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Weihnachtszeit und Corona - Die Pandemie der Einsamkeit?

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Kontaktbeschränkungen, Teil-Shutdown: Viele fühlen sich in dieses Weihnachten einsamer denn je. Warum Einsamkeit nicht nur ein Problem der Krise ist und was wir dagegen tun können.

Mann steht alleine in einem leeren Raum
Jeder vierte in Deutschland fühlt sich einmal die Woche einsam - schon ein Winken am Fenster könnte helfen, sagen Experten.
Quelle: photocase

Stille Nacht, einsame Nacht - 17,6 Millionen Menschen in Deutschland leben alleine. Jetzt, mit den Corona-Maßnahmen und zur Weihnachtszeit kann das eine Belastung sein. Es ist auch die Pandemie der Einsamkeit. Eine von diesen Alleinlebenden erzählt, wie es ihr jetzt geht - ihren Namen möchte sie dabei nicht nennen. Sie wohnt allein, Eltern und Partner sind schon gestorben. Sie ist Einzelkind. Sie hat keine Kinder. Sie ist in Rente. Sie ist allein.

Jeder Vierte fühlt sich ab und zu einsam

Und doch war sie es meistens nicht, denn sie hatte sich ein großes Netz aus Verabredungen aufgespannt: Single-Stammtisch, Malgruppe, Buddhismus-Gruppe, Gedächtnistraining, Wandern. Mit Corona ist dieses Netz grobmaschiger geworden, die Lücken, in denen sie allein ist, sind jetzt größer. "Mir hilft der Gedanke, dass es ja vielen so geht", sagt sie.

Wir müssen als Gemeinschaft und Gesellschaft besser aufeinander Acht geben.

, sagt Sonia Lippke. Sie lehrt Psychologie an der Jacobs University Bremen. Schon ein freundlicher Blick, ein Winken vom Fenster, ein Gruß im Vorbeigehen könnten helfen. "Es kann schon viel verändern, wenn der andere merkt, dass er wahrgenommen wird."

Lippke hat sich im ersten Lockdown über den Begriff "Social Distancing" geärgert. "Wir müssen uns nur räumlich distanzieren, nicht sozial", sagt sie. Den Nachbarn helfen, telefonieren, Emails und Briefe schreiben - das sei jetzt wichtiger denn je. Sie untersucht das Thema Einsamkeit und führt seit Anfang des Jahres Online-Befragungen durch. Erschreckendes Ergebnis: Jeder vierte fühlt sich mehr als einmal die Woche einsam.

Betrifft auch viele junge Menschen

Chronisch einsam fühlen sich fünf bis fünfzehn Prozent der Menschen, sagt Einsamkeitsforscherin Susanne Bücker von der Ruhr Universität Bochum. Das höre sich nicht viel an, aber wer betroffen ist, leide extrem. "Chronische Einsamkeit kann zu Depressionen führen und zu einer Veränderung des Immunsystems", sagt sie. "Einsame Menschen haben häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine niedrigere Lebenserwartung".

Chronische Einsamkeit sei wie chronischer Stress. "Wir müssen mehr über Einsamkeit reden, das Thema braucht mehr Aufmerksamkeit", sagt Bücker. Einsamkeit sei hochgradig stigmatisiert. Es sei nicht leicht zuzugeben, dass man sich einsam fühlt.

Kuscheltherapie wurde lange Zeit belächelt. In Zeiten von Corona rückt das Thema aber zunehmend in den Fokus.

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Dass Einsamkeit vor allem ältere Menschen betreffe, sei ein Stereotyp, hat Lippke festgestellt. Gerade unter dem ersten Lockdown hätten vor allem jüngere Menschen ohne Familie oder Familien mit jungen Kindern gelitten.

Auch Bücker kommt zu einem ähnlichen Ergebnis - sie führt eine Studie sei Beginn des ersten Lockdowns im März durch. Für die ersten vier Wochen sind die Daten schon ausgewertet. Ergebnis: In den ersten zwei Wochen stieg das Einsamkeitsgefühl bei den Menschen im Durchschnitt an, dann fiel es wieder ab. Besonders betroffen seien junge Erwachsene gewesen.  

Was tun gegen die Einsamkeit?

Christiane Rieth leitet die ehrenamtliche Telefonseelsorge in Darmstadt. Einsamkeit sei dort schon vor Corona das Hauptthema gewesen. Die Gespräche seien aber jetzt schwieriger geworden. Eigentlich wollen sie die Anrufenden ermutigen. "Aber wir wollen Corona ja nicht wegreden oder falsche Hoffnungen machen", sagt Rieth. Viele niedrigschwellige Angebote zu gemeinsamen Treffen fallen momentan weg . Auch ihr Angebot für Heiligabend, ein Spaziergang mit einem gemeinsamen Suppe-Essen müsse wohl ausfallen. Sie sagt:

Ich hoffe, dass das Problem Einsamkeit durch Corona bewusster wird und mehr dagegen getan wird.

Sie schaut dabei nach England - dort gibt es seit einem Jahr ein Ministerium für Einsamkeit. "Die Politik muss sagen, ja das ist ein Thema." Es solle mehr Geld in Forschung und Projekte fließen.

Bettina Tarmann von der Telefonseelsorge in Frankfurt und Offenbach hofft ebenfalls, dass das Thema vielleicht auch gerade wegen Corona in den Vordergrund rückt. "Insgesamt ist es eine gute Zeit, um inne zu halten, und sich zu fragen, was ist denn das Wesentliche? Und das sind unsere Beziehungen zu anderen Menschen", sagt sie.

Rausgehen und anderen helfen

Die alleinlebende Frau hat ihre eigenen Hilfsmittel gegen Einsamkeit: Viel telefonieren, meditative Übungen und - rausgehen. "Man muss sich zwingen, rauszugehen und sich zu bewegen", sagt sie. Das schütte Glückshormone aus - und dann freue man sich auch wieder auf Zuhause. Und noch einen Tipp hat sie: Anderen helfen.

Letzens habe sie im Radio gehört, dass wegen des gestiegenen Bedarfs noch Leute für die Telefonseelsorge gesucht würden. Sie wolle sich jetzt erkundigen. "Vielleicht ist das was für mich", sagt sie. "Ich denke, wenn man selbst etwas nicht bekommt, was man sich wünscht, ist es gut, es anderen zu geben", sagt sie.

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von Julia Lösch

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