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Virologe widerspricht Bericht - "Delta ist eben nicht harmlos"

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Weniger schwere Fälle, trotz explodierender Corona-Infektionszahlen in einigen Länder. Wie harmlos oder gefährlich ist die Delta-Variante? Virologen wie Stephan Becker antworten.

Bevölkerte Frankfurter Innenstadt am Samstag.
Bevölkerte Frankfurter Innenstadt am Samstag - auch in Deutschland wird eine vierte Welle erwartet.
Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa

Die Delta-Variante des Coronavirus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch und lässt die Inzidenzen in Ländern wie Großbritannien und Portugal in die Höhe schnellen. Experten rechnen auch in Deutschland mit einer vierten Welle. Doch anders als früher steigt die Zahl der schweren Fälle mit Krankenhauseinweisungen und die Zahl der Verstorbenen nicht im selben Maß mit an. Wird das Coronavirus schwächer?

Schon im vergangenen Jahr wies der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast darauf hin, dass Virus-Mutationen entstehen könnten, die Corona zu einem harmlosen Schnupfen machen.

"Corona wird weniger gefährlich", jubelte jetzt die "Bild"-Zeitung am Dienstag - "Virologe sagt, warum die Delta-Variante uns sogar Hoffnung machen kann". "Coronavirus wird immer harmloser", titelte auch rtl.de, ähnlich das Nachrichtenportal oe24: "Virologe gibt Entwarnung: Corona wird schwächer".

Virologe distanziert sich von "Bild"-Bericht

Doch ist es tatsächlich die Delta-Variante, die die vierte Welle harmloser macht? Der von "Bild" zitierte Virologe Professor Stephan Becker vom Marburg-Institut für Virologie sieht sich in dem Bericht falsch wiedergegeben. Im Gespräch mit ZDFheute erklärt er: "Ich würde nicht sagen, dass uns die Delta-Variante Hoffnung machen kann. Mit dieser Darstellung habe ich ein Problem." Das Virus könne sich im Laufe der Zeit zwar abschwächen, weil es sich daran anpasst, dass immer mehr Menschen immun sind. Aber es gebe keine Belege dafür, dass das mit Delta bereits geschehen ist.

In Großbritannien hat sich die Delta-Variante massiv verbreitet. Dennoch planen dort die Verantwortlichen praktisch alle Beschränkungen aufzuheben.

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"Delta ist eben nicht harmlos. Es gibt zwar keinen Grund zur Panik, aber wir müssen uns trotzdem weiter davor schützen, so wie wir das auch mit der Ursprungsvariante gemacht haben: Abstand halten, Masken tragen, impfen lassen."

Doch wie gefährlich oder harmlos ist Delta tatsächlich? Warum gibt es derzeit verhältnismäßig weniger schwere Fälle? ZDFheute hat weitere Virologen um eine Einschätzung gebeten. Dass Delta harmloser sei, will keiner von ihnen bestätigen. Stattdessen nennen die Experten andere Gründe dafür, dass die Zahl der Hospitalisierungen und Verstorbenen in Ländern, in denen Delta wütet, nicht dramatisch steigt.

Ältere sind meist geimpft - Jüngere haben oft leichtere Verläufe

Professor Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie weist darauf hin, dass es zur Zeit schwierig sei, die Krankheitsverläufe zu vergleichen: "Wir haben ja hauptsächlich jüngere Menschen, die sich infizieren, - einfach, weil Ältere und Risikogruppen zu einem großen Teil geimpft sind. Und Jüngere erkranken meist weniger schwer. Da ist es schwierig zu sagen, dass das an einer harmloseren Variante liegt."

Man sehe ja auch, dass in Großbritannien die Hospitalisierungen und auch die Sterbefälle zunehmen, so Zeeb. Es gebe wohl unterschiedliche Symptome - bei Delta ähneln sie eher allergischen Reaktionen - und es gebe weniger Fälle von schweren Lungenentzündungen. "Aber wir müssten uns einfach gleiche Altersgruppen anschauen und vergleichen." Dazu gebe es allerdings noch zu wenige Daten.

Auch Delta verursacht schwere Verläufe

Professor Ulf Dittmer, Direktor am Institut für Virologie des Universitätsklinikums Essen, bringt es auf den Punkt:

Von einem "Schnupfenvirus" sind wir noch weit entfernt.
Ulf Dittmer, Direktor am Institut für Virologie des Universitätsklinikums Essen

Es scheine zwar so, als ob Delta sich sehr stark im oberen Nasen-Rachen-Raum vermehre und dadurch infektiöser sei. Ob es aber auch weniger heftige Krankheitsverläufe verursacht, sei noch immer unklar. "Auch bei Delta gibt es schwere Verläufe, das zeigen die Zahlen aus einigen Ländern. Vermutlich wird es immer weiter Risikopatienten geben, die es schwer trifft", so Dittmer.

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Impfungen wirken weniger gut gegen Delta

Ähnlich sieht es auch Professor Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen:

Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass die Delta-Variante weniger gefährlich ist.
Friedemann Weber, Direktor Institut für Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin, Justus-Liebig-Universität Giessen

Weber verweist auf eine aktuelle Studie aus Schottland, nach der sich die Hospitalisierungsrate bei Jüngeren verdoppelt habe: "Gerade im Moment sind vor allem Jüngere betroffen, weil Ältere ja zum großen Teil schon geimpft sind", so Weber.

Zudem gebe es etliche Studien, die belegen, dass Impfungen etwas weniger gut gegen die Delta-Variante wirkten. Tatsächlich zeigen mehrere Laboruntersuchungen, dass der Schutz der Impfstoffe gegen Delta reduziert ist - und eine gute Schutzwirkung meist nur bei vollständiger Impfung existiert.

Weber erklärt außerdem, dass es keineswegs gesichert ist, dass sich das Virus überhaupt einmal abschwächt. Es sei "schlicht Unsinn" zu glauben, dass Viren mit der Zeit ungefährlicher werden, um sich besser vermehren zu können. Als Beispiele nennt er das Tollwut-Virus oder HIV - beides Krankheiten, die unbehandelt tödlich enden und bei denen "kein Trend in Richtung Harmlosigkeit zu sehen" sei.

Corona-Impfstoff von Biontech.

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