Coronavirus: Chinesisches Neujahr als Superspread-Event?

    Coronavirus:Chinesisches Neujahr als Superspread-Event?

    von Elisabeth Schmidt
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    Zum ersten Mal seit der Corona-Pandemie reisen Millionen Menschen in China zu ihren Verwandten. Nach den Ausbrüchen in den Städten befürchten Mediziner weitere Infektionswellen.

    Lidan Wang hat einen großen Koffer gepackt und umkurvt die vielen anderen Reisenden, die am Pekinger Südbahnhof zu ihren Zügen eilen. "Es ist das erste Mal seit drei Jahren, dass ich heim zu meiner Familie fahren kann", erzählt die Friseurin strahlend. Sie macht sich auf den Weg in die Provinz Heilongjiang im Nordosten Chinas. Nach unzähligen Corona-Quarantänen sei sie jetzt "entspannt". Sie habe keine Angst vor einer erneuten Infektion.
    Ähnlich sieht es der 30-jährige Wanderarbeiter Zhiguang Jiang: "Früher habe ich mir Sorgen gemacht", erzählt er. "Aber jetzt ist es nicht mehr so schlimm, wenn man sich ansteckt. Man ist dann nur ein, zwei Tage krank."

    Staatsmedien sprechen von "Corona-Erkältung"

    Es sind die Worte der chinesischen Propaganda: In den staatlichen Medien wird in diesen Tagen nur noch von einer "Corona-Erkältung" gesprochen. Die Nationale Gesundheitskommission verkündete unlängst, sie gehe nicht davon aus, dass es rund um das chinesische Neujahr zu einer größeren Infektionswelle kommen werde. Der Höhepunkt der Ansteckungen mit dem Coronavirus sei in den großen Städten bereits im Dezember gewesen.
    Internationale Experten kommen zu einer anderen Einschätzung. Prof. Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie der Universitätsmedizin Essen und langjähriger Co-Direktor des Labors in Wuhan, befürchtet, dass die Millionen Reisenden in China die Viruswelle von den großen Städten in die ländlichen Regionen tragen werden.

    Vor der Covid-Pandemie machten sich bis zu 500 Millionen Chinesinnen und Chinesen rund um das Neujahrsfest auf, um ihre Verwandten zu besuchen. Auch viele Wanderarbeiter*innen reisen dann traditionell von den großen Städten zu ihren Familien auf dem Land. In diesem Jahr geht die Staatsführung von etwas weniger Reisenden aus. Dennoch seien bereits über zwei Milliarden Zug-, Flug- und Busverbindungen gebucht worden. Seit dem radikalen Ende der Null-Covid-Politik sind auch Auslandsreisen wieder möglich: Nach offiziellen Angaben passieren zurzeit eine halbe Million Menschen täglich die chinesische Grenze.

    Quelle: ZDF

    Getrübte Festtagsstimmung in China20.01.2023 | 2:55 min

    Schlechte Gesundheitsversorgung auf dem Land

    Traditionell fahren mehrere Hundert Millionen Menschen zum Neujahrsfest (22.01.) und den anschließenden landesweiten Feiertagen zu ihren Verwandten. Für viele hatte dieser familiäre Höhepunkt des Jahres seit 2020 wegen Lockdowns und Quarantänen ausfallen müssen.
    Hauptproblem auf dem Land: Die Gesundheitsversorgung ist sehr schlecht. Hausarztpraxen wie in Deutschland gibt es in China nicht. Covid-Tests finden praktisch gar nicht statt und in den Kliniken steht für schwere medizinische Verläufe kaum bis gar keine ausreichende intensivmedizinische Versorgung zur Verfügung. "Wir werden sicherlich viele dramatische Verläufe sehen", prognostiziert Dittmer.

    Wir werden sehr viele Todesfälle zu Hause erleben, wo Menschen in ihren vier Wänden, ohne versorgt zu werden, sterben.

    Ulf Dittmer, Virologe

    Nach Angaben der chinesischen Nationalen Gesundheitskommission sind seit Pandemie-Beginn in China 59.938 Menschen in Zusammenhang mit einer Covid-Infektion gestorben. Das Durchschnittsalter der Todesfälle wurde mit 80,3 Jahren angegeben. Die Zahl der Neuinfektionen wird seit Dezember nicht mehr veröffentlicht. Die Weltgesundheitsorganisation kritisierte wiederholt einen Mangel an Transparenz. Laut dem in London ansässigen Datenverarbeiter "Airfinity" könnte noch während der Neujahrsfeierlichkeiten der Höhepunkt der Neuinfektionen erreicht werden, die Zahl könnte auf bis zu 4,8 Millionen Neuinfektionen pro Tag ansteigen. Der Datenverarbeiter prognostiziert in seinen Modellen außerdem bis zu 36.000 Covid-Tote pro Tag.

    Quelle: ZDF, dpa

    Das Problem mit Chinas Impfstrategie

    Anders als in Deutschland hat China erst die junge, fitte Bevölkerung geimpft. Bis heute sind laut Staatsmedien 25 Millionen Menschen überhaupt nicht geimpft, ein Viertel der Über-60-Jährigen nur einmal. Bei den Über-80-Jährigen sind es fast zwei Drittel, die nicht geboostert sind.
    Hinzu komme, erläutert Prof. Dittmer, dass die verabreichten chinesischen Impfstoffe gerade einmal zu 40 bis 60 Prozent vor einer schweren Erkrankung schützten. Westliche Vakzine haben dagegen einen Wirkungsgrad von 80 bis 90 Prozent. Bei vielen Chinesinnen und Chinesen liegt die Impfung außerdem lange zurück.
    Das Virus trifft nun auf eine weitgehend ungeschützte Bevölkerung. Die vorherrschende Omikron-Variante ist in ihrer Verbreitung auch noch radikaler als bisherige Virusmutationen: Mehrere Studien zeigen, dass diese Variante, wenn sie auf Ungeimpfte trifft, schwere Verläufe verursachen kann und eine ganz schlechte Immunität vermittelt, erläutert Dittmer. "Das heißt, man ist dann kaum geschützt gegen weitere Infektionen, gegen eine zweite oder sogar dritte Infektion."

    Sorge reist in China mit

    Während auch in Peking überall auf den Straßen rote Lampions aufgehängt werden, unzählige Hasen-Statuen und -Figuren auf den letzten Drücker blitzeblank poliert werden, bleibt bei vielen internationalen Beobachtern die Befürchtung, dass das Virus zu den Familienfeiern mitreist.
    In der Nacht zum Sonntag wird nach dem traditionellen Mondkalender in China dann das "Jahr des Hasen" begrüßt. Chinesische Wahrsager erwarten ein Jahr mit "Harmonie und Konfliktlösung". Viele hoffen, dass die Pandemie trotz Rekord-Viruswelle irgendwie überwunden werden kann.
    Elisabeth Schmidt ist ZDF-Ostasienkorrespondentin im Studio Peking.
    Quelle: Mit Material von Reuters

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