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Wie gefährlich sind die Anti-Lockdown-Demos?

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Infektionen nach Corona-Protest - Wie gefährlich sind die Anti-Lockdown-Demos?

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Nach den Protesten vom 9. Mai rechneten viele mit einem starken Anstieg der Infektionszahlen. Der ist bislang ausgeblieben. Waren die Befürchtungen also unbegründet?

In Stuttgart demonstrierten zahlreiche Menschen gegen die Corona-Beschränkungen und für Grundrechte wie Versammlungsfreiheit und Glaubensfreiheit.
Rund 5000 Menschen protestierten am 9. Mai auf dem Canstatter Wasen in Stuttgart gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung.
Quelle: dpa

Für Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) ist die Sache klar: Die Anti-Lockdown-Proteste vom 9. Mai waren ein "Superspreader, also ein riesiger Virusverbreiter".

Wenige infizieren viele

Tatsächlich ist es gar nicht so einfach, den Einfluss der Demonstrationen auf das Infektionsgeschehen eindeutig zu bewerten. Zwar gehen Forscher beim neuartigen Coronavirus inzwischen davon aus, dass für 80 Prozent der Ansteckungen nur zehn Prozent der Infizierten verantwortlich sind, sprich: Wenige infizierte Menschen geben das Virus an sehr viele Menschen weiter, andere verbreiten es gar nicht.

Demonstrationen wie am 9. Mai in Stuttgart, München, Nürnberg und Berlin wären demnach durchaus gefährlich – zumindest in der Theorie.

Allerdings müsste erst einmal ein solcher "Superspreader" an den Protesten teilnehmen. Aus heutiger Sicht ist zumindest zweifelhaft, dass dies am 9. Mai der Fall war – das zeigt ein Blick auf die täglichen Neuinfektionen in Städten, wo sich mehr als 2.000 Menschen zu Protesten gegen die Corona-Maßnahmen versammelten.

Von der Ansteckung mit dem Coronavirus bis zum Ausbruch der Krankheit Covid-19 vergehen dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge im Mittel fünf bis sechs Tage, hinzu kommen einige wenige Tage bis zu einem möglichen Test und dem Eintreffen der Meldung beim zuständigen Gesundheitsamt.

Hätten die Demonstrationen vom 9. Mai einen nennenswerten Einfluss auf das Infektionsgeschehen gehabt, würde sich das bereits in den täglichen Neuinfektionen widerspiegeln.

Mehr Tests als je zuvor

Dass diese nicht deutlich angestiegen sind, dürfte mit der geringen Zahl der aktuell Infizierten zusammenhängen. Den Gesundheitsämtern waren am Freitagabend in Stuttgart gerade einmal 141 aktive Corona-Fälle bekannt, in Nürnberg 71, in den Millionenstädten Berlin und München 512 beziehungsweise 915 Fälle.

Gleichzeitig haben die Labore dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge in der vergangenen Woche mehr Corona-Tests durchgeführt als je zuvor seit Beginn der Pandemie. In Stuttgart etwa waren es seit dem 10. Mai rund 5.000, in München gut 1.400. Nach Auskunft der Gesundheitsämter in Stuttgart und München hat keiner der positiv Getesteten angegeben, an den Demonstrationen teilgenommen zu haben.

Demoteilnahme ist Glücksspiel

Unklar bleibt die Höhe der Dunkelziffer. Auch wie viele Demoteilnehmer tatsächlich in den Städten gemeldet sind, und welche aus den umliegenden Landkreisen angereist waren, ist nicht bekannt.

Somit gleicht die Teilnahme an einer Demonstration letztlich einem Glücksspiel – gerade bei so geringen Fallzahlen: "In dieser Situation spielt der Zufall eine große Rolle. Es kann sein, dass zufällig kein Infizierter unter den Demonstranten war. Oder, dass ausgerechnet der infizierte Teilnehmer nicht viel Kontakt auf der Demo hatte", sagt der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk, der sich an der Martin-Luther-Universität in Halle mit der Entstehung und Verbreitung von Epidemien beschäftigt.

Doch selbst wenn es auf den Demonstrationen zu Ansteckungen kommen sollte, bleibt Mikolajczyk vorsichtig optimistisch: "Solange die Basisreproduktionszahl R unter 1 ist, kann es auch kleinere und größere Ausbrüche geben, die dann zum Erliegen kommen."

Kein Vergleich zu Heinsberg und Ischgl

Außerdem unterscheiden sich die Demonstrationen grundsätzlich von den Karnevalssitzungen, Après-Ski-Parties und Konzerten, die zu Beginn der Pandemie die Ausbreitung des Coronavirus mutmaßlich stark beschleunigten. Lautes Singen und Sprechen gab es zwar auch während der Protestaktionen. Aber:

Grundsätzlich ist das Übertragungsrisiko im Freien geringer als in womöglich schlecht belüfteten Innenräumen, wo die Menschen nah beieinandersitzen.
Rafael Mikolajczyk

Hinzu kommt, dass selbst Kritiker und Gegner der Corona-Maßnahmen inzwischen sensibilisiert sein dürften. "Das war zu Beginn der Epidemie sicherlich anders: In der Grippesaison sind ja viele gewohnt, trotz leichter Erkältungssymptome weiterhin an verschiedenen Aktivitäten teilzunehmen."

Proteste bleiben problematisch

Dennoch warnt der Epidemiologe davor, jetzt leichtfertig an Protesten gegen die Corona-Maßnahmen teilzunehmen. Noch sind die Auswirkungen der Proteste vom 16. Mai völlig unklar:

Es wäre falsch zu schlussfolgern, dass nur, weil einmal nichts passiert ist, das nächste Mal auch keine Gefahr besteht.
Rafael Mikolajczyk
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