht durch Bild- und Tonaufnahmen beobachtet oder deren Wirken aufgezeichnet werden können".

Der Vorsitzende der Stifung Patientenschutz Brysch betont neben den Krankenhäusern auch die Verschärfung der Lage in Altenheimen. Es sei höchste Zeit zu handeln, so Brysch.

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Patientenschützer: Politik lässt Heimleitungen allein

Viele der derzeit abgeschlossenen Pflegeheime glichen einer "Blackbox", beklagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Er kritisiert vor allem die Bundesländer: "Statt klare Regeln in gültigen Rechtsverordnungen zu formulieren, überlassen sie den Heimverantwortlichen und Gesundheitsämtern die Entscheidungen. Die schießen mit ihren Maßnahmen oft übers Ziel hinaus."

Wann die Bewohner des AWO-Altenheims in Mainz ihre Angehörigen wiedersehen dürfen, ist indes ungewiss. Laut Kreisverwaltung stehen noch "ein paar wenige" Testergebnisse aus. Der Grund: "die Überlastung der Labore".

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