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Corona befeuert Alternativen - Kommt die Forschung ohne Tierversuche aus?

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Auch die Corona-Forschung arbeitet mit Tierversuchen. Aber immer häufiger kommen alternative Methoden zum Einsatz. Kann die Wissenschaft künftig ohne Tierversuche auskommen?

Eine Maus sitzt auf der Hand eines Mitarbeiters in einem Labor für Tierversuche.
Zu den Versuchstieren zur Erforschung von Impfstoffen gegen Corona gehören vor allem Mäuse.
Quelle: AP

Corona hat die Entwicklung alternativer Methoden zu Tierversuchen befeuert: Forscher arbeiten an Organmodellen oder Computersimulationen, um im Kampf gegen das Virus schneller voranzukommen.

So lassen sich Versuche mit Lungen- oder Darmgewebe auf speziellen Chips vornehmen, sagt der Neurobiologe Roman Stilling von "Tierversuche verstehen", einer Informationsinitiative der Wissenschaft. Damit ließen sich wichtige Erkenntnisse gewinnen - "doch sie können das Immunsystem eines Gesamtorganismus derzeit noch nicht vollständig ersetzen".

Organmodelle - aus menschlichen Zellen entwickelt

Corona zeige, wie wirkungsvoll alternative Methoden sein können, sagt Dilyana Filipova, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Verein Ärzte gegen Tierversuche. Die Forscher hätten mit den aus menschlichen Zellen entwickelten, organähnlichen, dreidimensionalen Modellen ein geeignetes Mittel für Experimente in der Hand.

Solche Organoide gebe es bereits von etwa zehn Organen. Sie könnten mit dem Coronavirus infiziert und dann hinsichtlich ihrer Immunantwort untersucht werden. Zudem könne mittels Computer die Verträglichkeit eines neuen Wirkstoffs im Vergleich mit bereits existierenden besser als im Tierversuch festgestellt werden.

Mehr als drei Millionen Tiere werden jedes Jahr in Deutschland für Tierversuche benutzt. Zum Beispiel für die Impfstoffherstellung.

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Organoide "nur Ergänzung zum Tierversuch"

Neurobiologe Stilling gibt allerdings zu bedenken, dass solche Organoide "nur eine Ergänzung zum Tierversuch" sein könnten. Niemand mache solche Versuche gerne, aber im Kampf gegen schwere Krankheiten seien sie unverzichtbar.

Tierversuche dürfen ja nur dann durchgeführt werden, wenn es keine Alternative gibt, um eine Forschungsfrage zu beantworten.
Neurobiologe Roman Stilling

Jeder Versuch muss einen Genehmigungsprozess durchlaufen. Der größte Teil der medizinischen Forschung finde ohnehin schon mit Zellkulturen oder im Reagenzglas statt, sagt Stilling. Filipova bedauert, dass das staatliche Fördersystem diesen Trend nicht unterstütze.

Die Entwicklung tierversuchsfreier Forschung wird mit einem Prozent aller Gelder abgespeist.
Dilyana Filipova, Verein Ärzte gegen Tierversuche

Universitäten halten an Tierversuchen fest

Bei der Verteilung der Fördergelder liege fast ausschließlich die Forschung mit Tierexperimenten im Blick, kritisiert auch die baden-württembergische Tierschutzbeauftragte Julia Stubenbord. Doch auch die Entwicklung alternativer Methoden benötige Geräte, Material und Personal. Viele gute Ansätze blieben mangels Geldern auf der Strecke.

Bei den Pharmafirmen gehe der Trend aus Kostengründen zu Alternativmethoden. Die Universitäten hielten hingegen an Tierexperimenten fest.

2019 fast zwei Millionen Tiere in Experimenten eingesetzt

Insgesamt wurden 2019 laut Bundesagrarministerium zwei Millionen Wirbeltiere und Kopffüßer - etwa Kraken - in Tierversuchen eingesetzt. Deren Schweregrad wird in 65 Prozent der Fälle als gering eingestuft - etwa bei einer Blutabnahme. Der Anteil an Experimenten mit schwerer Belastung lag bei fünf Prozent. Darunter fallen etwa Lungenuntersuchungen mit maschineller Beatmung. Die Gesamtzahl der verwendeten Affen und Halbaffen lag 2019 deutschlandweit mit 3.276 auf Vorjahresniveau.

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Zu den Versuchstieren bei der Erforschung von Impfstoffen und Medikamenten gegen Corona gehören vor allem Mäuse, aber auch Ratten, Frettchen, Hamster und Rhesusaffen. Letztere sind empfänglich für eine Infektion mit Sars-CoV-2 und entwickeln auch Krankheitssymptome wie etwa eine Lungenentzündung. "Nach der Gabe der experimentellen Impfstoffe wurden die Tiere mit dem Virus infiziert - sie waren jedoch geschützt, eine Infektion war nicht nachweisbar", heißt es bei "Tierversuche verstehen".

Kampagne "Tierversuche abwählen"

Als gänzlich überflüssig bezeichnet Genetikerin Filipova die Versuche für Vakzine. Über 90 Prozent aller Tierversuche stellten sich in der klinischen Phase als nicht aussagekräftig für den menschlichen Körper heraus. Der Neurobiologe Stilling sagt hingegen:

Speziell bei den Tests zur Sicherheit und Wirksamkeit von Impfstoffen sehen wir eine sehr gute Vorhersagekraft der Tierversuche, was etwa die Art der Immunantwort angeht.
Neurobiologe Roman Stilling

Stilling glaubt nicht, dass es bald möglich sein wird, auf Tierversuche zu verzichten. Filipova hält hingegen einen Ausstieg für möglich - "sehr bald". Ihr Verein "Ärzte gegen Tierversuche" will vor der Bundestagswahl eine Kampagne "Tierversuche abwählen" starten.

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