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Das Unbehagen an der Freiheit : Corona: Wo ist die Eigenverantwortung?

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Freiheit und Verantwortung sind zwei Seiten einer Medaille. Die Corona-Krise zeigt: Unsicherheiten erschweren eigenverantwortliches Handeln.

Ein Paar blickt beim Spazierengehen an einer Palme in Palma de Mallorca hinauf. Auf Mallorca öffnen die Hotels, in Deutschland bleiben sie geschlossen.
Nach Mallorca in den Urlaub?
Quelle: Reuters/Enrique Calvo

Mit dem Sommer und den Impfungen erreichen wir ein neues Stadium der Pandemie. Die Phase der strikten Regeln und Maßnahmen weicht der Phase der Eigenverantwortung. Selbstverständlich hatten wir diese Verantwortung schon immer, doch die Gesetze der Regierung, die Empfehlungen des RKI und der Stiko nahmen uns zu Beginn der Pandemie die Notwendigkeit, eigenverantwortlich zu handeln.

Nun, in Zeiten der Lockerungen, stellt sich die Frage, wie eine Pandemie-geplagte Republik mit dieser Freiheit umgeht. Dürfen wir nun wieder nach Mallorca fliegen und feiern, als gäbe es kein Morgen? Dürfen schon. Doch die Krux an der Eigenverantwortung ist: Es geht nicht darum, was man darf, sondern darum, was sinnvoll ist.

Wegen stark steigender Corona-Zahlen sollen auf Mallorca Partys und Trinkgelage an Stränden und in Parks vermieden werden und Gaststätten wieder früher schließen.

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Bald wieder Corona-Beschränkungen? Es liegt an uns

Claus Dierksmeier, Professor für Globalisierungsethik an der Uni Tübingen, stellt fest: Wenn Bürger innerhalb der Freiräume, die ihnen das staatliche Gemeinwesen lässt, jeweils nur nach Eigennutz streben, sei die Belastung für das Gemeinwesen deutlich höher, als wenn jeder sich eigenverantwortlich zugunsten des Allgemeinwohls einschränke.

Verantwortung und Freiheit bestärken und verstärken sich wechselseitig.
Claus Dierksmeier

Eigenverantwortung, ergänzt er, könne nicht isoliert von Fremdverantwortung gedacht werden. Wahrlich liberales Denken schließe deshalb den Diskurs über Fragen des Gemeinwohls ein. Der Freiheitsgebrauch von heute entscheide demnach über die Maßnahmen von morgen:

Die Bevölkerung [hat] einen Einfluss darauf - durch ihr eigenes Verhalten, ihr eigenverantwortliches Verhalten -, wie viele solcher Regelungen überhaupt und wie intensiv notwendig werden.
Claus Dierksmeier

Ob wir unsere jetzige Freiheit behalten, hängt also davon ab, wie reflektiert und verantwortungsvoll wir heute handeln.

Das Impf-Tempo lässt nach. Ob es in Zukunft Einschränkungen für Impfverweigerer geben könnte, darüber wird derzeit stark debattiert.

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Extreme Haltungen: Flucht vor Eigenverantwortung

Gerade in einer komplexen Welt könne Freiheit überfordern, vermutet Dierksmeier - und das nicht nur, aber besonders zu Zeiten von Corona. Jenseits der Urlaubspläne zögert ein Großteil der Bevölkerung, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen. Doch warum?

Sicherlich spiele ein erhöhtes Risikobewusstsein eine Rolle. Dierksmeier konstatiert: Die Angst, ein Fehlurteil zu treffen, sei eine Herausforderung, "die manche Menschen vermeiden wollen und vermeiden können, wenn sie sich in die Extreme schlagen". Indem man übermäßig polarisiere, entziehe man sich der Eigenverantwortung.

Manche verlangten Freiheit, gänzlich frei von Regeln. Andere ordneten sich Autoritäten unter. Beides sei zwar leicht, aber auch falsch. Man lerne gerade als Gesellschaft, "dass es nicht die eine klare Antwort gibt, dass es aber wohl bessere und schlechtere Antworten gibt - und dass der Weg von den schlechteren zu den besseren Antworten ein Weg des Diskurses und des immer wieder neuen Abwägens kritischer und gegenkritischer Argumente ist." So könne man dem Unbehagen der Freiheit angesichts einer komplexen Lebenswelt begegnen.

Zu sehen ist der Philosoph Prof. Dr. Markus Gabriel im Videointerview mit einer erklärenden Geste.
Interview

Pandemie-Bekämpfung der Politik - Gabriel: Mehr auf Eigenverantwortung setzen 

Die deutsche Pandemie-Bekämpfung ist auf Schlingerkurs. Ein Philosoph erklärt, warum Vergleiche mit anderen Ländern nichts bringen und mehr Eigenverantwortung notwendig ist.

Gesellschaft muss Verantwortung von Bürgern verlangen

Zwar stünden auf der einen Seite nach wie vor Unsicherheit, Komplexität und in manchen Fällen auch Bequemlichkeit, doch trotzdem schlussfolgert Dierksmeier: Eine Gesellschaft darf und muss ihren Bürgern Verantwortung abverlangen können. Schließlich stecke in 'Verantwortung' auch 'Antwort' - "weil der Wunsch, zu entsprechen und zu geben in uns drin wohnt, aber auch abgerufen werden muss".

Wichtig sei hierbei, Freiheit nicht mehr als Privatismus, sondern mit Bezug zur Gesellschaft zu sehen und zeitlich wie räumlich über den eigenen Tellerrand zu blicken. Reflektierend und abwägend könne man auch dann eigenverantwortlich handeln, wenn die Dinge nicht ganz eindeutig sind.

Helge Braun (CDU), Chef des Bundeskanzleramtes und Bundesminister für besondere Aufgaben, vor der wöchentlichen Kabinettssitzung im Kanzleramt.

Corona-Einschränkungen - Braun: Geimpfte werden mehr Freiheiten haben 

Angesichts steigender Corona-Zahlen müssen Menschen ohne Impfung laut Kanzleramtsminister Braun mit stärkeren Einschränkungen rechnen. Geimpfte sollen mehr Freiheiten bekommen.

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