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Gesundheitssystem vor Kollaps - Brasilien: Corona außer Kontrolle

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Zwar wird seit Januar geimpft, doch die Todeszahlen steigen. Vielerorts ist das Gesundheitssystem bereits kollabiert. Warum die Corona-Lage in Brasilien so dramatisch ist.

Die Patienten werden in der Notaufnahme des Krankenhauses Nossa Senhora da Conceicao abgebildet, das aufgrund des Ausbruchs der Coronavirus-Krankheit (COVID-19) am 11. März 2021 in Porto Alegre, Brasilien, überfüllt ist.
Ein überfülltes Krankenhaus in Porto Alegre - so sieht es vielerorts in Brasilien aus.
Quelle: Reuters

In Brasilien wird zwar seit Januar gegen das Coronavirus geimpft, doch die Infektionszahlen drückt das nicht. Im Gegenteil: Sie steigen und mit ihnen die Todeszahlen.

Brasilien bleibt eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder. Das Gesundheitssystem ist in vielen Städten bereits zusammengebrochen. Aber warum ist die Lage in dem Land so dramatisch?

Wie ist die aktuelle Lage in Brasilien? 

Täglich sterben in Brasilien im Schnitt mehr als 1.700 Menschen an Corona, so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Die Inzidenz liegt bei über 5.300 Infizierten pro 100.000 Einwohner – und das obwohl in Brasilien nach wie vor sehr wenig getestet wird, sodass nicht alle Erkrankten in die Statistik eingehen.

Wissenschaftler und Lokalpolitiker warnen schon seit Wochen vor einem landesweiten Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung, also davor, dass weit mehr Menschen erkranken als medizinisch versorgt werden können. 

Ausgerechnet im reichen Süden Brasiliens ist das schon jetzt Realität: Jeden Tag sterben Menschen, die auf der Warteliste für ein Krankenhausbett stehen. Ärzte müssen entscheiden, welche Patienten sie retten und wer ohne angemessene Versorgung zurückbleibt. Vielerorts werden einfache Gesundheitsstationen und sogar Krankenwagen in Betten verwandelt, aber der Ansturm neuer Patienten lässt nicht nach. 

In Brasilien sind innerhalb von 24 Stunden erstmals rund 2.300 Menschen in Verbindung mit dem Coronavirus gestorben.

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Welche Regionen sind besonders betroffen?

Anders als bisher, erfasst die Pandemie nun nicht mehr nur einzelne Regionen und große Städte, sondern das ganze Land gleichzeitig.

Von den 27 Hauptstädten der Bundesstaaten haben 16 kaum noch freie Intensivbetten und in 25 gilt die Warnstufe.

Das ist dramatisch, weil kleinere Städte im Landesinneren kaum eigene Intensivbetten haben. Auch können sich die Regionen nicht mehr gegenseitig aushelfen.

Als im Januar in der Amazonas-Hauptstadt Manaus die Sauerstoffreserven ausgingen, wurden Patienten in Tausende Kilometer entfernte Städte verlegt. Das ist jetzt nicht möglich, weil es keine Orte mehr gibt, die genug Kapazitäten frei haben. 

Und noch etwas ist anders als in der ersten Pandemiephase: Ärzte berichten, dass mehr junge Menschen mit schweren Verläufen auf die Intensivstationen eingewiesen werden. Ob das mit der Verbreitung neuer Varianten zusammenhängt, ist noch nicht klar.  

Brasilien wird von einer neuen, heftigen Corona-Welle überrollt. Präsident Bolsonaro tut nichts.

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Wie konnte es so weit kommen?

Seit Jahresanfang haben eine Reihe nationaler Feiertage, wie Neujahr und Karneval, dazu beigetragen, dass viele Menschen überall in Brasilien in großen Gruppen gefeiert haben und gereist sind. Das Virus reiste mit und verbreitet sich seitdem umso schneller. Ein Teil der Bevölkerung ist der Vorsicht müde, zumal es in Brasilien nie eine einheitlich kommunizierte, klare Strategie zur Pandemiebekämpfung gab.  

Das allein erklärt die Ausmaße des aktuellen Anstiegs wohl aber nicht.

Wissenschaftler vermuten, dass die neue Virus-Variante P1, die im Amazonasgebiet entstanden ist, zur rasanten Zunahme der Fälle beiträgt. P1 gilt, genauso wie die Varianten aus Südafrika und Großbritannien, als besonders ansteckend. Studien liefern Hinweise darauf, dass diese Variante sie schon jetzt in vielen Regionen Brasiliens für die Mehrheit der Corona-Infektionen verantwortlich ist.   

Normalerweise herrschen in Rio de Janeiro um diese Jahreszeit Farben und Frohsinn. Doch im Sambodrom von Rio de Janeiro, durch das zu Karneval die berühmten Sambaschulen tanzen, wird in diesem Jahr nur geimpft.

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Was unternimmt die Bundesregierung dagegen?

Präsident Jair Bolsonaro hält die Pandemie für eine Hysterie und sagt nach wie vor, die Bevölkerung müsse zur Normalität zurückkehren. Er drohte sogar Gouverneuren, dass sie, wenn sie Lockdowns verhängen, keine Gelder vom Bund für Nothilfen bekämen. 

Diese Nothilfen wird die Regierung zwischen März und Juni denjenigen zahlen, die wegen der Pandemie in Armut leben. Direkte Maßnahmen zur Eindämmung des akuten Anstiegs unternimmt die Regierung aber nicht. Der Gesundheitsminister General Pazuello kündigte lediglich an, die Impfkampagne voranzutreiben, musste aber gleichzeitig einräumen, dass in den nächsten Wochen weniger Nachschub an Impfstoff zur Verfügung stehen wird als geplant.

Die Gouverneure der einzelnen Bundesstaaten haben aus diesem Grund bereits begonnen, auf eigene Faust mit Herstellern zu verhandeln, um unabhängig von der Bundesregierung Impfstoffe zu organisieren.

Welche Maßnahmen ergreifen lokale Regierungen?

Es gibt lokale Ausganssperren, Maskenpflicht in Städten, aber auch geschlossene Geschäfte. Da deren Wirkung aber begrenzt ist, werden landesweit einheitliche Einschränkungen gefordert. Auch die Beschränkung des Verkehrs zwischen den Bundesstaaten steht im Raum.

Sollte nichts dergleichen unternommen werden, warnt der Wissenschaftler und Arzt Miguel Nicolelis, könnte sich die Zahl der Corona-Opfer in Brasilien innerhalb von 90 Tagen verdoppeln. Er rechnet damit, dass bis Ende des Monats der Durchschnitt der täglichen Todesopfer auf mehr als 3.000 steigen dürfte. 

Christoph Röckerath ist Südamerika-Korrespondent und Leiter des ZDF-Studios Rio de Janeiro. Dem Autor auf Twitter folgen: @CRoeckerath.
Anne-Kirstin Berger ist Producerin im ZDF-Studio in Rio de Janeiro.

Krankenpflegerin Vanda Ortega, 33, führt Coronavirus-Tests an Anselmo Soares, 62, in einem Feldkrankenhaus, in Manaus (Amazonas, Brasilien), aufgenommen am 12.02.2021
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Brasilien und Corona - "Werden eine enorme Zahl an Mutationen haben" 

Professor Miguel Nicolelis gilt als einer der einflussreichsten Mediziner Lateinamerikas. Er warnt vor neuen, gefährlicheren Virusvarianten. Die könnten in Brasilien entstehen.

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