Sie sind hier:

"She said"-Buchladen in Berlin - "Feminismus ist intersektional"

Datum:

Mitten in der Corona-Krise eröffnet Emilia von Senger einen Buchladen in Berlin. Ihr Geschäftsmodell? Werke von Frauen und queeren Menschen. Der Ansturm ist riesig. Ein Interview.

She said books
In Berlin dürfen Buchläden trotz des Corona-Shutdowns geöffnet bleiben. Ein Glück für Emilia von Senger: Im Dezember öffnete sie ihren Autor*innenbuchladen “She said”. Mittlerweile ist die Schlange vor dem Laden auf dem Kottbusser Damm so lange wie einst vor den Clubs.
Quelle: Matthias Ziegler

ZDFheute: Während viele Einzelhändler*innen aktuell um ihre Existenzen bangen, haben Sie mitten in der Pandemie einen Buchladen eröffnet. Wie war das?

Emilia von Senger: Als ich die Entscheidung getroffen habe, "She said" aufzumachen, gab es noch keine Pandemie. Das ist über zwei Jahre her. Während des ersten Shutdowns haben viele zu mir gesagt: "Ein Glück, dass du den Laden jetzt renovierst, wenn du eröffnest, ist alles vorbei." Das war dann nicht so. Trotz des Drucks, der auf dem ganzen Team während dieser Zeit lastet, sind wir sehr dankbar, dass wir jeden Tag Menschen sehen dürfen. Das viele Arbeiten und Zusammenarbeiten ist eine Ablenkung in dieser sonst sehr leeren und traurigen Zeit.

An den Wochenenden haben wir draußen extrem lange Schlangen. Manche warten 1,5 Stunden, bis sie reinkommen dürfen. Aktuell dürfen nur fünf Leute gleichzeitig rein. Ich glaube, das riesige Interesse kommt auch daher, dass sonst nicht viel zu tun ist. Es gibt keine Theaterstücke, keine Ausstellungseröffnungen, keine Kinofilme - für viele kam ein Besuch bei "She said" einem Galeriebesuch gleich.

ZDFheute: Noch vor der Eröffnung hatte Ihr Instagram-Account shesaidbooks über 20.000 Follower*innen. Welche Rolle spielt die Community bei dem Projekt?

von Senger: Ich habe die Eröffnung der Buchhandlung von Anfang an auf Instagram begleitet, viele unserer Follower*innen haben die Räume hier in ihrem Rohzustand gesehen. Jetzt fragen wir die Leute, welche Bücher sie bei uns sehen möchten, wir fragen sie um Rat und kriegen ganz viele Ideen und Inspirationen. Dass der Laden so groß geworden ist und wir so viel investiert haben, liegt auch an den vielen Menschen, die das Projekt von Anfang an spannend fanden.

She said books - Bücherstapel
Die aktuellen Verkaufsschlager bei "She said".
Quelle: She said books

ZDFheute: Wie wichtig ist Instagram aktuell für die Leser*innen?

von Senger: Instagram macht Lesen zu etwas Sozialem. Es gibt so viele verschiedene Communities, die die eigenen Interessen teilen und in denen sich über die Bücher ausgetauscht wird. So entstehen Hypes, plötzlich wollen alle ein bestimmtes Buch lesen. In der Gesellschaft können so neue Diskurse stattfinden - fernab von der Spiegel-Bestsellerliste.

Ein gutes Beispiel ist "Die Elenden" von Anna Mayr, in der sie anhand ihrer persönlichen Geschichte beschreibt, was Armut und Arbeitslosigkeit für eine Gesellschaft bedeuten. Und plötzlich prägt dieses Buch eine Debatte. Das empfinde ich als sehr positiv. Ich glaube, auf Instagram wird insgesamt weiblicher und diverser gelesen.

ZDFheute: Woher kommt der Name "She said"?

von Senger: "Sagte sie" ist der Titel einer Anthologie, in der 17 deutschsprachige Autor*innen nach #metoo über Sex und Macht schreiben. Lina Muzur, die jetzige Verlagsleitung von Hanser Berlin, hat das herausgegeben und in dem Vorwort erklärt, dass der Buchtitel von der englischsprachigen Redewendung "He said, she said" inspiriert wurde. Zwei Menschen nehmen eine Geschichte sehr unterschiedlich wahr "Seine Version" haben wir in der Vergangenheit zu oft gehört. Das hat mich inspiriert.

ZDFheute: "She said" unterscheidet sich stark von anderen Buchläden: Sie verkaufen nur Bücher von weiblichen und queeren Autor*innen. Welcher Wunsch steckt dahinter?

von Senger: Ich wünsche mir natürlich, dass die ganze Verlagswelt so wird wie wir! Nein, natürlich sollen auch hetero Cis-Männer noch gelesen werden, aber ich plädiere dafür, dass es paritätische Programme gibt und dass Menschen mit Migrationserfahrung, trans Menschen in den Verlagen sitzen. Dass diese Themen wichtig sind, wissen inzwischen alle, aber die Wege in die Verlage sind immer noch sehr konservativ.

Außerdem wünsche ich mir ein anderes Verständnis von Diversität. Feminismus ist intersektional. Es gibt in einer Gesellschaft unterschiedliche Diskriminierungsformen, eine davon ist Sexismus oder Misogynie, andere sind Rassismus, Ableismus, Ageismus. Wenn man sich für eine dieser Gruppen einsetzt, so unsere Überzeugung, muss man sich für alle einsetzen. Die Frage ist immer: Wie können wir andere Menschen mitdenken? Ich will überhaupt nicht sagen, dass "She said" das perfekt macht, aber zumindest versuchen wir es.

ZDFheute: Es gibt aber sicher auch Menschen, die genau das Konzept kritisieren.

von Senger: Natürlich. Neben den klassischen Trollen kommt auch immer wieder das vermeintliche Argument: "Ist das nicht umgekehrte Diskriminierung und kommt es nicht auf die Qualität der Bücher an?"

ZDFheute: Und? Ist es umgekehrte Diskriminierung?

von Senger: Nein, das gibt es nicht. Diskriminierung hat immer etwas mit Macht zu tun, und wo die Macht in unserer Gesellschaft liegt, ist ganz klar. Deswegen findet hier keine umgekehrte Diskriminierung statt, es ist ein Versuch einer Gleichstellung in minimaler Art und Weise von einer extremen Ungerechtigkeit, die in unserer Gesellschaft jeden Tag passiert.

Das Interview führte ZDFheute-Redakteurin Caroline Schmitt.

Maike lebt als Trans-Person. Vor fünf Jahren hat sie sich geoutet - ein harter Weg mit einem großen Ziel: So angenommen zu werden, wie sie ist.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Aktuelles zur Coronavirus-Krise

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.