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Lage in den Gesundheitsämtern - "Kollegen sind wie kleine Familie geworden"

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Sieben Tage die Woche sind sie zum Teil im Einsatz, nicht selten mehr als zehn Stunden. Vier Mitarbeiter der Gesundheitsämter berichten von ihrem Alltag im Corona-Ausnahmezustand.

Ein Schriftzug weist auf das Gesundheitsamt Karlsruhe hin.
200 bis 300 Überstunden haben einige Mitarbeiter seit dem Frühjahr gesammelt. Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, sind Kollegen schon fast wie Familie. (Symbolbild)
Quelle: dpa

Dr. Claudia Krummacher (39), Gesundheitsamt Berlin-Pankow

Normalerweise arbeite ich im Gesundheitsamt Berlin-Pankow als leitende Kinderärztin und kümmere mich zum Beispiel um Einschulungsuntersuchungen oder um Vorsorgeuntersuchungen für nicht-versicherte Kinder. Durch die Pandemie hat sich das grundlegend verändert. Seitdem leite ich zusätzlich das Lagezentrum, welches für die Kontaktpersonenermittlung von Covid-Patienten zuständig ist.

Zu Beginn der Pandemie - im März und April - war das wirklich anstrengend. Wir waren an sieben Tagen die Woche im Einsatz, jedes Wochenende. Im Sommer hat sich die Lage dann entspannt, einerseits wegen stark gesunkener Fallzahlen, aber auch dank unserer tollen Teamarbeit. Die meisten Kinderärztinnen hier sind Mütter mit Kindern und wir schaffen es trotzdem, auch in der Freizeit füreinander erreichbar zu sein, um uns zu unterstützen.

Man hat uns als Gesundheitsamt auch nicht allein gelassen. Wir haben Hilfe von Mitarbeitern des Bezirksamts bekommen, konnten Medizinstudierende und andere Mitarbeiter anwerben und haben Soldaten der Bundeswehr bei uns im Team. Mit deren Hilfe und unserer vorbereitenden Arbeit im Sommer waren wir in der Lage, die zweite Welle noch gerade so zu stemmen. Aber es gab wirklich wahnsinnig viel zu tun.

Es hat mich dabei schon frustriert, dass wir so viel gearbeitet haben und der Berg an Aufgaben am Ende des Tages nicht kleiner wurde. Das hat viel Kraft gekostet.
Claudia Krummacher

Zurzeit fordern uns die Virus-Varianten sehr heraus. Ebenso kurzfristige Vorgaben des Landes. Zum Beispiel hat das Land Berlin beschlossen, dass wir alle Reiserückkehrer aus Virusvarianten-Gebieten anrufen sollen - ohne zusätzliches Personal. Unsere Mitarbeiter haben aber eigentlich schon alle genügend andere Aufgaben.

Seit Monaten unterstützt die Bundeswehr überlastete Gesundheitsämter. Doch auch mit Hilfe kommen die Ämter kaum hinterher. Auf ausgeschriebene Stellen gibt es kaum Bewerbungen.

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3 min
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[Marietta Slomka interviewt Kanzlerin Merkel heute exklusiv zur aktuellen Corona-Lage.]

Jan Leitenberger (30), Gesundheitsamt Landkreis Nordfriesland

Die Pandemie hat mir zunächst einmal die Chance genommen, als Selbstständiger tätig zu sein. Eigentlich war ich bislang Stadtführer und Kitesurf-Lehrer und absolvierte Praktika in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit im Bereich der sozialen Sicherung. Auch in diesem Bereich konnte ich zu Beginn der Corona-Krise keine Arbeitsstelle finden. Durch den Lockdown bin ich in Hartz IV gerutscht. Im April habe ich mich dann für die Kontaktpersonenermittlung beim Robert-Koch-Institut (RKI) beworben und bin dadurch zum Gesundheitsamt nach Husum gekommen.

Die Pandemie hat somit dafür gesorgt, dass ich arbeitslos wurde und gleichzeitig einen ganz neuen Job ausüben darf.
Jan Leitenberger

Für mich ist das eine große Chance, weil ich viel über die Arbeit im öffentlichen Gesundheitsdienst lerne. Es ist aber auch nicht der Job, den ich mein ganzes Leben lang machen wollte.

Im Oktober hat uns die zweite Welle ziemlich erwischt. Das bedeutete für mich: jede Woche Überstunden. Inzwischen sind es seit Oktober rund 200. Glücklicherweise sind die Fallzahlen in Schleswig-Holstein nicht so hoch wie in Sachsen oder Bayern. Denn auch wir arbeiten zum Teil an der Belastungsgrenze. Aber ich will mich nicht beklagen, denn in Krankenhäusern ist die Lage sicherlich noch angespannter.

Außerdem erleichtert die Reaktion der Menschen am Telefon meine Arbeit. Fast niemand beschwert sich über uns oder verweigert sich der Maßnahmen. Im Gegenteil, viele sind uns sogar dankbar.

Kontaktnachverfolgung, Befragung von Infizierten, Prüfung, ob die Corona-Maßnahmen eingehalten werden – unter dem Druck der hohen Fallzahlen war das kaum möglich. Bekommen die Gesundheitsämter bei den jetzt sinkenden Zahlen die Lage wieder in den Griff?

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Selina Heil (23), Gesundheitsamt Landkreis Main-Kinzig

Durch den Stress und die Herausforderung in der Pandemie bin ich sehr selbstbewusst geworden. Ich war vorher nie eine, die gern telefoniert hat. Da ich aus der Personalabteilung in die Kontaktpersonennachverfolgung verlegt wurde, musste ich diese Hemmung überwinden - auf einmal musste ich jeden Tag zehn bis zwölf Stunden telefonieren. Jetzt macht mir das nichts mehr aus.

Die Kollegen im Gesundheitsamt sind für mich wie eine kleine Familie geworden. Denn ich verbringe derzeit mehr Zeit mit ihnen als mit meiner Familie zuhause.
Selina Heil

Wir helfen uns jeden Tag gegenseitig und trotz der Ermüdung und der anstrengenden Arbeit machen wir zwischendurch auch nochmal einen Witz und lachen gemeinsam. Trotz der hohen Belastung gibt es keinen Tag, an dem man sich anschreit und streitet.

Auch die Arbeit im Gesundheitsamt hat sich verbessert. Die Digitalisierung ist zwar weiterhin ein großes Thema, aber was da während Corona passiert ist, wäre normalerweise in sechs Jahren nicht passiert.

Trotz dieser Fortschritte sind wir bei hohen Fallzahlen nicht in der Lage, die Kontaktpersonen zu ermitteln. Deshalb bin ich mittlerweile als Positivermittlerin im Einsatz. Wir rufen dann nur noch die positiv getesteten Personen an und bitten sie, ihre Kontakte selbst zu informieren. Das klappt aber trotz hoher Fallzahlen ganz gut.

Dabei waren wir im März bereits überlastet, mussten jeden Tag Überstunden leisten. Wir konnten die hohen Fallzahlen im Herbst und Winter nur stemmen, weil wir 40 neue Mitarbeiter und bis zu 30 Bundeswehrsoldaten zur Verfügung hatten.

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5 min
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Lea Hsu (26), Gesundheitsamt Köln

Eigentlich wollte ich mir als Medizinstudentin im Herbst bereits Zeit für mein Staatsexamen nehmen und ab Oktober nicht mehr in der Kontaktpersonenermittlung des Gesundheitsamtes arbeiten. Aber irgendwie bleibe ich doch dabei. Ich glaube, weil ich mich meinen Kolleginnen und Kollegen verpflichtet fühle und weil unser Job Leben rettet.

Die Belastung im vergangenen Jahr war mitunter schon sehr hoch. Ich habe phasenweise viele Überstunden gemacht. Zum Glück haben meine WG-Mitbewohner mir den Rücken gestärkt.

Wenn ich nach einer langen Schicht nach Hause kam und hungrig war, haben meine Mitbewohner mir das ein oder andere Mal ein Drei-Gänge-Menü gezaubert.
Lea Hsu

Trotz der großen Belastung gab es im Prinzip nur zwei Wochen, in denen wir aufgrund hoher Fallzahlen nicht mehr richtig mit der Kontaktverfolgung hinterher kamen. Besonders mitgenommen haben mich Fälle, in denen ich mit den Angehörigen verstorbener Covid-Patienten telefonieren musste. Das war definitiv nicht leicht. Vor allem dann, wenn ich Angehörige trotzdem in Quarantäne schicken musste.

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