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Interview

Psychische Folgen der Pandemie - Wie lernt man, Emotionen besser zu verstehen?

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Aktuell kämpfen viele Menschen mit den psycho-sozialen Folgen der Corona-Pandemie. Psychologe Leon Windscheid erklärt, warum Angst auch positiv ist.

Eine Frau steht neben einem Baum.
Umgang mit der Angst: "Negative Gefühle wurden erfunden, um uns zu helfen", so Psychologe Windscheid.
Quelle: dpa

Emotionen machen den Menschen aus. Laut Psychologe Leon Windscheid sind sie sogar die größte Stärke des Menschen. Gerade in der Corona-Pandemie ist die Gefühlslage vieler ins Wanken geraten. Angststörungen treten vermehrt auf, ebenso wie Wut und Trauer. Wichtig sei, seine Emotionen nicht nur zulassen zu können, sondern diese auch zu verstehen. Denn so lerne man, mit ihnen umzugehen.

ZDFheute: Die Welt besteht aktuell aus Kontaktbeschränkungen und psycho-sozialen Folgen, zum Beispiel Angststörungen, die sichtbar werden. Sie sagen, es gibt eine positive Seite von Angst.

Leon Windscheid: Menschen, die eine Angststörung haben, deren Problem ist nicht die Angst, sondern der Umgang mit ihr.

In unserer Gesellschaft ist eine unglaubliche "Happiness"-Mentalität entstanden. Ein Druck zur Zufriedenheit, zum Dauergrinsen.
Leon Windscheid, Psychologe

Jetzt gerade in dieser fordernden Corona-Zeit, die für unsere Psyche wie Folter ist, merken wir, dass das nicht funktioniert. Negative Gefühle sind keine Laune der Natur, um uns zu ärgern, negative Gefühle wurden erfunden, um uns zu helfen.

ZDFheute: Inwiefern?

Windscheid: Das gilt für die Angst genauso wie für die Wut, die Scham oder auch die Trauer. Die Angst ist ein uralter Schutzmechanismus: Vor uns liegt eine Gefahr, unser Gehirn signalisiert uns über die Angst "Du musst was tun". Der Körper fährt hoch, liefert Energie und Ressourcen, um die vor uns liegende Herausforderung zu lösen. Die Angst stellt darüber hinaus unseren Blick scharf. Wenn ein Gefühl uns signalisiert "Achtung, da ist was", dann sollten wir es annehmen, verstehen und nicht wegdrücken.

ZDFheute: Wie kann man lernen, seine Emotionen besser zu verstehen?

Windscheid: Wichtig ist zu fühlen. Ganz viele Menschen lenken sich von ihren Gefühlen ab. Mit Selbstdarstellung, Arbeit, Online-Shopping, Sex, Alkohol oder auch Essen.

Überhaupt einmal wahrzunehmen, dass ich als Mensch ein fühlendes Wesen bin in dieser technologisch-digitalen Welt, das ist ein ganz wichtiger Punkt.
Leon Windscheid, Psychologe

Spürt man die Gefühle, hilft es, diese zu benennen: Ich fühle Wut, Angst oder Scham. Oft geht das aber noch präziser, wenn wir in unserem Wortschatz klauben. Beispielsweise, ich fühle keine Wut, sondern eine Unterform, nämlich Groll. Benenne ich genauer, was ich fühle, kann ich präziser darauf reagieren und werde dann natürlich viel passgenauere Strategien zu Rate ziehen.

Rund 28 Prozent der Erwachsenen leiden an psychischen Krankheiten - auf einen Therapieplatz müssen Betroffene im Schnitt sechs Monate warten. Die Pandemie verschärft die Situation.

Beitragslänge:
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ZDFheute: Gerne wird ja auch von Achtsamkeit gesprochen. Wirkt sie?

Windscheid: Wir haben mittlerweile eine breite Datenbasis, dass Achtsamkeit wirkt. Die Kernidee von Achtsamkeit ist jedoch nicht Entschleunigung oder meditativ da sitzen, das genießen, was man empfindet.

ZDFheute: Nicht?

Windscheid: Die Kernidee von Achtsamkeit ist, die Wahrnehmung von etwas, ohne es zu bewerten. Wir sind ganz groß darin, unsere Gefühle immer einzusortieren. Dann verurteilen wir uns, weil wir in einer depressiven Phase sind, obwohl es uns doch eigentlich gut gehen müsste - rein objektiv. So kommen wir nicht weiter.

Ohne zu werten ein Gefühl anzunehmen, ist das Geheimnis. Dann gibt es eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, dass dieses Gefühl wieder weiterzieht.
Leon Windscheid, Psychologe

ZDFheute: Emotionen sind die größte Stärke des Menschen. Warum ist das so?

Windscheid: Ich glaube, das war schon immer so. Der Mensch definiert sich über seine Intelligenz - Homo sapiens, der weise Mensch. Weil wir im Vergleich zur Tierwelt mehr IQ-Punkte haben, und das hat uns über Jahrtausende an die Spitze der Nahrungskette gebracht. Aber gerade erleben wir, dass uns unsere Intelligenz überholt. Wir schaffen Maschinen und Technologien, die viel smarter sind als wir. Es gibt Software, die Brustkrebs zielsicherer erkennt als Ärzte. Wir versuchen mitzuhalten - wie eine Maschine. Das hat keine Zukunft.

ZDFheute: Warum?

Windscheid: Ich glaube, wenn der Homo sapiens auf dieser Welt eine Zukunft haben möchte, dann müssen wir uns auf das fokussieren, was uns einzigartig macht und uns von den Maschinen abgrenzt: sehr viele Emotionen zu fühlen.

Der Mensch kennt so viele verschiedene Gefühle und dass wir damit ausgestattet sind, das ist unsere größte Stärke. Und unser Alleinstellungsmerkmal.
Leon Windscheid, Psychologe

ZDFheute: Was bedeutet das für uns?

Windscheid: Der Homo sapiens ist wandelfähig, das waren wir schon immer. Wir müssen nur lernen, unsere Gefühle anzunehmen und für uns einzusetzen, dann sehen die Maschinen nämlich ganz schön alt aus. Gerade in einer Welt aus Einsen und Nullen ist dieses Anerkennen von Gefühlen, also dem, was uns einzigartig macht, der zentrale Zukunftsweg.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

EIne Frau sitzt in ihrer Wohnung an der Wand gelehnt

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