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Interview

Biontech-Gründer Ugur Sahin - Herdenimmunität bis Ende des Sommers möglich

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Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci erhalten heute das Bundesverdienstkreuz. Im ZDF-Interview spricht Sahin darüber, was beide antreibt und die Impfperspektive.

Biontech-Chef Ugur Sahin im Interview

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ZDFheute: Professor Sahin, welch ein Gefühl ist es, das Bundesverdienstkreuz zu erhalten? Was bedeutet Ihnen das?

Ugur Sahin: Das ist eine besondere Würdigung unserer Arbeit. Und zum einen ist das eine persönliche Würdigung. Aber ich sehe das vor allen Dingen auch als Würdigung der Leistung unseres großartigen Teams, welches in den letzten 14 Monaten Tag und Nacht gearbeitet hat, um das, was heute gewürdigt wird, möglich zu machen.

ZDFheute: Sie retten ja Menschenleben. Fühlen Sie sich als Lebensretter?

Sahin: Unsere Motivation ist zu helfen, und es ist schön zu sehen, dass wir Menschen helfen können. Es geht zum einen natürlich darum, Menschenleben zu retten und Infektionen zu verhindern, Krankenhausaufenthalte zu verhindern, tödliche Verläufe zu verhindern.

Aber es ist mehr. Es ist auch die Möglichkeit, den Menschen die Angst zu nehmen vor diesem Virus, den Menschen wieder die Möglichkeit zu geben, dass sie sich freier bewegen können und zu helfen, dass wir alle wieder unser normales Leben zurückbekommen. (...)

ZDFheute: Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, zusammen mit Ihrer Frau, Frau Doktor Türeci, diesen Impfstoff zu entwickeln?

Sahin: Wir haben im Januar realisiert, dass dieser Ausbruch in China mit großer Wahrscheinlichkeit nicht lokal bleiben wird, sondern dass es sich zu einer weltweiten Pandemie entwickeln wird. Wir wussten, dass wir eine Technologie haben, die uns ermöglichen könnte, einen Impfstoff wirklich in kurzer Zeit herzustellen. Und dementsprechend haben wir die Verantwortung gefühlt, dass wir etwas tun müssen. (...)

ZDFheute: Was treibt Sie denn an - Sie und auch Frau Doktor Türeci?

Sahin: Es sind verschiedene Dinge. Im Täglichen treibt uns wirklich die Liebe zur Wissenschaft an. Uns macht Wissenschaft sehr viel Spaß, wir sind von Neugier getrieben, wir möchten Erkenntnisse generieren, wir möchten Mechanismen studieren.

Auf der anderen Seite sind wir getrieben von dem Wunsch, Leid zu lindern, vor allen Dingen für Krebspatienten. Wir glauben daran, dass wir Medikamente entwickeln können, die in der Lage sind, das Immunsystem so zu aktivieren, dass Krebszellen erkannt und eliminiert werden können. Und das ist das, was uns langfristig antreibt. Eine Vision, dass man durch Immuntherapie die Sterblichkeit von Krebs reduzieren kann, Heilung erzielen kann.

Die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin sind mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Sie werden damit für die Entwicklung ihres Corona-Impfstoffs geehrt.

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ZDFheute: Noch vor einem Jahr waren Sie hauptsächlich in der Fachwelt bekannt, jetzt sind Sie weltberühmt. Was ändert das für Sie?

Sahin: Wir sehen das als eine Aufgabe, auch über unsere Wissenschaft zu sprechen. Als Wissenschaftler ist man ja lieber hinter den Kulissen, dort, wo unsere Arbeit stattfindet. Wir wissen aber auch um die Verantwortung, dass wir über unsere Forschung und die Ergebnisse sprechen müssen. Und dementsprechend sehe ich das auch als Verantwortung und als einen Teil unserer Aufgabe, die Menschen über das zu informieren, was wir tun. (...)

ZDFheute: Bei all den Rückschlägen beim Impfen im Moment: Bleiben Sie bei Ihrem Optimismus? Wann wird man allen in Deutschland ein Angebot machen können?

Sahin: Ich gehe davon aus, dass wir weiterhin mehrere Impfstoffe zur Verfügung haben werden und dass viele oder mehrere Hersteller mit beitragen werden, dass wir für jeden, der einen Impfstoff haben möchte, auch einen Impfstoff bereitstellen können.

Wir selbst wollen sehr viele Dosen nach Deutschland und nach Europa ausliefern, sodass ich immer noch davon ausgehe, dass wir es bis Ende des Sommers schaffen könnten, eine Herdenimmunität zu etablieren, und dadurch langsam wieder unser normales Leben zurückbekommen können.

ZDFheute: Viele Hoffnungen ruhen ja weiter auf Biontech. Werden Sie Ihre Lieferversprechen von zwei Milliarden Dosen in diesem Jahr einhalten? Werden es vielleicht sogar noch mehr werden?

Sahin: Momentan sieht es danach aus. Wie waren ja in der Lage, dass wir unsere Produktion erhöhen konnten. Die Produktion läuft jetzt sehr robust. (...) Wenn keine zusätzlichen Probleme dazu kommen, dann bleiben wir bei unserem Ziel, zwei Milliarden Dosen in 2021 herzustellen.

ZDFheute: Wie viele davon kommen nach Deutschland?

Sahin: Deutschland wird ausreichend Impfstoff bekommen. Wir selbst liefern ja bis zu 600 Millionen Dosen an Europa aus. Es ist vorgesehen, dass bis zu 100 Millionen Dosen dann tatsächlich auch in Deutschland ankommen bis zum Ende des Jahres.

Wir werden bis Mitte des Jahres wahrscheinlich 40 Millionen Dosen nach Deutschland ausliefern können und bis Ende September wahrscheinlich 88 bis 90 Millionen, wenn wir entsprechend produzieren können.

Angela Merkel bei einer Sitzung des Kabinetts.

Kanzlerin Merkel und Länderchefs - Beratungen über schnellere Impfkampagne 

Gemeinsam mit den Ministerpräsidenten der Länder will Kanzlerin Angela Merkel heute über konkrete Maßnahmen sprechen, wie in Deutschland schneller geimpft werden kann.

ZDFheute: Sie haben mal gesagt, "ein Impfstoff muss einmal Krankheiten verhindern oder abmildern, und er muss die Übertragung verhindern". Können Sie den zweiten Punkt denn schon bestätigen?

Sahin: (...) Wir haben jetzt durch Daten aus Israel - das sind Echtweltdaten, die quasi unter normalen Bedingungen erarbeitet worden sind - gesehen, dass unser Impfstoff zu über 90 Prozent Infektionen verhindern kann. Damit haben wir die Grundlage dafür, dass wir tatsächlich Herdenimmunität bekommen können. Denn derjenige, der geimpft wird, schützt nicht nur sich selbst, sondern schützt auch andere, weil er andere nicht mehr infizieren kann.

ZDFheute: Wie wichtig ist es, auch an andere Länder, an andere Kontinente zu denken?

Sahin: Für uns ist es sehr wichtig, dass wir unseren Impfstoff weltweit verfügbar machen. Das war von Anfang an unser Ziel. (...) In der Zwischenzeit haben wir Verträge und Zulassungen in über 66 Ländern weltweit. Unser Ziel ist es, den Impfstoff eben nicht nur in den Industriestaaten verfügbar zu machen, sondern auch in den Entwicklungsländern und in den Ländern, die wirtschaftlich sehr schwach sind. Dafür arbeiten wir mit der WHO und anderen Organisationen zusammen.

Das Interview führte Susanne Gelhard.

Biontech-Gründer Ugur Sahin am 22.12.2020 in Mainz

Impfstoff-Preise - Biontech-Chef Sahin kontert Wucher-Vorwurf 

15 bis 30 Euro pro Dosis - für diesen Preis habe man der EU den Impfstoff im Sommer 2020 angeboten, erklärt Biontech Chef Ugur Sahin. Und kontert damit jüngste Wucher-Vorwürfe.

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