Sie sind hier:
Interview

Gesellschaftlicher Graben - Goodhart: "Da ist etwas aus dem Lot geraten"

Datum:

Mächtige Akademiker, geringgeschätzte Handwerks- und Sozialberufe: Der britische Autor David Goodhart über gesellschaftlichen Sprengstoff und die Notwendigkeit eines Ausgleichs.

Archiv: Zwei Pflegerinnen schieben in einem Klinikum Patienten mit Rollstühlen durch einen Flur
Akademiker erhalten viel mehr Status und Einkommen als Menschen im Handwerk und sozialen Berufen.
Quelle: dpa

ZDFheute: Sie sagen, "Kopf-Kompetenzen" würden in unserer Gesellschaft zu stark honoriert, finanziell wie gesellschaftlich. Was meinen Sie damit?

David Goodhart: Wir brauchen heute Hochintelligenz - sie ist wichtiger als je zuvor. Das sehen wir zum Beispiel bei der Entwicklung der Impfstoffe gegen das Coronavirus. Aber als gesunde Gesellschaft brauchen wir nicht nur akademisch Ausgebildete, die an den Schaltstellen der Macht den Kurs bestimmen.

ZDFheute: In Ihrer aktuellen Analyse unter dem Titel "Kopf, Hand, Herz" konstatieren Sie eine gesellschaftsgefährdende Kluft zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern…

Goodhart: … In den vergangenen vier Jahrzehnten haben Akademiker mit ihren Kopf-Kompetenzen im Vergleich zu anderen Berufsgruppen viel mehr Status und Einkommen erzielen können als Menschen im Handwerk und in sozialen Berufen. Das ist unfair, da ist etwas aus dem Lot geraten und das hat gravierende ökonomische, kulturelle und soziale Folgen.

Insgesamt fühlen sich zu viele Menschen von unserer kognitiven Leistungsgesellschaft ausgeschlossen. Ich denke deshalb, Berufe der Hand und des Herzens brauchen eine deutliche Aufwertung und mehr gesellschaftliches Gewicht.

ZDFheute: In der Pandemie haben Beschäftigte in den Kliniken und im Einzelhandel, im Handwerk oder in der Logistik als "neue Heldinnen und Helden des Alltags" viel Zuspruch erfahren. Wie stehen die Chancen, dass soziale und handwerkliche, nicht-akademische Berufe durch die Krise nachhaltig gestärkt werden?

Goodhart: Ich bin optimistisch und sage, die Chancen stehen gut! Wir haben doch gesehen, was die Gesellschaft zusammenhält, wie wichtig neben analytischen Denkern, Forschern und Ärzten auch Pflegerinnen und Pfleger sind, Handwerker, Busfahrer, Postbotinnen und viele mehr.

Die Corona-Krise hat die Frage nach der Wertschätzung von Pflegerinnen und Pflegern wieder aufgeworfen. Was hat sich seither getan?

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Lange herrschte das Denken vor: Du musst studiert haben, um zu den Besten zu gehören, um ganz oben dabei zu sein. In der Krise sehen wir: Die meisten systemrelevant arbeitenden Menschen haben kein Studium. Es zeigt sich, dass wir breitgefächert mehr Eliten brauchen, die sich mutig und integer für die Gesellschaft einsetzen.

ZDFheute: Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass erst eine Pandemie ausbrechen muss, um der Gesellschaft das klarzumachen?

Goodhart: Das kann man so sehen. Das Geringschätzen und schlechte Bezahlen vieler Nicht-Akademiker führt zu tief greifenden Problemen.

Das bietet auch einen Nährboden für Populisten, die sich die Frustration über eine ungerechte Verteilung von Status und Anerkennung zunutze machen. Ich bin aber absolut sicher, dass zum Beispiel soziale Berufe in den nächsten fünf bis zehn Jahren deutlich aufgewertet werden.

ZDFheute: Was macht Sie da so sicher?

Goodhart: Das hat mehrere Gründe: Einerseits müssen wir unsere älteren Menschen anständig versorgen; in unseren westlichen Wohlstandsgesellschaften wird diese Gruppe immer größer. Das heißt: Es braucht Menschen, die soziale Berufe ergreifen und weil die Nachfrage nach Fachkräften so groß ist, werden sich auch deren Arbeitsbedingungen, Einkommen und gesellschaftlicher Status verbessern.

Andererseits werden wir eine Art Revolution durch Künstliche Intelligenz erleben, die vielen Akademikern ihre Arbeitsplätze kosten wird. Für diese Menschen braucht es Umschulungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten – etwa im Handwerk oder in sozialen Berufen, denn auch dort braucht es neben Hand und Herz viel Hirn.

ZDFheute: Was folgt daraus für die Politik?

Goodhart: Die Politik muss die Rahmenbedingungen für Berufe stärken, die systemrelevant sind. Es braucht aus meiner Sicht höhere Mindestlöhne und mehr Anreize, die lebenslanges Lernen belohnen. Viele Menschen, die vielleicht in der Schule nicht das Maximum aus sich herausgeholt haben, bezahlen dafür ein Leben lang, weil sie beruflich an eine Decke stoßen.

Für leistungs- und aufstiegswillige Nichtakademiker muss es mehr Möglichkeiten für einen beruflichen Aufstieg geben. Berufe in Führungspositionen dürfen nicht zu einem Großteil für Akademiker reserviert bleiben.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Aktuelle Nachrichten zur Corona-Krise

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.