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Weihnachten und Silvester - Warum wir an Ritualen festhalten wollen

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Silvester ohne Feuerwerk, Weihnachten ohne große Familienbesuche? Das löst Emotionen aus. Eine Psychologin erklärt, warum es schwer ist, auf Traditionen und Rituale zu verzichten.

Silvester-Feuerwerk in Berlin
Rituale und Traditionen suggerieren uns eine gewisse Normalität in Zeiten von Unverhersehbarem.
Quelle: dpa

ZDFheute: Warum beschäftigt viele die Frage, ob Weihnachten und Silvester wie gewohnt stattfinden können?

Meike Watzlawik: Wir erleben gerade eigentlich ein "physical distancing" und nicht unbedingt ein "Social distancing", wenn es um unser nahes Umfeld geht. Wir können auf vielen Wegen signalisieren, dass uns jemand wichtig ist und Kontakt aufbauen, aber die physische Nähe, die wir zur Zeit vermissen, spielt gerade zu den Festtagen wieder eine besondere Rolle.

Zum Beispiel bei Familienbesuchen oder bei gemeinsamen Essen, für viele Menschen auch bei Gottesdiensten. Dass vieles von dem "normalen" Fest nicht stattfinden kann, auch dadurch, dass jemand im Krankenhaus liegt oder in Quarantäne ist, kann sehr belastend sein.

Grundsätzlich kommt das Psychologische in der ganzen Debatte um Covid-19 zu kurz. Die Verantwortung wird dafür ins Private verlegt und so verbucht zum Beispiel der Weiße Ring einen Anstieg an Fallzahlen. Das darf nicht so stehen gelassen werden.

ZDFheute: Wieso halten wir an Traditionen und Ritualen fest?

Watzlawik: Gerade in der Zeit von "Physical distancing" spielen Traditionen und Rituale eine besondere Rolle. Eine gewisse Planbarkeit und Vorhersehbarkeit suggerieren uns Normalität, nach der viele sich sehnen. Weihnachten hat darüber hinaus eine hohe symbolische Kraft und lässt sich auch nicht verschieben, weil es an den Monat gebunden ist.

Dabei geht es nicht nur um das Event an sich, sondern um die Vorbereitungszeit, das Dekorieren der Wohnung, das Einkaufen von Geschenken. Die Regierung erachtet das als schützenswürdig - nicht nur aus ökonomisches Gründen. 

ZDFheute: Wen trifft es am meisten, wenn die Feiertage nicht wie sonst üblich stattfinden können?

Watzlawik: Weihnachten ist für jeden individuell unterschiedlich wichtig. Es gibt dienigen, die viel mit den Festtagen verbinden und denen es dann besonders schwer fällt, wenn das Fest nicht in gewohnter Weise stattfindet. Andere sehen in Weihnachten eher eine kommerzielle Veranstaltung und fahren in der Zeit sowieso lieber in Urlaub und legen weniger Wert darauf. Denjenigen würde es dann auch einfacher fallen, auf Weihnachten ganz zu verzichten.

Ob jemand gut oder schlecht mit einem ungewohnten Weihnachten, aber auch mit Weihnachten generell zurechtkommt, liegt also weniger am Alter, sondern an der individuellen Bedeutung von Weihnachten. Also den Umständen, unter denen gefeiert wird oder werden kann und damit auch an Faktoren wie sozialer Einbettung und Einsamkeit.

Weihnachten - das Fest der Liebe und der Familie. Die Politik möchte für die Feiertage dennoch Lockerungen beschließen, Vertreter der Kirche sehen das jedoch kritisch.

Beitragslänge:
3 min
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ZDFheute: Kann ein digitales Weihnachten ein Fest vor Ort ersetzen?

Watzlawik: Ersetzen kann es das nicht, aber es kann eine gute Alternative sein. Zumindest für diejenigen, die die individuell technischen Voraussetzungen dafür mitbringen und diese gut einsetzen können.

Aber das Knistern des Kamins, das Flackern der Kerze, der Duft des Essens oder Kuscheleinheiten auf dem Sofa im Wohnzimmer - die fehlen natürlich. Wir erleben das Weihnachtsfest eben nicht nur über zwei, sondern über alle unsere Sinne.

Digitale Festtage können diese vor Ort nicht ersetzen. Sie können es aber leichter erträglich machen, dass man in gewohnter Weise nicht zusammenkommen kann.

ZDFheute: Was hilft uns, wenn ein "normales" Weihnachtsfest/Silvester nicht möglich ist?

Watzlawik: Technik bietet Möglichkeiten zusammenzukommen, zu Hause zu kochen und dann doch irgendwie aufeinander zu treffen. Das muss nicht unbedingt per Videochat über das Smartphone geschehen. Sondern es kann, ganz klassisch, ein Anruf über das Festnetz sein - wenn es dies noch gibt.

Die Schwierigkeit mit Weihnachten ist jedoch die Tatsache, dass der Ablauf häufig sehr ritualisiert ist. Da hilft es, miteinander zu reden und zu klären, wie man sich das Fest vorstellt: Was man sich wünscht - und dann kreativ bei der Umsetzung zu sein. 

Falls ein Weihnachtfest individuell gar nicht möglich sein sollte, könnte es helfen, schon das Fest im nächsten Jahr zu planen.

Das Interview führte Katharina Schuster. Der Autorin auf Twitter folgen: kathi_diana7.

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