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"Brot für die Welt"-Präsidentin - Ausbleibende Kollekten verschärfen Hungersnot

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Mangelnde Solidarität bedrohe die Existenz Millionen armer Menschen in den Entwicklungsländern, warnt Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin des Hilfswerkes Brot für die Welt.

Eine Frau gibt Geld für die Kollekte in einer Kirche in Köln am 02.11.2020, Archivbild
Corona-bedingt ausbleibende Kollekten verschärfen indirekt die Hungersnöte in aller Welt.
Quelle: dpa/Oliver berg

ZDFheute: Es ist absehbar, dass dieses Jahr deutlich weniger Menschen die Weihnachtsgottesdienste besuchen werden als üblich. Welche Folgen hat das für Ihre Arbeit?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Die Weihnachtskollekten machen mit etwa 25 Millionen Euro einen immensen Anteil des gesamten Spendenaufkommens aus.

Der drohende gewaltige Einbruch bei den diesjährigen Kollekten angesichts nicht stattfindender Gottesdienste und geringer Besucherzahlen macht uns sehr, sehr große Sorgen, weil wir gleichzeitig sehen, dass sich die Not von Millionen Menschen in vielen Ländern der Welt Corona-bedingt im kommenden Jahr weiter verschärfen wird.

ZDFheute: Die Pandemie stürzt auch viele Menschen in Deutschland in Not. Wie ist die Lage in den Ländern, in denen Brot für die Welt tätig ist?

Füllkrug-Weitzel: Ich will die Existenzsorgen vieler Menschen in Deutschland nicht kleinreden, aber wir haben einen Staat, der wirtschaftlich in der Lage und politisch willens ist, diesen Menschen zu helfen.

Die große Mehrheit der Weltbevölkerung aber hat kein soziales Sicherungsnetz.

In Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ist in diesem Jahr durch die Pandemie ein unglaublicher wirtschaftlicher und sozialer Schaden entstanden, der sich absehbar nicht verkleinern wird.

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ZDFheute: Was heißt das konkret?

Füllkrug-Weitzel: Wir müssen uns deutlich machen, dass 85 Prozent der arbeitenden Weltbevölkerung von der Hand in den Mund leben.

Das heißt: Wenn diese Menschen in Lockdown-Situationen nicht das Haus verlassen dürfen, dann verdienen sie nichts, um sich und ihre Familien ernähren zu können.

Wir reden von Menschen, die keinerlei Rücklagen haben. Hinzu kommt, dass viele Bauern nicht auf die Felder konnten oder vergebens auf Saatgut gewartet haben, als die Landesgrenzen geschlossen waren. Nun droht auch ihnen Hunger.

ZDFheute: Wie groß ist die Dimension?

Füllkrug-Weitzel: Die Vereinten Nationen sprechen davon, dass sich die Zahl der existenziell von Hunger bedrohten Menschen auf der Welt Corona-bedingt verdoppelt hat: von etwa 137 Millionen auf nun mehr als 260 Millionen.

Diesen Kindern, Frauen und Männern droht der Hungertod. Wir sehen, wie die Menschen bis auf die Knochen abgemagert sind.

ZDFheute: Mit welcher Strategie versuchen Sie trotz befürchteter Spendeneinnahmenverluste die Not zu lindern?

Füllkrug-Weitzel: Ich muss zugeben: Wir stehen einem riesigen Problem gegenüber. Einerseits sind wir dabei, unsere schon geringen Verwaltungs- und Reisekosten noch weiter zu senken.

Andererseits appellieren wir an alle, die es sich leisten können, diesen Menschen in existenzieller Not beizustehen. Auf digitalem Weg genügen schon ein paar Klicks, um Leben zu retten.

Es kommt heute mehr denn je auf Solidarität an, weil es um die Existenz von vielen Millionen Menschen geht.

Auch vergleichsweise geringe Summen können schon viel bewirken.

ZDFheute: Zum Beispiel?

Füllkrug-Weitzel: Für etwas mehr als sechs Euro kann eine Familie in Mexiko eine Packung Samen von sechs verschiedenen Gemüsesorten erhalten, die über drei Anbauzyklen genutzt werden können.

Ein anderes Beispiel: Für 25 Euro kann eine Familie in Brasilien für eine Woche mit Lebensmitteln versorgt werden. Oder schauen wir nach Afrika: In Sambia etwa können wir für 50 Euro Bauern mit Saatgut für den Anbau von Mais auf zwei Hektar Land unterstützen. Das sichert Existenzen.

ZDFheute: Was unternimmt Brot für die Welt politisch, um die Lebensbedingungen der notleidenden Menschen strukturell zu verbessern?

Füllkrug-Weitzel: Wir setzen uns zum Beispiel mit Blick auf das noch ausstehende Lieferkettengesetz dafür ein, dass deutsche und europäische Unternehmen dazu verpflichtet werden sicherzustellen, dass etwa Näherinnen in Bangladesch, die ganz am Anfang der Lieferkette stehen, künftig statt Hungerlöhnen auskömmliche Löhne ausgezahlt bekommen, um der Armut entkommen zu können.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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