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Corona und Binge-Eating - Der Kühlschrank als falscher Freund

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Fehlende Strukturen und soziale Isolation: Die Corona-bedingten Lebensumstände können die Psyche belasten. Viele kämpfen mit einer Essstörung - oder erleiden Rückfälle.

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Der Kühlschrank gegen Kummer: Corona begünstigt Essstörungen.
Quelle: imago/STPP

Emotionaler Stress und Belastung der Psyche, wenig soziale Kontakte und ein ausgehebelter Alltag: Corona reißt Lücken. Und die versuchen viele Menschen mit Essen zu füllen, erklärt der Psychotherapeut Professor Dr. Michael Macht. Denn wo die Maßnahmen einerseits zwischenmenschliche Distanz geschaffen haben, ist andererseits eine ständige Nähe zum Kühlschrank entstanden. Nahrung wirke außerdem "beruhigend und emotional positiv", so der Psychotherapeut.

Ergebnisse aus dem aktuellen Report zum Thema Ernährung. 76 % -> Gemüse und Obst 64 % -> Milchprodukte  27 % -> Süße oder herzhafte Knabbereien 26 % -> Fleisch und Wurst 8 % Alternativen zu tierischen Produkten 1 % Fisch und Meerestiere  Quelle: Ernährungsreport des BMEL (basiert auf forsa-Studie mit 1.004 Befragten)

Pandemie kann Essstörungen begünstigen

Doch insbesondere emotionales Essen, also die "Gewohnheit, negative Gefühle und Stress mit Essen zu bewältigen", wie Macht definiert, birgt ein Risikopotenzial für die Entwicklung einer Essstörung - wenn eine Ausprägung erreicht wird, die als belastend empfunden wird, so der Experte. Zwar war das Verhaltensmuster des emotionalen Essens bereits vor der Pandemie verbreitet - doch für viele der Betroffenen hat sich das vermutlich verschärft, sagt Macht.

Hinzu kommt: Corona hat insbesondere vulnerable und vorbelastete Personen rückfällig werden lassen, wie eine neue Studie der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen zeigt.

Anhand von Selbstreporten und Interviews mit ehemaligen Betroffenen haben Expert*innen die Auswirkungen des ersten Shutdowns auf Patient*innen untersucht, bei denen schon vor Corona die sogenannte "Binge-Eating-Störung" diagnostiziert wurde.

Essen als Stressbewältigung

Das Resultat der Studie: Die Häufigkeit von Essanfällen und allgemeiner Symptome von Essstörungen hat bei ehemaligen Betroffenen zu Beginn der Pandemie zugenommen.

Solche Rückfälle würden auftreten, weil Essen als "Regulation für Emotionen und Stress" genutzt werde, erklärt auch Professorin Dr. Katrin Giel, Studienleiterin und Leiterin des Arbeitsbereichs Psychobiologie des Essverhaltens am Universitätsklinikum Tübingen.

Auch das Homeoffice sowie die "stay at home order" seien Faktoren, die dazu beigetragen hätten, führt sie fort.

Man ist halt zuhause mit dem Kühlschrank, mehr oder weniger alleine. Strukturen fallen weg - und auch das kann eine Risikosituation sein.
Prof. Dr. Katrin Giel

Essen bedeutet für viele Menschen vor allem auch: Stress pur. Intuitives Essen soll dabei helfen, den Körper akzeptieren zu lernen.

Beitragslänge:
2 min
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Binge-Eating und Bewegungsmangel können Adipositas begünstigen

Durch die oftmals auftretenden Essattacken bestehe außerdem die Gefahr, an Adipositas zu erkranken. Natürlich würden nicht alle adipösen Menschen unter Essstörungen leiden, so Prof. Dr. Macht. Doch

einen Zusammenhang zwischen Binge-Eating und Adipositas gibt es durchaus.
Professor Dr. Michael Macht

Auch der "Bewegungsmangel" in Zeiten der Pandemie könne den Trend zu Übergewicht verschärfen, warnt Expertin Giel.

Wir dürfen nicht immer nur aufs Essen gucken.
Prof. Dr. Katrin Giel

Die Kontextbedingungen seien nicht förderlich gewesen: "Wenig Anreize und Möglichkeiten für Bewegung - und Essen als Ressource."

So befürchtet auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass die Pandemie zu mehr Fettleibigkeit führen wird, insbesondere bei Kindern. Übergewicht und Adipositas stünden in direkter Verbindung mit lebensbedrohlichen Krankheiten wie Diabetes und Krebs. Deshalb müssten Vorbeugungsmaßnahmen priorisiert werden, fordert die WHO.

Interventions- und Präventionsstrategien für Betroffene entwickeln

Auch um Personen mit einer Essstörung zu unterstützen, seien entsprechende Strategien wichtig, heißt es in der Studie der Uniklinik Tübingen. Die Pandemie hätte den Zugang zu persönlichen Therapien erschwert, teilweise musste die Versorgung umgestellt werden, so Giel. Deshalb betont sie die Notwendigkeit digitaler Angebote.

Geführte Selbsthilfeprogramme und Chat-Gruppen mit anderen Betroffenen könnten eine Hilfe leisten, um Bewältigungsstrategien wieder aufzufrischen.
Prof. Dr. Katrin Giel

Ebenso dürften Freund*innen und Angehörige eine positive Unterstützung sein.

Es ist aber wichtig, dass man die Person nicht bewertet oder entwertet für ihr Essverhalten.
Prof. Dr. Katrin Giel

Statt Schuldzuweisungen empfiehlt sie, Sorge gegenüber der betroffenen Person zu äußern und ihr emphatisch entgegenzutreten.

Den Teufelskreis durchbrechen

Für Betroffene, die den Teufelskreis selbst durchbrechen wollen, nennt Psychotherapeut Macht drei entscheidende Schritte:

  1. das emotional ausgelöste Verlangen nach Nahrung erkennen
  2. den Essimpuls kontrollieren, ohne zu essen
  3. lernen, negative Emotionen anders als durch Essen zu bewältigen

Allerdings betont er, dass das ein Lernprozess sei, der einige Zeit beanspruchen könne und oft eine gewisse Beharrlichkeit erfordere.

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